Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Erste Homilie: Einleitung

4.

Auf den Ort nun, an dem ein jeder schrieb, brauchen wir kein besonderes Gewicht zu legen; daß dagegen keiner von ihnen im Widerspruch gegen die anderen schrieb, das werden wir im ganzen weiteren Verlauf zu zeigen versuchen. Wenn du sie aber des Widerspruchs anklagst, so verlangst du damit nicht mehr und nicht weniger, als daß jeder nicht nur sachlich, sondern sogar bis auf die Redewendungen mit den anderen übereinstimme. Da will nun nicht darauf hinweisen, daß auch von denen, die sich so viel auf ihre Rhetorik und Philosophie einbilden, manche ganze Bände über denselben Gegenstand geschrieben haben, und dabei nicht nur bloß verschiedene Ansichten vertraten, sondern sich auch geradezu widersprachen. Etwas anderes ist es nämlich, Unterschiede in der Darstellung aufweisen, etwas anderes, sich direkt widersprechen. Ich will mich aber nicht weiter darüber verbreiten; denn ferne sei es von mir, mit der Torheit jener das Evangelium decken zu wollen; ich will nicht aus der Lüge die Wahrheit beweisen. Aber diese Frage möchte ich doch gerne stellen: Wie hätte1 Glauben finden können, wenn es Widersprüche enthielte? Wie hätte es zum Siege gelangen können? Wie hätten Leute, die sich selbst widersprachen, in der ganzen Welt Bewunderung, Glaube und Lob finden können? Waren ja doch viele Zeugen dessen vorhanden, was sie sagten, viele auch, die ihre Gegner und Feinde waren. Denn sie schrieben ihr Evangelium nicht in irgendeinem unbekannten Erdenwinkel, um es dann zu verbergen; im Gegenteil, sie verkündeten es überall, zu Wasser und zu Land, so daß alle es hören konnten. Sogar im Beisein ihrer Feinde wurde es gelesen, wie es auch heutzutage noch geschieht, und niemand hat noch an irgend etwas darin Anstoß genommen. Und das ist leicht zu begreifen. Es war eben die Kraft Gottes, die überall Eingang fand und in allen wirkte. Oder wie hätten sonst ein Zöllner, ein Fischer und ungebildete Leute solche Weisheit an den Tag legen können? Denn was die Heiden sich nicht einmal hatten träumen lassen, das haben diese mit großer Überzeugungskraft verkündet und fanden Glauben, und dies nicht bloß im Leben, sondern selbst nach dem Tode. Auch bekehrten sie nicht bloß zwei Menschen oder zwanzig, nicht etwa nur hundert oder tausend oder zehntausend, nein, sie bekehrten ganze Städte, Völker und Nationen, die Erde und das Meer, Griechenland und die Barbarenreiche, die bewohnte und unbewohnte Welt. Dazu haben sie Dinge verkündet, die weit über unsere Natur hinausgehen. Denn sie haben nicht von irdischen, sondern nur von himmlischen Dingen geredet, haben uns eine andere ganz neue Lebensweise gelehrt, haben Reichtum und Armut, Freiheit und Sklaverei, Leben und Tod, Welt und Gesittung, kurz, alles in neuem Licht erscheinen lassen.

Das war nicht wie bei Plato, der jenen lächerlichen Idealstaat2 erfunden, nicht wie bei Zeno3 oder wer sonst noch über die Pflichten des Lebens schrieb oder solche Gesetze aufstellte. Diese alle haben durch den Inhalt ihrer Schriften allein schon bewiesen, daß ein böser Geist aus ihrer Seele sprach, ein schlimmer Dämon, der unserer Natur nachstellt, ein Feind der Sittenreinheit, der aus Haß gegen alle Ordnung das Oberste zu unterst gekehrt. Denn was kann man überhaupt noch von Leuten sagen, die Weibergemeinschaft einführen wollen, die Jungfrauen unbekleidet in der Palästra einherführen zum Schauspiel der Leute, welche die heimlichen Ehen erlauben, kurz, alles umkehren und verwirren, und die der Natur gezogenen Schranken umstürzen? Denn, daß all diese genannten Dinge Erfindungen des Teufels sind und etwas Unnatürliches, das kann uns wohl die Natur selbst bezeugen, die sich gegen solche Verirrungen sträubt. Und all das haben4 nicht etwa unter Verfolgungen, Gefahren und Kämpfen geschrieben, sondern ganz unbehindert und in aller Freiheit, und haben es auch noch auf alle Weise recht verlockend dargestellt. Die Fischer dagegen hatten Mißhandlungen, Geißelungen und Gefahren zu ertragen, und doch ward ihre Botschaft von Ungebildeten und Gelehrten, Sklaven und Freien, Königen und Soldaten, Barbaren und Griechen mit größter Bereitwilligkeit aufgenommen.

1: das Evangelium
2: Plato, Peri politeias
3: Zeno griechischer Philosoph aus Cypern, Begründer der sog. stoischen Schule, schrieb um 380 v.Chr. ein Werk peri politeias. Plato in seinem Idealstaat vertrat ebenfalls Ideen, wie sie von Chrysostomus hier geschildert werden.
4: diese Philosophen

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
. Erste Homilie: Einleit...
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. . 8.
. Zweite Homilie: Kap. ...
. Dritte Homilie: Kap. ...
. Vierte Homilie: Kap.1, ...
. Fünfte Homilie. Kap. ...
. Sechste Homilie. Kap. ...
. Siebte Homilie. Kap. ...
. Achte Homilie. Kap. ...
. Neunte Homilie. Kap ...
. Zehnte Homilie. Kap. ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger