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Gregor v. Nyssa (†394) - Ausgewählte Reden
Sittenreden
Erste Rede von der Liebe zu den Armen.

4.

Aber du sagst vielleicht: Auch ich bin arm. Zugegeben. Gib, was du hast, denn Gott verlangt nichts Unmögliches. Du gib Brod, ein Anderer gebe einen Becher Wein, ein Anderer ein Kleid, und so wird das Unglück eines Einzigen durch das Zusammenwirken Mehrerer gehoben. Auch Moses nahm den Aufwand für das Zelt nicht von einem einzigen Steuerzahler, sondern vom ganzen Volke. Denn von den Reichen brachten ihm der Eine Gold, der Andere Silber, der Arme dagegen Felle, und wer noch ärmer als arm war, Haare. Du siehst, daß auch der Heller der Wittwe mehr galt als die Opfergaben der Reichen. Denn diese gab Alles hin, was sie besaß, die Letzteren aber verminderten den Besitz um eine Kleinigkeit.1 Verachte Die nicht, welche auf der Straße liegen, als ob sie keine Beachtung verdienten. Bedenke, wer sie sind, und du wirst ihren Werth erkennen; [S. 201] sie haben die Gestalt unsers Erlösers angenommen. Denn der Menschenfreund lieh ihnen seine Gestalt, damit sie dadurch die Unbarmherzigen und die Feinde der Bettler zur Milde bewegten, gerade so wie Die, welche vor gewaltthätigen Angriffen sich hinter die Bilder des Königs flüchten, um durch das Bildniß des Regenten den Übermüthigen abzuschrecken. Das sind die Schatzmeister der erwarteten Güter, das die Pförtner des Himmelreiches, welche die Thüren den Guten öffnen, den Unfreundlichen und Hartherzigen verschließen. Das sind sowohl heftige Ankläger als auch gute Vertheidiger. Sie bringen aber ihre Vertheidigung und Anklage nicht in Reden vor, sondern indem sie vom Richter gesehen werden. Denn was man ihnen gethan hat, erhebt seine Stimme vor dem Kenner der Herzen lauter als irgend ein Herold. Ihretwegen ist uns auch das furchtbare Gericht Gottes durch die Engel festgesetzt, von dem ihr oft gehört habt.

Denn dort sah ich den Sohn des Menschen vom Himmel kommen und auf die Luft wie auf Land seinen Fuß setzen, in Begleitung vieler Tausende von Engeln, wie er hierauf auf den Thron der Herrlichkeit sich erhob, und das ganze Menschengeschlecht, das ins Dasein getreten war und von der Sonne beschienen wurde und diese Luft athmete, in zwei Theile geschieden und vor dem Richterstuhl aufgestellt war. Es wurden aber Die zur Rechten Schafe genannt, und Die auf der andern Seite hörte ich Böcke nennen indem die Ähnlichkeit der Sitten ihnen diese Namen verschaffte. Und ich vernahm die Unterredung des Richters mit Denen, die gerichtet wurden, und die Antworten der Gerichteten, die sie dem König gaben. Und Allen wurde das verdiente Loos zuerkannt, Denen, die ein gutes Leben geführt hatten, der Genuß des Himmelreiches, den Hartherzigen und Bösen die Strafe des Feuers, die ewig dauert. Er beschreibt aber Alles umständlich, und es hat uns das Wort ein genaues Gemälde vom Gerichte aus keinem anderen Grunde entworfen, als daß wir den Nutzen der [S. 202] Wohlthätigkeit kennen lernen. Denn sie ist es, die das Leben zusammenhält, Mutter der Armen, Lehrerin der Reichen, eine gute Pflegemutter der Jünglinge, eine Stütze des Alters für die Bejahrten, eine Vorratskammer für die Nothleidenden, ein gemeinsamer Hafen für die Unglücklichen, in dem sie auf alle Alter und Unglücksfälle ihre Vorsorge ausdehnt. Denn wie Die, welche eitle Wettkämpfe anordnen, mit der Trompete ihr ehrgeiziges Streben ankündigen und Allen auf dem Kampfplatze die Vertheilung des Reichthums melden lassen, in gleicher Weise ruft die Wohlthätigkeit Alle zu sich, welche sich in Noth und Unglück befinden, und theilt unter Die, welche herzutreten, nicht Lohn für davon getragene Wunden, sondern Heilmittel für Mißgeschick aus. Sie steht höher als jedes löbliche Werk, thront bei Gott als Freundin des Guten und ist in engster Freundschaft mit ihm verbunden. In dieser Weise erscheint uns Gott selbst vor Allen als der Urheber der guten und milden Werke. Denn die Erschaffung der Erde, den Schmuck des Himmels, den geordneten Wechsel der Jahreszeiten, die Wärme der Sonne, die abkühlende Bildung des Eises und alles Übrige bewirkt Gott ohne Unterbrechung nicht für sich selbst, (denn er bedarf hievon Nichts,) sondern für uns. Denn unsichtbar erzeugt er aus der Erde die Nahrung der Menschen, säet zur rechten Zeit und besorgt weise die Bewässerung. Denn er gibt, wie Isaias sagt, Samen dem Säemann,2 und das Wasser aus den Wolken läßt er jetzt ruhig auf die Erde niederträufeln und dann wieder mit Ungestüm sich in den Furchen ergießen. Wenn aber die Saat emporwächst und die grüne Farbe verschwindet, so verscheucht er die Wolken vom ganzen Himmel und bietet ihr dann die Sonne frei von jeder Umhüllung dar, die ihren warmen und feurigen Strahl aussendet, damit die Ähren zum Schnitte reif werden.

[S. 203] Er nährt auch den Weinstock und bereitet dem Durstigen den Trank zur rechten Zeit und nährt uns verschiedenartige Heerden, damit die Menschen Überfluß an Lebensmitteln haben und die Felle der einen, indem sie Wolle hervorbringen, uns Kleidung gewähren, die der andern aber uns Schuhe verschaffen. Du siehst, daß der Erste, der die Wohlthätigkeit gerne ausübt. Gott ist, der in dieser Weise den Hungrigen nährt, den Durstigen tränkt und den Nackten bekleidet, wie wir im Vorhergehenden gesagt haben.

1: Mark. 12, 42―44.
2: Is. 55, 10.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger