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Chrysostomus († 407) - Kommentar zum Evangelium des hl. Matthäus (In Matthaeum homiliae I-XC)
Erste Homilie: Einleitung

2.

Evangelium1 hat er aber das Werk2 genannt. Denn die Beschreibung von der Strafe, den Nachlaß der Sünde, die Gerechtigkeit, die Heiligkeit, die Erlösung, die Gotteskindschaft, das Erbe des Himmels und die3 Stammesverwandtschaft mit dem Sohne Gottes hat er vor allem verkündet, den Feinden, den Toren und denen, die in der Finsternis sitzen. Was könnte also solcher Frohbotschaft noch irgendwie gleich kommen? Gott auf der Erde, der Mensch im Himmel! Jede Ordnung ist umgekehrt! Die Engel verbanden sich mit den Menschen, und die Menschen verkehrten mit den Engeln und den anderen himmlischen Mächten. Da konnte man endlich den ewig dauernden Zwiespalt beendigt sehen, Gott mit unserem Geschlechte versöhnt, den Teufel beschämt, die Dämonen verscheucht, den Tod besiegt, das Paradies geöffnet; den Fluch getilgt, die Sünde verschwunden, den Irrtum beseitigt, die Wahrheit triumphierend, das Wort Gottes überall ausgestreut und in Blüte stehend; das Leben der himmlischen Geister auf die Erde verpflanzt, jene Mächte in trautem Umgang mit uns begriffen, und Engel gar häufig auf Erden verweilen; und überall herrschte Zuversicht und Hoffnung auf das zukünftige Leben.

Darum hat er seine Erzählung Evangelium genannt, da ja alle anderen Dinge nur Worte sind ohne Inhalt, wie z.B. großer Reichtum, bedeutende Macht, Herrschaft, Ruhm, Ehre und was sonst noch bei den Menschen etwas gilt. Die Botschaft der Fischer dagegen darf man im wahren und eigentlichen Sinne eine Frohbotschaft nennen, nicht bloß weil sie ein sicherer und unvergänglicher Schatz ist, den wir gar nicht verdient haben, sondern auch deshalb, weil sie uns so ganz ohne unser Zutun frei geschenkt ward. Denn nicht durch Arbeit und Schweiß, nicht durch Mühe und Entbehrung sind wir in ihren Besitz gekommen, sondern allein durch die Liebe Gottes zu uns. Nachdem es nun aber doch so viele Jünger gab, warum schrieben da von den Aposteln nur zwei, und auch nur zwei von eben deren Schülern? Denn von den Jüngern, die mit Johannes und Matthäus die Evangelien schrieben, war einer ein Schüler des Paulus, der andere ein solcher des Petrus. Der Grund liegt darin, daß sie nichts taten, um ihren Ehrgeiz zu befriedigen, sondern nur um uns nützlich zu sein. Indes, hätte es da nicht genügt, wenn ein Evangelist allein alles aufgezeichnet hätte? Gewiß! Allein, wenn es auch vier waren, die Evangelien schrieben, so schrieben sie doch nicht zu gleicher Zeit, nicht am selben Ort und nicht nach Übereinkunft und gegenseitiger Verabredung. Wenn sie also trotzdem alles wie aus einem Munde berichten, so ist gerade das der deutlichste Beweis der Wahrheit. Doch, wirft mir da jemand ein, gerade das Gegenteil ist ja der Fall, denn man bemerkt bei ihnen vielfache Verschiedenheiten. Nun, auch das beweist klar, daß sie die Wahrheit schrieben. Wenn sie nämlich in allem bis aufs kleinste übereinstimmten, in Zeit und Ort und den einzelnen Worten, so würde keiner von unseren Gegnern glauben, daß sie nicht nach Übereinkunft und menschlicher Verabredung ihre Schriften verfaßt haben; denn eine so weitgehende Übereinstimmung könne doch kein Zufall sein. So aber stimmt ihnen die scheinbare Verschiedenheit in untergeordneten Dingen jedes Mißtrauen, und ist auch zugleich die beste Bürgschaft für die Aufrichtigkeit der Verfasser. Wenn sie aber zuweilen über Zeit und Ort verschieden berichten, so tut dies der Wahrheit des Gesagten keinerlei Eintrag. Das werden wir auch mit Gottes Hilfe im weiteren Verlauf zu beweisen suchen. Euch aber bitten wir, außer dem schon Gesagten besonders das festzuhalten, daß in den wesentlichen Dingen, von denen unser Leben abhängt und die das eigentliche Evangelium ausmachen, niemals einer auch nur im geringsten mit den anderen in Widerspruch erfunden wird.

Was ist nun aber dieses Wesentliche? Das ist z.B. die Tatsache, daß Gott Mensch geworden ist, daß er Wunder gewirkt hat, daß er gekreuzigt und begraben wurde, daß er auferstand und zum Himmel aufgefahren ist, daß er zum Gerichte kommen wird, daß er heilbringende Gebote gab, daß er nicht ein neues Gesetz einführte, das im Widerspruch stünde mit dem Alten Testamente, daß er der Sohn ist, der Eingeborene, der Wahre, gleichen Wesens mit dem Vater und Ähnliches mehr. In diesen Dingen werden wir bei ihnen volle Übereinstimmung finden. Wenn aber von den Wundern nicht jeder alle erwähnte, sondern der eine diese, der andere jene, so darf dich das nicht verwirren; denn entweder hätte einer alles erzählt, und dann wären sie anderen überflüssig gewesen, oder jeder hätte etwas ganz Neues geschrieben, was sie anderen nicht hatten, und dann wäre das Wahrheitsargument verloren gegangen, das sich aus ihrer Übereinstimmung ergibt. Aus diesem Grunde haben sie vieles gemeinsam berichtet, und doch auch jeder von ihnen wieder etwas Eigenes, damit keiner etwa überflüssig erscheine, gleichsam als zwecklose Zugabe, sondern damit er so einen unwiderstehlichen Beweis für die Wahrheit des Inhaltes abgebe.

1: d.h. Frohbotschaft
2: Christi
3: geistige

 

 

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Gregor Emmenegger