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Gregor v. Nyssa (†394) - Ausgewählte Reden
Sittenreden
Erste Rede von der Liebe zu den Armen.

7.

Während Dieß alles im Hause vor sich geht, lagern vor der Thüre unzählige Lazarus, die Einen voll eckelhafter Geschwüre, die Andern mit ausgestochenen Augen, während wieder Andere über die Verstümmelung der Füße seufzen, und Einige nach Verlust aller Glieder geradezu kriechen, und ihr Ruf wird nicht gehört. Denn er wird übertönt vom Laute der Flöten, von den Melodien der improvisirten Gesänge und dem lautschallenden Gelächter. Wenn sie aber an den Thüren etwa zu lästig werden, so kommt der rohe Thürhüter eines unbarmherzigen Herrn herbeigesprungen, schilt sie unverschämte Hunde, vertreibt sie mit dem Stocke und reißt mit Schlägen die Wunden von Neuem auf. Und es entfernen sich die Freunde Christi, an denen sich die Gesammtheit der Gebote erfüllen läßt, und haben kein Stücklein Brod und keine Speise empfangen, sondern Mißhandlung und Schläge davon getragen. Drinnen aber in der Werkstätte des Mammon speien die Einen wie überladene Schiffe die Nahrung aus, Andere aber schlafen am Tische ein, während noch die Becher vor ihnen stehen. Eine doppelte Sünde hat aber im schmachvollen Hause ihren Wohnsitz aufgeschlagen, die eine in der Unmäßigkeit der Betrunkenen, die andere im Hunger der vertriebenen Bettler.

Wenn nun Gott Dieß schaut, wie er es wirklich sieht, ihr Feinde der Bettler, was für einen Ausgang glaubt ihr, daß es mit euerem Leben nehmen werde? Ist euch etwa unbekannt, daß das heilige Evangelium um dieser willen alle schrecklichen und furchtbaren Beispiele mit lautem Zeugniß verkündet? Es steht geschrieben von einem Manne, der sich in Purpur kleidete, wie er entsetzlich aufschrie und seufzte und in einem Abgrund von Qualen gepeinigt [S. 208] war.1 Und ein Anderer von gleicher Lebensweise wurde zu einem unerwarteten Tode verurtheilt, der am Abend noch an die Nahrung für den folgenden Morgen dachte und den Strahl der Morgenröthe nicht mehr erlebte.2 Laßt uns nicht sterblich im Glauben und unsterblich im Genusse erscheinen. Denn eine solche Auffassung verrathen wir, wenn wir in Allem dem Fleische zu schmeicheln suchen, wie wenn wir als Familienhäupter keine Nachfolger hätten, wie wenn wir ewige Eigenthümer des Irdischen wären, die in der Erntezeit die Aussaat besorgen wollen und schon in der Zeit der Aussaat den Wonnegenuß der Ernte zu finden hoffen, die eine Platane pflanzen und den Schatten eines hochgewachsenen Baumes hoffen, die den harten Kern der Palme in die Erde senken und süße Früchte erwarten. Und das thun sie oft mit grauem Haupte, da der Herbst des Lebens angebrochen, da der Winter des Todes nahe ist und zum Leben nicht mehr eine Reihe von Jahren, sondern drei bis vier Tage übrig sind.

Erwägen wir also, da wir mit Vernunft begabt sind, daß unser Leben vergänglich, die Zeit flüchtig, unbeständig und unaufhaltsam ist, indem sie wie ein reissender Strom Alles, was sie in ihrem Schooße umfängt, zuletzt dem Untergange zuführt. Und wäre sie doch, wie sie kurz und vergänglich ist, auch der Rechenschaft überhoben! Darin aber besteht unsere gefahrvolle Lage, daß wir für jede Stunde und sogar für die Worte, die wir reden, vor dem unbestechlichen Richterstuhle Rechenschaft geben müssen. Daher sehnt sich der selige Psalmist, indem er ähnliche Betrachtungen wie die eben von uns vorgetragenen anstellt, die festgesetzte Zeit seines Lebensendes zu erfahren, und er fleht zu Gott, ihm die Zahl der noch übrigen Tage wissen zu lassen, um die Vorbereitungen zu seinem Hingang treffen zu können, damit er nicht plötzlich während der Reise wie [S. 209] ein unvorbereiteter Wanderer in Verlegenheit gerathe, wenn er das nöthige Reisegeld vermißt. Er sagt also: „Mach mir bekannt, o Herr, mein Ende und die Zahl meiner Tage, wie groß sie ist, damit ich erfahre, was mir mangelt. Sieh, als Handbreiten hast du meine Tage hingestellt, und mein Dasein ist wie Nichts vor dir.“3 Sieh die lobenswerthe Sorge einer verständigen Seele und zwar in einem Manne von königlicher Würde. Er schaut nämlich den König der Könige und den Richter der Richter, und er fleht, des vollkommenen Schmuckes der Gebote theilhaftig zu werden und als vollkommener Bürger des jenseitigen Lebens zu scheiden, an dem auch wir alle Theil nehmen mögen durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesus Christus, dem die Ehre sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.Zweite Rede von der Liebe zu den Armen.

1: Luk. 16, 19. 23.
2: Ebd. [Luk.] 12, 18―20.
3: Ps. 38, 5. 6 [hebr. Ps. 39, 5. 6].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger