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Gregor v. Nyssa (†394) - Ausgewählte Reden
Lob- und Trauerreden
Rede auf seinen Bruder, den großen Basilius.

10.

Ausserdem bringt Alles, in dessen Besitz wir nicht durch den freien Willen gelangen, mag es noch so gut sein, Dem keinen guten Ruf, dem es von selbst in den Schooß fiel. Es soll also geschwiegen werden von Vaterland und Abkunft und allem Ähnlichen, was Denen, die es erlangen durch ein bloßes Spiel des Zufalls zu Theil wird. Jene Heimath und vornehme Abstammung dürfte man aber bei ihm mit Recht erwähnen, die durch den freien Willen Denen zu Theil wird, die darnach streben. Welches ist nun die adelige Abstammung des Basilius, und welches sein Vaterland? Seine Abstammung liegt in seinem Vertrautsein mit der Gottheit, sein Vaterland aber ist die Tugend. Denn [S. 423] wer Gott aufgenommen hat, wie das Evangelium sagt, hat die Macht, ein Kind Gottes zu werden.1 Welch höheren Adel könnte man aber wünschen, als die Verwandtschaft mit Gott? Wer aber Tugend besitzt und diese pflegt und aus dieser Gewinn zieht, macht natürlich Das zu seinem Vaterlande, worin er lebt. Enthaltsamkeit war seine Wohnung, Weisheit sein Besitz, Gerechtigkeit, Wahrheit und Reinigkeit die herrliche und glänzende Pracht seines Palastes. Indem er in diesem Palaste sich aufhielt, fühlte er sich größer als Die, welche in stolzen, von Gold strotzenden Marmorpalästen wohnen. Wenn Einer wegen eines solchen Vaterlandes ihn lobt und wegen einer solchen Abstammung ihn verherrlicht, so wird er die Wahrheit sagen und sein Lob auf Dinge gründen, die ihm angenehm sind. Von Land, Blut, Fleisch, Reichthum, Macht und der hierin liegenden Herrlichkeit mag Der, dem es beliebt, den Freunden der Welt Zeugniß geben.

Wenn also unsere Rede das ihm gebührende Lob nicht auszudrücken vermag, so müssen wir wohl eine solche Bemühung von uns weisen und auf die lobrednerischen Künste verzichten. Wie werden wir nun seine Erinnerung begehen, mag man sagen, wenn wir es nicht mit Lobreden thun? Wie wird dem Gebote der Schrift Genüge geschehen, welches lautet, die Erinnerung der Gerechten müsse mit Lobreden begangen werden,2 wenn einestheils in wahren Lobsprüchen sich auszudrücken schwierig, in gemeinen anderntheils erniedrigend ist? Aber vielleicht kann man aus der Verlegenheit irgend einen Ausweg finden, so daß ihm nicht gänzlich die Ehre unserer Lobsprüche entgeht. Welches ist nun der Ausweg? Wer weiß nicht, daß jedes Wort, von den Thaten getrennt, an und für sich leer und ohne Inhalt ist? Die Natur der Werke aber bringt es mit sich, daß sie Das, was gesprochen wird, in Wesenheit und Wahrheit [S. 424] erscheinen lassen. Es wäre also das in Werken vollbrachte Lob höher zu schätzen als das Wort. Was ist aber dieß? Daß durch die Erinnerung an ihn unser Leben besser werde, als es bisher war. Denn wie vom Kasten eines Ringes, wenn irgend eine schöne Gestalt in demselben eingegraben erscheint, das Wachs, auf welches das Siegel gedrückt wird, die im Gepräge befindliche Schönheit auf sich überträgt und die ganze Zeichnung des Siegels in seiner eigenen Figur ausdrückt und Niemand in dieser Weise durch das Wort eine Beschreibung von der kunstvollen Schönheit des Gepräges machen könnte, wie wenn er den Ausdruck der Schönheit am Wachs darstellt, in gleicher Weise würde auch, wenn der Eine in bloßer Rede die Tugend des Lehrers verherrlichte, ein Anderer sein eigenes Leben schmückte, das im Leben vollbrachte Lob in der Nachahmung desselben kräftiger wirken als der Schwung der Rede.

So wollen also auch wir, Brüder, den Enthaltsamen in der Enthaltsamkeit nachahmen und durch unsere Thaten die Tugend nach Verdienst loben! Und auch in allem Übrigen soll ebenso die Bewunderung des Weisen in der Theilnahme an der Weisheit seine Vollendung finden, das Lob der Armuth darin, daß auch wir an materiellem Reichthum arm sind. Von der Verachtung dieser Welt wollen wir nicht bloß sagen, daß sie lobenswerth und rühmlich ist, sondern es soll unser Leben von der Verachtung der Dinge Zeugniß geben, die in der Welt geschätzt werden. Sage nicht bloß, daß Jener sich Gott weihte, sondern weihe dich auch selbst Gott, und nicht bloß, daß die Hoffnung der Ruhe sein einziger Besitz war, sondern sammle auch du dir diesen Reichthum wie Jener, denn du kannst es. Jener hat sein Leben von der Erde in den Himmel versetzt. Versetze dahin auch du es! In den sicheren Schatzkammern des Himmels hat er seinen Reichthum hinterlegt. Ahme hierin auch du den Lehrer nach! Denn der vollendete Schüler wird wie sein Lehrer sein. Denn auch in den übrigen Gegenständen wird der Schüler des Arztes oder Geometers oder [S. 425] Rhetors kein glaubwürdiger Lobredner der Kunst des Lehrers sein, wenn er in der Rede die Wissenschaft des Meisters bewundern, an sich selbst aber nichts Bewundernswerthes sehen lassen würde. Denn man wird zu ihm sagen: Wie nennst du deinen Lehrer Arzt, da du selbst kein Kenner der Arzneikunde bist? Oder wie nennst du dich einen Schüler des Geometers, da du selbst ohne Kenntniß der Geometrie bist? Wenn aber Einer an sich selbst die Kunst zeigt, in der er Unterricht genommen hat, so verherrlicht er durch seine Kenntniß den Meister der Kunst. So wollen auch wir, die wir uns des Lehrers Basilius rühmen, im Leben uns als seine Schüler zeigen, indem wir Das werden, was ihn berühmt und groß vor Gott und den Menschen machte, in Christus Jesus, unserm Herrn, dem der Ruhm und die Kraft sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.II. Erste Lobrede auf die vierzig heiligen Martyrer.

1: Joh. 1, 12.
2: Sprichw. 10, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger