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Chrysostomus († 407) - Über das Priestertum (De sacerdotio libri I-VI)

6. Buch

KAPITEL I.

So steht es hier auf Erden, wie du nun vernommen hast. Wie aber werden wir das, was dort [im Jenseits] kommen wird, ertragen, wenn wir für jeden, der uns anvertraut ist, Rechenschaft abzulegen haben? Denn dort besteht unser Mißgeschick nicht in bloßer Schande, sondern es erwartet uns auch ewige Strafe. Jenen Ausspruch: "Gehorchet euren Vorstehern und seid ihnen Untertan; denn sie wachen als solche, die Rechenschaft geben sollen, über eure Seelen"1, habe ich zwar im vorausgehenden2 schon angeführt, kann ihn aber auch jetzt nicht verschweigen. Erschüttert doch die Furcht vor dieser Drohung meine Seele beständig. Denn wenn es für den, der nur einem einzigen, und sei es auch der Geringste, Ärgernis gibt, das Beste wäre, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in die Tiefe des Meeres versenkt würde3, und wenn alle, die das Gewissen der Brüder verletzen, gegen Christus selbst sündigen4, was werden dann erst die erleiden müssen, welche Strafe wird dann denen bevorstehen, die nicht bloß eine, zwei oder drei Personen, sondern viele Scharen zugrunde richten? Dann nämlich kann man sich nicht mit Unerfahrenheit entschuldigen, auch nicht zu Unwissenheit seine Zuflucht nehmen, noch Zwang und Gewalt vorschützen. Eher noch könnte ein Untergebener, wenn es überhaupt anginge, bei seinen eigenen Vergehen sich solcher Ausflüchte bedienen als die Vorsteher bei den Verfehlungen anderer. Warum das? Weil derjenige, der dazu aufgestellt ist, anderen in ihrer Unwissenheit aufzuhelfen und den Beginn der Angriffe des Teufels im voraus zu verkünden, nicht selbst Unwissenheit vorschützen und sagen kann: Ich habe die Trompete nicht gehört; ich habe den Kampf nicht vorhergesehen. Dazu ist er ja da, wie Ezechiel mahnt5, daß er mit der Trompete den anderen das Zeichen gebe und das herannahende Unheil im voraus verkünde. Und darum ist seine Bestrafung unvermeidlich, wenn auch nur einer verloren geht. "Denn wenn", sagt ferner Ezechiel6, "der Wächter beim Nahen des Schwertes dem Volke nicht trompetet und kein Zeichen gibt, und dann das Schwert kommt und eine Seele hinwegrafft, so wird diese zwar wegen ihrer eigenen Bosheit getroffen, aber ihr Blut werde ich fordern von der Hand des Wächters."

Höre deshalb auf, mich in ein so unentrinnbares Strafgericht hineinzustoßen! Handelt es sich doch hier nicht um das Amt eines Feldherrn, auch nicht um die Regierung eines Königreichs, sondern um eine Tätigkeit, welche die Vollkommenheit eines Engels erfordert.

1: Hebr, 13, 17.
2: Buch III, Kapitel 17.
3: Vgl. Matth. 18, 6.
4: Vgl. 1 Kor. 8, 12.
5: Vgl. Ezech. 33, 3.
6: Ezech. 33, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger