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Chrysostomus († 407) - Über das Priestertum (De sacerdotio libri I-VI)
2. Buch

KAPITEL VIII.

In jenem Falle 1 hätten, wenn nicht alle, so doch diejenigen, denen boshafte Reden zu führen ein Vergnügen ist, reichlich Gelegenheit gehabt, sowohl über mich, den Erwählten, als auch über die Wähler argwöhnische Gedanken zu fassen und sie auch auszusprechen, wie z. B. daß sie auf Reichtum schauen, daß sie sich blenden lassen würden durch den Glanz der Abkunft, oder daß sie durch meine Schmeicheleien bewogen mich zu diesem Amte berufen hätten. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß der eine oder andere auf den Verdacht gekommen wäre — ich mag es gar nicht aussprechen —, sie seien sogar durch Geld bestochen worden. Noch ein anderer Einwand hätte erhoben werden können: Christus hat Fischer 2, Zeltmacher3 und Zöllner4 zu dieser Würde berufen; jene aber verschmähen alle, die sich von gewöhnlicher Arbeit ernähren. Wenn jedoch einer sich mit heidnischer 5 Wissenschaft beschäftigt und ohne zu arbeiten dahinlebt, den heben sie auf den Schild, den [S. 135] bewundern sie. Warum haben sie doch Männer, die unzählige Mal ihren Schweiß für die Interessen der Kirche vergossen, übergangen, dagegen einen, der solchen Anstrengungen sich niemals unterzogen, vielmehr seine ganze Jugend in der unnützen Beschäftigung mit weltlichen Wissenschaften vergeudet hat, auf einmal zu dieser Würde erhoben?

Solche und noch mehr derartige Einwände könnte man vorbringen, wenn ich dieses hohe Amt angenommen hätte. Jetzt aber kann man das nicht. Denn jeglicher Vorwand zu übler Nachrede ist ihnen abgeschnitten. Weder können sie mir Schmeichelei noch jenen Bestechlichkeit zum Vorwurfe machen, es müßte denn gerade sein, daß einer im Wahnsinne reden wollte. Wie möchte denn jemand Schmeicheleien und Geld aufwenden, um eine Würde zu erlangen, sie aber gerade in dem Augenblicke, da er ihrer wirklich teilhaftig werden sollte, anderen überlassen? Ein solches Vorgehen wäre gerade so, als wollte einer, nachdem er unter vieler Mühe das Erdreich bestellt hat, damit ihm das Feld von reichlicher Frucht strotze und seine Kelter von Wein überfließe, nach den unzähligen Schweißtropfen und dem großen Aufwand an Geld, wenn es zur Getreideernte und zur Weinlese kommt, den ganzen Früchteertrag anderen abtreten. Siehst du also, daß diejenigen, welche gerne Verleumdungen vorbringen, wenn ihre Worte auch weit von der Wahrheit entfernt wären, in meinem Falle doch einen Vorwand hätten zu der Beschuldigung, es sei die Wahl nicht nach richtiger Beurteilung aller zu berücksichtigenden Umstände getroffen worden? Ich aber habe ihnen jetzt nicht gestattet, den Mund aufzusperren, ja nicht einmal ein wenig ihn zu öffnen.

Diese Beschuldigungen und noch andere mehr hätten sie schon von allem Anfang an verbreitet. Hätte ich aber dann wirklich das Amt übernommen, so hätte ich mich gar nicht genug 6 Tag für Tag meinen Anklägern gegenüber verteidigen können, selbst wenn ich auch [S. 136] allen Verpflichtungen tadellos nachgekommen wäre; nicht zu reden davon, daß infolge meiner Unerfahrenheit und meines jugendlichen Alters viele Fehler unausbleiblich gewesen wären. Nun aber habe ich ihnen jeden Grund zu solcher Beschuldigung entzogen; andernfalls hätte ich ihnen tausendfachen Anlaß gegeben zu Schmähungen. Denn was hätte man nicht alles vorgebracht? — Unvernünftigen Knaben haben sie so außerordentliche und wichtige Geschäfte anvertraut! Die Herde Gottes haben sie geschädigt! Die christliche Sache ist zum Spielzeug und Gelächter geworden! "Jetzt jedoch wird alle Bosheit ihren Mund verstopfen"7. Sollten sie auch wider dich solche Vorwürfe erheben, dann wirst du sie rasch durch deine Taten belehren, daß man die Einsicht nicht nach dem Alter beurteilen darf, daß man also einerseits einen Alten nicht schon wegen seiner grauen Haare als erprobt ansehen, anderseits nicht unbedingt jeden jungen Mann von einem solchen Amte ausschließen soll, sondern nur den Neubekehrten8. Zwischen beiderlei Arten 9 ist aber ein großer Unterschied. DRITTES BUCH

1: d. h, wenn ich die Wahl angenommen hätte
2: Siehe Matth, 4, 18—22
3: Apg. 18, 3.
4: Luk. 5, 27.
5: „λὸγων τῶν ἔξωθενv“. Gemeint ist wohl allgemein weltliche, profane Wissenschaft in Erinnerung, daß Chrys. Schüler des Libanius war.
6: „ἠρκέσαμεν“. Bloß wenige Manuskripte und Ausgaben wie die von Savilius lesen „ἤρκεσαν“.
7: Ps. 106, 42.
8: Vgl. 1 Tim. 3, 6.
9: Zwischen einem physisch Jugendlichen und einem erst jüngst Neubekehrten.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger