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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

9. Die Gestalt des Menschen ist organisch eingerichtet zum Dienste der Sprache.

Da also der Schöpfer unserem Gebilde eine göttliche Schönheit verlieh, indem er die Nachahmungen seiner eigenen Vollkommenheiten in das Ebenbild legte, hat er dadurch zwar die übrigen Güter aus Großmuth der menschlichen Natur geschenkt, Geist und Erkenntniß aber hat er, man kann eigentlich nicht sagen ihr geschenkt, sondern sie daran Theil nehmen lassen, indem er den eigenthümlichen Schmuck seiner eigenen Natur dem Ebenbilde verlieh. Da nun der Geist etwas Denkendes und Unkörperliches ist, so hätte er eine unmittheilsame und ungesellige Schönheit, wenn nicht durch eine sinnige Erfindung seine Thätigkeit kund würde. Darum bedurfte er dieser organischen Ausstattung, um wie ein Plektrum die Stimmorgane betastend durch die so oder so beschaffene Gestaltung der Töne die innere Thätigkeit zum Ausdruck zu bringen. Und wie ein Musikkundiger, wenn er in Folge eines Leidens keine eigene Stimme hat, aber doch seine Kunst an den Tag legen will, mit fremden Stimmen melodirt, indem er durch Flöten und Leier seine Kunst veröffentlicht, so bedient sich auch der menschliche Geist, als Erfinder von allerlei Gedanken, weil er den durch Sinnesempfindungen Vernehmenden durch die bloße Seele die Gedanken nicht zeigen kann, wie ein geschickter Künstler, dieser lebendigen Organe und macht durch den in ihnen enthaltenen Klang die verborgenen Gedanken kund. Gemischt aber ist die Musik beim menschlichen Organ gewissermaßen aus Flöte und Leier,1 die wie bei einer Harmonie in eins zusammen tönen. Denn der von den Athmungsgefäßen [S. 231] durch die Luftröhre heraufgetriebene Odem, der, wenn das Bestreben des Sprechenden den Theil zur Stimme anspannt, an die inneren Wände anstößt, die ringsum diesen flötenartigen Durchgang einschließen, ahmt gewissermaßen den durch die Flöte entstehenden Ton nach, indem er durch die häutigen Hervorragungen im Kreise herumgetrieben wird. Der Gaumen aber nimmt den von unten herkommenden Laut in seine Höhlung auf, in die zwei zur Nase führenden Vorhöfe, und indem er durch plättchenartige Hervorragungen, den Siebbeinknorpeln, die Stimme zertheilt, macht er den Ton heller. Wange aber und Zunge und der Bau der Kehle, wonach das Kinn in eine Wölbung übergeht und spitzig ausläuft, all’ diese Dinge stellen verschieden und mannigfach die Bewegung des Plektrums in den Saiten vor, indem sie rechtzeitig mit großer Schnelligkeit je nach Bedürfniß die Töne modificiren. Das Öffnen und Schließen der Lippen aber bewirkt dasselbe, wie wenn man mit den Fingern den Hauch der Flöte je nach der Harmonie des Liedes anhält.

1: Als den Repräsentanten der Blas- und Saiteninstrumente.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger