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Chrysostomus († 407) - Über das Priestertum (De sacerdotio libri I-VI)
1. Buch

KAPITEL VI.

Das und noch mehr dergleichen stellte meine Mutter mir vor. Als ich meinem edelsinnigen Freunde genau darüber berichtete, ließ er sich dadurch nicht nur nicht irre machen, er setzte mir sogar noch mehr zu, die alte Bitte immer von neuem wiederholend. Mitten in solch ungeklärter Lage, während nämlich er nicht aufhörte, immer wieder in mich zu dringen, ich aber mich beharrlich weigerte, da brachte uns beide ein plötzlich entstandenes Gerücht in Verwirrung, das Gerücht, daß man uns zur bischöflichen 1 Würde erheben wolle. Als ich diese Kunde vernahm, wurde ich von Furcht und Zagen befallen: von der Furcht, ich möchte auch wider meinen Willen 2 erhoben werden; von Zagen, so oft ich darüber nachgrübelte, wie es denn gekommen, daß die Wähler ihr Augenmerk gerade auf meine Person richteten. Denn wenn ich mich selber beobachtete, fand ich an mir gar nichts, das einer solchen Ehre mich würdig gemacht hätte.

Da kam mein Freund in seinem Edelmute aus eigenem Antriebe zu mir, um mir Mitteilung zu machen von dem Gerüchte, in der Meinung, daß ich noch nichts davon wüsste, und bat, wir möchten auch in dieser Sache wie bisher eines Sinnes und eines Handelns befunden werden. Denn er selbst würde mir bereitwilligst folgen, welchen Weg ich auch einschlagen wolle, gelte es nun zu fliehen oder anzunehmen. Da ich somit seine Bereitwilligkeit merkte und auch dafür hielt, es würde für das gesamte Gemeinwohl der Kirche einen unberechenbaren Schaden bedeuten, wenn ich einen so trefflichen und für die Leitung der Seelen, so geeigneten jungen Mann aus Rücksicht auf meine eigene Schwäche der Herde Christi entzöge, so verhehlte ich ihm hierüber meine eigentliche Meinung, während ich es früher niemals über mich vermocht hätte, ihn über irgendeinen meiner Entschlüsse im unklaren zu lassen. Ich erklärte ihm vielmehr, wir könnten die Beratung darüber ganz gut auf einen anderen Zeitpunkt verschieben, zumal die Angelegenheit augenblicklich nicht eile. So beredete ich ihn, sich zunächst darüber keine weiteren Sorgen zu machen, und betreffs meiner Person brachte ich ihm die Zuversicht bei, daß ich einig und gemeinsam mit ihm handeln würde, wenn man wirklich etwas Derartiges mit uns vorhaben sollte.

Als kurze Zeit darauf jemand erschien, der uns weihen wollte, versteckte ich mich. Mein Freund aber, der nichts davon wußte, wurde unter einem anderen Vorwande weggeführt und nahm die Bürde auf sich in der Hoffnung, daß ich, wie ich ihm versprochen hatte, auf jeden Fall folgen werde oder vielmehr in der Meinung, ich sei ihm bereits vorangegangen. Denn als einige der dort Anwesenden sahen, wie sehr unwillig und betrübt er war, als man ihn mitnehmen wollte, da täuschten sie ihn, indem sie laut bemerkten, es sei doch ungereimt, daß derjenige, welcher bei allen als der dreistere gelte — wobei sie mich meinten —, ganz fügsam dem Urteil der Väter 3 nachgegeben habe, während er selbst, der doch sonst viel verständiger und billiger zu urteilen wisse, sich nunmehr trotzig zeige und unter allerlei Ausreden und Protesten sich davonzumachen suche, um nichtiger Ehre nachzujagen. Auf diese Worte hin fügte er sich.

Nachdem er aber nun nachträglich vernahm, ich sei entflohen, kam er ganz niedergeschlagen zu mir und setzte sich bei mir nieder. Er hatte wohl die Absicht, etwas zu sagen, aber in seinem Unwillen 4 war er nicht imstande, die Gewalttat, die ihm widerfahren war, in Worte zu fassen. Er versuchte den Mund zu öffnen, sah sich jedoch am Sprechen gehindert aus Niedergeschlagenheit, die ihm das Wort abschnitt, bevor es über die Lippen kam. Da ich ihn nun so in Tränen gebadet und von der tiefsten Gemütserschütterung angegriffen sah, auch um die Ursache wußte, da fing ich vor lauter Freude zu lachen an, ergriff seine Rechte und fühlte mich gedrungen, sie zu küssen. Dabei pries ich Gott, daß meine List ein so gutes Ende genommen, genau so, wie ich es nur immer wünschen konnte. Da er mich so überaus beglückt und heiter gewahrte und dies, obwohl er die Empfindung hatte, kurz zuvor von mir getäuscht worden zu sein, da wurde er noch mehr betrübt und erbittert.

1: Savilius und Migne lesen mit den meisten Manuskripten ,,τὁ τῆς ἐπισκοπῆς ἀξὶωμα", welche Lesart dem Zusammenhange nach auch den richtigeren Sinn ergibt. Neuere Ausgaben wie Seltmann, Bengel, Nairn lesen „τῆϛ ίερωσύνηϛ", obwohl z. B. Seltmann und Nairn ausdrücklich zugeben, daß nach der
„maxima pars Mss" „τῆς ὲπισκοπῆς“ the vulgate reading ist und „τῆς ίερωσύνηϛ" sich nur in vier Manuskripten findet. Siehe hierzu das in der Einleitung, S. 44, 45 Gesagte.
2: Wie dies z. B. vom hl. Ambrosius, Bischof zu Mailand, vom hl, Augustinus, Bischof zu Hippo, vom hl. Martin, Bischof zu Tours und von verschiedenen anderen berichtet wird.
3: D. i. der Wähler.
4: „ὲπηρεἱα“. In manchen Handschriften ist zu lesen „ἀπορἱα, Verlegenheit“.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger