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Gregor v. Nyssa (†394) - Ausgewählte Reden
Sittenreden
Erste Rede von der Liebe zu den Armen.

Erste Rede von der Liebe zu den Armen.

Der Vorstand dieser Kirche und die Lehrer der in keinem Irrthum befangenen Frömmigkeit und der tugendhaften Lebensweise haben eine große Ähnlichkeit mit den Schulmeistern und Lehrern der ersten Anfangsgründe. Denn wie diese, wenn sie die noch unmündigen und stammelnden [S. 196] Kinder von den Vätern übernehmen, ihnen nicht sogleich die höheren Wissenschaften beizubringen suchen, sondern zuerst das Alpha und die weiter folgenden Buchstaben in Wachs einprägen und sie deren Namen kennen lehren und ihre Hand im Schreiben der Buchstaben üben, hierauf zu den Silben übergehen und sie dann im Aussprechen der Wörter üben, in gleicher Weise führen auch die Vorsteher der Kirche zuerst die Zuhörer in die Elementarkenntnisse ein und theilen ihnen dann die höheren Kenntnisse mit.

Da wir nun in den zwei vorhergehenden Tagen die Lust des Gaumens und der Gurgel zurechtgewiesen haben,1 so glaubet nicht, daß ich auch heute mich in den gewohnten Ausdrücken ergehen werde, daß es sich nämlich gezieme, das Fleisch zu verschmähen, sich des Weines zu enthalten, der zum Lachen reizt und in Taumel versetzt, und auf die Köche und jede Bemühung des Weinschenks zu verzichten. Denn darüber habe ich mich hinlänglich ausgesprochen, und ihr habt in euerm Handeln die Wirksamkeit meines Rathes gezeigt. Und da ihr im ersten Unterricht geübt seid, geziemt es sich auch nunmehr, euch allmählig, die höheren und ernsteren Lehren mitzutheilen. Es gibt also auch ausserhalb des Körpers ein Fasten und eine Mäßigkeit, die nicht mit dem Materiellen zusammenhängt, eine Enthaltsamkeit vom Bösen, die in der Seele sich zeigt, und wegen dieser ist uns auch diese Enthaltsamkeit im Genuß der Speisen vorgeschrieben. Fastet also in der Schlechtigkeit, mäßigt euch in der Begierde nach dem fremden Eigenthum, enthaltet euch von ungerechtem Gewinn, hungert die Geldgier des Mammon aus. Kein Besitzthum komme durch Gewalt oder Raub in dein Haus. Denn was nützt es, wenn dein Mund kein Fleisch berührt und du durch deine Schlechtigkeit gegen den Mitbruder dich bissig zeigst? Oder was ist es für ein Gewinn, wenn du dein Eigenthum nicht verzehrst, aber das [S. 197] Eigenthum des Armen in ungerechter Weise an dich ziehst? Oder was ist das für eine Frömmigkeit, wenn du, während du Wasser trinkst, eine Hinterlist aussinnest und aus Schlechtigkeit nach Blut dürstest? Es fastete mit den Eilfen gewiß auch Judas, aber weil er den Geiz nicht bezähmte, brachte ihm die Enthaltsamkeit im Genuß der Speise keinen Gewinn für sein Seelenheil. Auch der Teufel ißt nicht, denn er ist ein Geist ohne Körper; aber wegen seiner Schlechtigkeit stürzte er aus der Höhe. Ebenso nehmen alle Dämonen weder Speise zu sich noch vieles Getränke, auch trifft sie nicht der Vorwurf der Trunkenheit. Denn ihre Natur hindert sie am Genuß der Speisen. Aber dessen ungeachtet irren sie bei Tag und Nacht in der Luft umher, vollbringen und unterstützen die Schlechtigkeit, und entwickeln eine große Thätigkeit, um uns Nachstellungen zu bereiten. Sie verkommen vor Neid und Mißgunst. Davor müssen wir auf der Hut sein, wenn wir Menschen mit Gott in Verwandtschaft stehen wollen, während jene die Bekanntschaft mit der Tugend eingebüßt haben.

1: In der Rede beim Beginne der Fastenzeit.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger