Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Gregor v. Nyssa (†394) - Ausgewählte Reden
Sittenreden
Erste Rede von der Liebe zu den Armen.

3.

Denn wenn wir diese Gesinnung haben, so wird Isaias zu uns sagen: „Warum fastet ihr zu Zank und Streit und schlaget den Armen mit Fäusten?“1 Vom nämlichen Propheten laß dich belehren über die Werke redlichen und reinen Fastens: „Löse jede Fessel der Ungerechtigkeit, löse die Schlingen gewaltsamer Verbindungen. Brich dem Hungrigen dein Brod und führe die Armen und Obdachlosen in dein Haus.“2 Eine große Zahl von Nackten und Obdachlosen hat uns aber die gegenwärtige Zeit gebracht. Denn viele Kriegsgefangene finden sich an Jedermanns Thüre. Auch an Fremden und Vertriebenen fehlt es nicht. Überall [S. 199] kann man die flehende Hand ausstrecken sehen. Diese haben ihre Wohnung unter freiem Himmel, ihre Herberge in den Säulengängen, auf den Straßen und auf verödeten Marktplätzen. Und wie die Nachtraben und Eulen verkriechen sie sich in Löcher. Ihre Kleidung besteht in zerfetzten Lumpen, Feldbau ist ihnen der gute Wille der Barmherzigen, Nahrung, was ihnen der Zufall zuführt, Getränke wie den unvernünftigen Thieren die Quellen, Trinkgefäß die hohle Hand, Vorrathskammer die Höhlung des Kleides und diese nur, wenn sie nicht zu weit ist, sondern Das bewahrt, was hineingesteckt wird; Tisch die zusammengestemmten Kniee, Bett der Fußboden, Bad ein Fluß oder See, was Gott Allen als Gemeingut und ohne Zubereitung gegeben hat. Sie führen ein umherschweifendes und verwildertes Leben, das nicht schon ursprünglich so beschaffen war, sondern durch Unglück und Noth so geworden ist.

Diesen komme zu Hilfe, der du fastest, sei freigebig gegen die unglücklichen Brüder! Was du deinem Bauche entziehst, das laß dem Hungrigen zukommen! Die Furcht Gottes zeige sich gerecht, indem sie gleichmäßig vertheilt. Heile durch weise Enthaltsamkeit zwei einander entgegengesetzte Zustände, deine Übersättigung und den Hunger des Mitbruders. Denn so machen es auch die Ärzte. Bei den Einen wenden sie ausleerende, bei den Andern verstopfende Mittel an, damit durch Zusatz oder Entziehung die Gesundheit eines Jeden wieder hergestellt werde. Folget der guten Ermahnung. Möge meine Rede die Thüren der Wohlhabenden öffnen. Es verschaffe mein Rath dem Armen Zutritt zum Besitzenden. Nicht ein bloßes Wort aber bereichere die Jammernden. Es verleihe ihnen Wohnung, Bett und Tisch das ewige Wort Gottes. Mit einem zutraulichen Worte liefere ihm das Nöthige aus deinem Besitze. Ausser diesen gibt es andere Arme, die krank darnieder liegen. Jeder sorge für seine Nachbarn. Überlaß die Pflege Dessen, der dir nahe steht, nicht einem Andern. Nicht reisse ein Anderer den dir bereit liegenden Schatz an [S. 200] sich. Umarme den Unglücklichen wie Gold. Umfange den Verunglückten wie deine Gesundheit, wie Rettung von Weib, Kindern, Dienern und dem ganzen Hause. Der kranke Arme ist ein doppelter Bettler. Denn die gesunden Armen gehen von Thüre zu Thüre und begeben sich zu den Besitzenden. Und indem sie an den Straßen sitzen, rufen sie alle Vorübergehenden an. Die aber von Krankheit bedrängt und in enge Herbergen und enge Winkel eingeschlossen sind, wie Daniel in der Löwengrube, warten auf dich als den Barmherzigen und den Freund der Armen, wie auf Habakuk.3

Werde ein Freund des Propheten durch Almosen. Als ein schneller Ernährer erscheine ohne Zaudern dem Dürftigen. Die Gabe bringt dir keinen Verlust. Sei ohne Furcht. Eine reichliche Frucht sproßt aus dem Almosen empor. Säe deine Gaben aus, und du wirst dein Haus mit einer guten Ernte füllen.

1: Is. 58, 4.
2: Ebd. [Is.] 58, 6. 7.
3: Dan. 14, 36.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Bilder Vorlage

Navigation
Sittenreden
. Erste Rede von der ...
. . Inhalt.
. . Erste Rede von der ...
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. Zweite Rede von der ...
. Rede gegen die Wuchere...
. Rede über die Worte: ...
Festreden
Lob- und Trauerreden

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger