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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Erste Homilie: Einleitung

5.

Man kann auch nicht sagen, das Evangelium sei deshalb von allen so bereitwillig angenommen worden, weil sein Inhalt gewöhnlich und einfach sei; es ist im Gegenteil weit erhabener, als was jene schrieben, Jungfrauschaft zum Beispiel ließen sie sich nicht einmal dem Namen nach auch nur träumen; ebensowenig1 Armut, Fasten oder sonst etwas Ähnliches und Erhabenes. Unsere Lehrmeister hingegen haben nicht nur die böse Begierde verbannt und strafen nicht bloß die böse Tat, sondern sogar schon den unreinen Blick, ausgelassene Reden, Ungehörigkeit im Lachen, in der Haltung, im Gang, in der Stimme, ja bis auf die kleinsten Dinge erstreckt sich ihre genaue Aufmerksamkeit, und so haben sie die Blüte der Jungfräulichkeit über den ganzen Erdkreis verbreitet. Und über Gott und himmlische Dinge haben sie uns in einer Weise denken gelehrt, wie kein einzelner von jenen auch nur zu ahnen vermochte. Und wie hätten sie dies auch können, da sie ja Darstellungen von Tieren, Schlangen und noch niedrigeren Geschöpfen als Gottheiten verehrten? Diese erhabenen Lehren dagegen wurden gläubig aufgenommen, machen Fortschritte und breiten sich mit jedem Tag mehr aus. Jene Religion aber verschwindet und geht zugrunde, leichter noch, als wenn man ein Spinngewebe zerstört. Und das ganz mit Recht; denn sie wurde von den Dämonen gelehrt. Deshalb gibt es in ihr Zügellosigkeit, viel Unklarheit und noch weit mehr Mühsal. Oder was gäbe es Lächerlicheres als eine solche Lebensweisheit, wenn deren Lehrmeister, ganz abgesehen von dem, was ich schon erwähnte, noch ungezählte Seiten vollschreiben muß, um uns klar machen zu können, was z.B. Gerechtigkeit sei, und dazu noch seine Erörterung mit gar unverständlichem Wortschwall anfüllt? Wenn aber auch solches Gerede irgendeinen Nutzen hätte, für das praktische Leben der Menschen dürfte es wohl vollkommen zwecklos sein. Wollte ein Bauer, ein Schmied, ein Maurer oder ein Matrose, oder wer immer von seiner Hände Arbeit leben muß, sein Handwerk und seine ehrsame Arbeit verlassen, und so und so viele Jahre verlieren, um nur endlich zu wissen, was eigentlich Recht und Pflicht ist, so würden wohl die meisten vorher Hungers sterben, ehe sie überhaupt etwas gelernt haben, und würden vor lauter Lebensphilosophie einem vorzeitigen Tode verfallen, ohne sonst etwas Praktisches erlernt zu haben.

Bei uns dagegen ist es nicht so. Uns hat Christus in kurzen, aber treffenden Worten gelehrt, was recht, geziemend und nützlich ist, kurz, was nur irgendwie zum Begriff der Tugend gehört. Das eine Mal hat er gesagt: "In zwei Geboten sind Gesetz und Propheten enthalten, in der Liebe zu Gott und in der Liebe zum Nächsten"2 ; und ein anderes Mal sagte er: "Was immer ihr wünschet, daß euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen. Denn darin liegen das Gesetz und die Propheten beschlossen"3 . Ja, das kann auch ein Bauer, ein Knecht oder eine Witwe, selbst ein Kind und sogar ein offenbar ganz einfältiger Mensch mit Leichtigkeit erfassen und verstehen. So ist es ja immer mit der Wahrheit, und auch die Tatsachen bestätigen dies. Denn alle erfuhren da, was sie zu tun hätten; und sie erfuhren es nicht bloß, sondern bemühten sich auch, darnach zu leben; und das nicht bloß in den Städten und in der großen Öffentlichkeit, nein, selbst auf den einsamen Höhen der Berge. Denn auch dort kannst du gar viele Lebensweisheit finden, Engelchöre in Menschengestalt leuchten und das Leben im Himmel auf Erden verwirklicht sehen.4 Ja diese Fischer haben uns eine Lebensnorm hinterlassen und nicht wie die Philosophen eigens befohlen, daß man sie schon von Jugend an beobachten müsse, auch nicht für den, der nach Tugend streben wollte, ein bestimmtes Alter vorgeschrieben, sondern sich unterschiedslos an jedes Alter gewandt. Was jene5 sagen, sind eben Albernheiten und Spielereien, die Lehren6 aber sind Wirklichkeit und Wahrheit. Diesem Lebensideal haben sie den Himmel als Schauplatz angewiesen, und Gott als seinen Erfinder und als Urheber jener himmlischen Gesetze hingestellt; und so war es auch notwendig. Den Kampfpreis eines solchen Lebens aber bilden nicht Lorbeerkränze oder Ölbaumzweige, kein öffentliches Ehrengastmahl und nicht eherne Standbilder, die da so kalt und nutzlos sind, sondern das ewige Leben, die Kindschaft Gottes, der Verkehr mit den Engeln und die Erlaubnis, vor dem königlichen Throne zu stehen und immerdar mit Christus zu sein.

1: freiwillige
2: Mt 22,40
3: Mt 7,12
4: Chrysostomus denkt hier an die Mönche und Einsiedler, die in den Bergen bei Antiochien lebten und unter denen er selbst sechs Jahre zugebracht hatte.
5: Philosophen
6: der Apostel

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger