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Gregor v. Nyssa (†394) - Ausgewählte Reden
Sittenreden
Erste Rede von der Liebe zu den Armen.

6.

Wollen wir nicht in Allem dem Fleische, sondern in Einigem auch Gott leben. Denn der Geschmack und der Genuß der Nahrung kommt einem kleinen Theil des Fleisches, dem Schlunde, zu Gute, und sind die Stoffe in den Magen gedrungen, so drängen sie der natürlichen Ausleerung zu. Barmherzigkeit und Wohlthätigkeit aber sind Gott angenehme Dinge, und den Menschen, in dem sie ihre Wohnung aufschlagen, machen sie zu einem Gotte und machen ihn zum Ebenbild des Guten, so daß er ein Gleichniß der ersten unvermischten und jeden Begriff übersteigenden Substanz ist. Aber welchen Ausgang unseres Strebens setzen sie in Aussicht? Jetzt eine herrliche Hoffnung und fröhliche Erwartung, später aber, wenn wir dieses hinfällige Fleisch ablegen und die Unsterblichkeit anziehen, ein seliges, unaufhörliches und unverwüstliches Leben, das mit [S. 205] ausserordentlichen jetzt uns unbekannten Vergnügungen aus gestattet ist.

Ihr also, die ihr mit Vernunft ausgerüstet seid und den Verstand als Dollmetscher und Lehrer der göttlichen Dinge besitzet, laßt euch nicht vom Zeitlichen berücken. Erwerbet, was dem Besitzer nie abhanden kommt, setzet euern Lebensbedürfnissen ein Ziel. Nicht Alles sei für euch, sondern ein Theil auch für die Armen, die Lieblinge Gottes. Denn Alles gehört Gott, dem gemeinsamen Vater. Wir aber sind Brüder eines Stammes. Für Brüder aber ist es am Geziemendsten und Gerechtesten, gleichheitlich sich in die Erbschaft zu theilen. In zweiter Reihe sollen, wenn Einer oder Zwei sich den größeren Theil angeeignet haben, die übrigen den Rest bekommen. Will aber Einer geradezu des Ganzen sich bemächtigen und vom dritten oder fünften Theil seine Brüder verdrängen, so ist ein Solcher ein harter Tyrann, ein unverbesserlicher Barbar, ein unersättliches Thier, das mit Lust allein den Fraß verschlingt oder vielmehr sogar wilder als selbst die wilden Thiere. Denn ein Wolf läßt einen andern Wolf am Fraß Theil nehmen, und viele Hunde zerfleischen gemeinsam einen einzigen Körper. Der Unersättliche aber zieht keinen Stammesgenossen bei, um ihn an seinem Reichthum Theil nehmen zu lassen. Es genügt dir ein mäßiger Tisch. Laß dich nicht in das Meer maßloser Schmauserei stürzen. Denn schrecklich ist der drohende Schiffbruch, der nicht an unterseeische Felsen stößt, sondern in die tiefste Finsterniß schleudert, von wo Der, welcher hineinstürzte, nicht mehr herauskommen wird.

Mache also Gebrauch, aber keinen Mißbrauch. Denn Das hat dich auch Paulus gelehrt.1 Überlaß dich einem mäßigen Genuß. Gib dich nicht zügelloser Wollust hin. Bringe nicht geradezu allen Thieren den Untergang, den [S. 206] vierfüssigen, großen, kleinen, den Vögeln, Fischen, den gewöhnlichen, den seltenen, den wohlfeilen, den kostspieligen. Fülle nicht mit dem Schweiß vieler Jäger deinen einzigen Bauch gleich einem tiefen Brunnen, der sich, wenn ihn auch viele Hände zu verschütten suchen, nicht füllen läßt. Wegen der üppigen Schwelger bleibt nicht einmal die Tiefe des Meeres unbelästigt. Und nicht bloß werden Fische gefangen, die im Wasser schwimmen, sondern alle unglücklichen Thiere, die sich in der Tiefe des Wassers bewegen, werden gleichfalls an das Land und an dieses Himmelslicht herausgezogen. So blieben die verschiedenen Austern nicht unentdeckt, es wird der Meerigel gefangen, der kriechende Tintenfisch mit dem Netz herausgeholt, der an die Felsen angewachsene Polyp herabgerissen, die Schnecken werden aus den untersten Tiefen hervorgezogen, und alle Arten lebender Wesen, die auf den Wogen der Oberfläche schwimmen, und Die, welchen der Meeresgrund zum Aufenthalte angewiesen ist, werden an das Tageslicht hervorgezogen, indem der Erfindungsgeist der Lüsternen mannigfaltige Mittel ausfindig macht, sie zu fangen.

Was führt aber die Schwelgerei in ihrem Gefolge mit sich? Denn es muß das Böse, wo nur immer die Krankheit ausbrechen mag, die verwandten Stoffe nach sich ziehen. Die, welche gleich den Sybariten einen üppigen Tisch halten, lassen sich nothwendig zur Aufführung großartiger Gebäude hinreissen und verwenden ihren reichen Wohlstand auf große und übermäßig geschmückte Häuser. Ausserdem sorgen sie für schöne Ruhebetten und bedecken sie mit blumigen, ganz bunten Teppichen. Aus vielen Talenten lassen sie silberne Tische vom Silberarbeiter verfertigen, die einen glatt gearbeitet, die andern mit künstlich getriebener Arbeit versehen, so daß zugleich mit dem Schlunde auch das Auge an den geschichtlichen Darstellungen sich ergötzen kann. Denke dann ferners an die Mischkrüge, Dreifüße, Fässer, Gießkannen, Schüsseln, unzähligen Gattungen von Trinkgeschirren, Possenreisser, Komödianten, Citherspieler, Sänger, [S. 207] Witzmacher, Tonkünstler, Tonkünstlerinnen, Tänzerinnen, an den ganzen Troß einer üppigen Lebensweise, Knaben mit weibischem Haarschmuck, schamlose Mädchen, an Zuchtlosigkeit Schwestern der Herodias, die den Johannes tödten, nämlich den göttlichen und weisen Sinn eines Jeden.

1: I. Tim. 5, 23.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger