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Gregor v. Nyssa (†394)
Abhandlung über die Ausstattung des Menschen
(De opificio hominis)

 [S. 209] Gregor, Bischof von Nyssa, an seinen Bruder Petrus, den Knecht Gottes.

Wenn man durch Gaben an Hab’ und Gut die durch Tugend sich Auszeichnenden ehren müßte, so würde die ganze Welt der Schätze, wie Salomo sagt,1 zu klein erscheinen, um deine Tugend aufzuwiegen. Da jedoch größer als nach Reichthums Werth der deiner Ehrwürdigkeit schuldige Dank ist, das heilige Osterfest aber die gewohnte Gabe der Liebe fordert, so bringen wir Deinem Hochsinne ein Geschenk, o Mann Gottes, das zwar geringer ist, als daß es werth wäre, dir dargebracht zu werden, doch gewiß nicht dürftiger als unser Vermögen. Das Geschenk aber ist eine Abhandlung, gleichsam ein dürftiges, aus unserem ärmlichen Denken nicht ohne Mühe gewebtes Kleid; der Stoff der Abhandlung aber wird vielleicht den Meisten als kühn [S. 210] erscheinen, indeß ward er nicht als ungemessen erachtet. Allein nämlich in würdiger Weise hat die Schöpfung Gottes betrachtet der wahrhaft nach Gott geschaffene und an der Seele nach dem Bilde des Schöpfers gestaltete Basilius, unser gemeinsamer Vater und Lehrer, der die erhabene Einrichtung des Alls durch seine Betrachtung der Menge faßlich gemacht hat, indem er die in wahrer Weisheit von Gott gegründete Schöpfung denen erkennbar machte, die durch seine Einsicht zur Betrachtung sich anleiten lassen. Wir aber, obwohl wir ihn nicht einmal nach Gebühr bewundern können, haben dennoch uns vorgenommen, den Betrachtungen des großen Mannes das Fehlende beizufügen, nicht um durch Überbietung2 seine Arbeit zu entwerthen (denn es wäre auch nicht Recht, jenen erhabenen Mund durch unsere Nachreden3 zu beschimpfen), sondern damit nicht der Ruhm des Lehrers in seinen Schülern erloschen zu sein scheine. Denn wenn, da in dem „Sechstagewerk“ die Rücksichtnahme auf den Menschen fehlt, keiner seiner Schüler einen Fleiß auf die Ergänzung des Fehlenden verwenden würde, so hätte natürlich gegen seinen großen Ruhm der Tadel eine Angriffswaffe, als habe er seinen Zuhörern keine wissenschaftliche Tüchtigkeit beibringen wollen. Nun aber, wo wir nach Vermögen uns an die Ausführung des Fehlenden wagen, wird, falls in unseren Leistungen Etwas gefunden werden sollte, was seiner Unterweisung nicht unwürdig ist, Dieses jedenfalls auf Rechnung des Lehrers kommen; falls aber an seine großartige Anschauung unsere Darstellung nicht hinanreicht, so wird er zwar von einer solchen Anklage frei sein und dem Tadel, er scheine nicht gewollt zu haben, daß [S. 211] in seinen Schülern etwas Rechtes entstehe, entgehen, wir aber dürften mit Recht den Tadelsüchtigen als schuldig erscheinen, als hätten wir in der Kleinheit unseres Herzens die Weisheit des Lehrmeisters nicht gefaßt.

Es ist aber nicht klein der uns zur Betrachtung vorliegende Gegenstand, noch steht er irgend einem von den Wundern in der Welt nach, ja vielleicht ist er sogar größer als alle, die wir kennen, weil kein anderes unter den Seienden Gott ähnlich geschaffen ist ausser der menschlichen Kreatur. Darum wird von den billig Denkenden unter den Zuhörern uns bereitwillige Nachsicht bei unserem Vortrage zu Theil werden, wenn etwa weit hinter der Gebühr die Rede zurückbleibt. Denn es darf, meine ich, von Allem, was den Menschen betrifft, sowohl von dem, was wir als früher geschehen glauben, als dem, was wir jetzt sehen, als auch dem, was wir als künftig eintretend erwarten, Nichts ununtersucht bleiben. Denn fürwahr als zurückbleibend hinter der Ankündigung würde sich die Arbeit erweisen, wenn, wo der Mensch der Betrachtung vorliegt, Etwas von dem zur Sache Gehörigen übergangen würde. Vielmehr auch das, was an ihm als ein entgegengesetzter Zustand erscheint, weil nicht mehr dasselbe mit dem, was am Anfange war, auch jetzt noch an seiner Natur sich zeigt, muß man in einer gewissen nothwendigen Abfolge gemäß der Lehre der Schrift sowohl als der durch Vernunftschlüsse sich ergebenden verknüpfen, damit der ganze Stoff mit sich übereinstimme durch Verbindung und Ordnung, indem die scheinbaren Widersprüche in ein und dasselbe Ziel zusammen treffen, da eben die göttliche Macht Hoffnung erfindet für das, was über Hoffnung ist, und einen Ausweg für das Unmögliche. Der Deutlichkeit wegen aber hielt ich es für gut, die Abhandlung Dir in Kapiteln vorzulegen, damit Du von dem ganzen Werke in Kürze den Inhalt der einzelnen Untersuchungen übersehen könnest.

1: Sprüchw. 17, 6.
2: Statt ὑπερβολή [hyperbolē] liest Morel ὑποβολή [hypobolē] = Unterschiebung, was vielleicht besser paßt zu νοθεύειν [notheuein] (verfälschen).
3: Τοῖς ἡμετέροις ἐπιφημιζόμενον λόγοις [Tois hēmeterois epiphēmizomenon logois] wird wohl kaum anders zu fassen sein; Oehler übersetzt: „mit den Worten, die ihn feiern sollen;“ allein ἐπιφημίζω [epiphēmizō] heißt nicht bloß seinen Beifall, sondern auch sein Mißfallen ausdrücken.

 

 

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Gregor Emmenegger