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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

8. Warum die Gestalt des Menschen aufrecht ist, und daß die Hände wegen des Wortes (= Sprache = Vernunft)1 sind, nebst einer Betrachtung über den Seelenunterschied.

Aufrecht aber ist die Gestalt des Menschen und zum Himmel gerichtet, und in die Höhe blickt er. Fürstlich ist auch Dieß und ein [S. 225] Abzeichen der königlichen Würde. Denn daß allein unter den Geschöpfen der Mensch so beschaffen ist, allen anderen aber die Leiber nach unten sich neigen, zeigt deutlich den Rangunterschied zwischen den der Herrschaft Unterwürfigen und der über ihnen stehenden Herrschermacht. Bei allen andern nämlich sind die Vorderglieder Füße, weil das Gebeugte durchaus der Stütze bedurfte, bei der Ausstattung des Menschen aber sind diese Glieder Hände geworden; denn bei der aufrechten Gestalt genügte zum Bedarfe eine Basis, die durch zwei Füße ein sicheres Stehen verleiht. Übrigens aber auch dem Gebrauche des Wortes ist der Dienst der Hände behilflich, und wer den Dienst der Hände für eine Eigenheit der sprachbegabten (=vernünftigen) Natur erklärt, wird nicht ganz Unrecht haben, nicht bloß im Hinblick auf jenes Bekannte und Alltägliche, daß wir durch das Geschick der Hände das Wort mit Schriftzeichen andeuten; denn es ist wohl auch Dieß nicht ohne Antheil an der Gabe des Wortes, daß wir schriftlich sprechen und gewissermaßen mit der Hand reden, indem wir durch die Züge der Buchstaben die Worte bewahren: — sondern in anderer Hinsicht nenne ich die Hände der Aussprache des Wortes behilflich. Vielmehr aber, bevor wir Dieß genauer erforschen, wollen wir den vorgesetzten2 Gegenstand erwägen (denn beinahe wäre uns das Ordnungsgemäße der Entwicklung entgangen), warum nämlich vorausgeht das Sprossen der Erdgewächse, hernach aber die unvernünftigen Thiere kommen, und erst nach der Erschaffung von diesen der Mensch. Vielleicht nämlich lernen [S. 226] wir hiedurch nicht bloß das zunächst zu Denkende, daß dem Schöpfer für die Thiere das Gras als dienlich erschien, für den Menschen aber das Vieh, weßhalb vor den Weidethieren ihre Nahrung, vor dem Menschen aber das der menschlichen Lebsucht dienen Sollende kam, — sondern mir scheint hiedurch Moses eine der verborgenen Lehren anzudeuten und die Philosophie über die Seele geheimnißweise vorzutragen, von der zwar auch die heidnische Wissenschaft einen Schein hatte, die sie jedoch nicht hellklar einsah. Es lehrt nämlich, glaube ich, hiedurch das Wort,3 daß in drei Unterschieden die belebende und beseelende Kraft sich darstelle. Denn die eine ist nur mehrsam und nährsam, zur Zunahme des Ernährlichen das Entsprechende beitragend, welche wachsthümlich4 heißt und an den Gewächsen sich zeigt; denn es ist auch an dem, was wächst, eine gewisse, der Empfindung untheilhafte Lebenskraft zu bemerken. Eine andere Art aber von Leben ausserdem ist die, welche sowohl Dieß hat als auch das Empfindungsgeschäft dazu bekam, die in der Natur der Thiere ist; denn sie nährt sich nicht bloß und mehrt sich, sondern hat auch Sinnesthätigkeit und Empfindung. Das vollkommene leibhafte Leben aber erblickt man in der vernünftigen, nämlich der menschlichen Natur, das sowohl sich nährt und empfindet als auch am Worte (der Vernunft) Theil hat und mit Verstand waltet. Wir könnten aber die Eintheilung des in Rede stehenden Gegenstandes etwa so machen: Von dem Seienden ist jedenfalls das Eine geistig, das Andere aber körperlich. Indeß vom Geistigen mag für jetzt die Zerlegung in die Arten beiseit bleiben, denn davon ist nicht die Rede. Von dem Körperlichen aber hat das Eine gar kein Leben, das Andere aber besitzt Lebensthätigkeit. Von den lebendigen Körpern ferner leben die einen mit Empfindung, die andern aber sind [S. 227] empfindungslos. Das Empfindungsfähige dann theilt sich wieder in Vernünftiges und Unvernünftiges. Darum läßt unmittelbar nach der leblosen Materie gleichsam als Grundlage der Gattung der beseelten Wesen der Gesetzgeber5 dieses pflanzliche Leben gegründet worden sein, welches vorerst in dem Wachsthum der Pflanzen besteht. Dann erst führt er die Entstehung der Empfindungsfähigen auf; und da nach derselben Reihenfolge von den mit fleischlichem Leben Begabten die Empfindsamen an sich auch ohne die geistige Natur sein können, das Vernünftige aber wohl nicht anders in einem Körper sein kann, als in Verbindung mit dem Empfindsamen, darum wurde zuletzt nach den Pflanzen und den Thieren der Mensch geschaffen, indem in geordnetem Stufengang die Natur zum Vollkommenen fortschritt. Denn aus jeder Gattung der Seelen zusammen gemischt ist dieses vernünftige Lebewesen, der Mensch. Er nährt sich nämlich nach Art der Pflanzenseele, zur Wachskraft aber kam die empfindende hinzu, die ihrer Natur nach in der Mitte steht zwischen der denkfähigen und der mehr stofflichen Wesenheit, und um so gröber ist denn die erstere als reiner denn die letztere. Dann kommt eine Vermählung und Vereinigung der denkfähigen Wesenheit mit dem Feinen und Lichtartigen der empfindungsfähigen Natur, so daß in diesen Dreien der Mensch seinen Bestand hat, wie wir Solches auch von dem Apostel lernen in dem, was er zu den Ephesiern6 sagte, wo er fleht, es möge ihnen die vollständige Gnade an Leib, Seele und Geist bei der Erscheinung des Herrn bewahrt werden, indem er statt des ernährlichen Theils den Leib nennt, den empfindsamen aber durch die Seele andeutet und den denkfähigen durch den Geist. Ebenso lehrt auch den Schriftkundigen durch das Evangelium der Herr, höher als jedes Gebot zu stellen die Liebe zu Gott, aus ganzem [S. 228] Herzen, aus ganzer Seele und aus ganzem Gemüthe.7 Denn auch hier scheint mir das Wort den nämlichen Unterschied zu erklären, indem es den mehr körperlichen Bestandtheil Herz nennt, Seele aber den mittleren, und Gemüth die höhere Natur, die Denk- und Besinnungskraft. Daher kennt der Apostel auch dreierlei Arten von Bestrebungen, die fleischliche, wie er sie nennt, welche dem Bauche und den einschlägigen Wollüsten fröhnt, die seelische, welche mitten inne steht zwischen Tugend und Laster, über dieses zwar erhoben, an jener aber nicht ausschließlich Theil habend, und die geistige, welche das Vollkommene des Gott-gemäßen Wandels im Auge hat. Darum sagt er zu den Korinthern, ihre Genußsucht und Leidenschaftlichkeit schmähend:8 „Ihr seid fleischlich und der vollkommeneren Lehren unempfänglich;“ anderswo aber einen Vergleich zwischen dem Mittleren und dem Vollkommenen ziehend, sagt er:9 „Der seelische Mensch faßt nicht, was des Geistes ist, denn es ist ihm Thorheit; der Geistige aber richtet zwar Alles, er selbst aber wird von Niemand gerichtet.“ Wie also der Seelische das Fleischliche überragt, so steht in gleicher Weise der Geistige über diesem. Wenn also zuletzt nach allem Beseelten die Schrift den Menschen entstanden sein läßt, so trägt der Gesetzgeber nichts Anderes als eine Philosophie über die Seele uns vor, indem er nach einer nothwendigen Reihenfolge das Vollkommene in dem, was zuletzt kommt, sieht. Denn in dem Vernünftigen ist auch das Übrige inbegriffen, in dem Empfindsamen aber ist durchaus auch das Pflanzenartige; dieses aber zeigt sich nur am Stofflichen. Demnach macht allerdings die Natur schrittweise, d. h. durch die Lebens-Eigenthümlichkeiten hindurch, einen Fortschritt vom Geringeren zum Vollkommenen.

[S. 229] Da also der Mensch ein vernünftiges (sprachfähiges) Lebewesen ist, so mußte das Werkzeug des Leibes für den Gebrauch der Sprache tauglich eingerichtet werden. Wie man bei den Musikern sehen kann, daß sie je nach der Art ihrer Instrumente die Musik betreiben und weder auf Leiern flöten, noch auf Flöten leiern, auf dieselbe Weise mußte die Einrichtung der Organe für das Wort (die Sprache) geeignet sein, damit es, je nach dem Bedarfe der Wörter, von den Stimmorganen gebildet, in gehöriger Weise ertöne. Darum wurden dem Körper die Hände beigefügt. Denn wenn man auch zehntausend Dienste für’s Leben aufzählen kann, wozu diese geschickten und vielleistenden Werkzeuge der Hände dienlich sind, die bei jeder Kunst und Thätigkeit in Krieg und Frieden geschäftig mitthun, so hat aber doch vorzugsweise des Wortes wegen die Natur sie dem Körper verliehen. Denn wenn der Mensch die Hände nicht hätte, so wären ihm gewiß nach Art der Vierfüßer, dem Nahrungs-Bedürfniß entsprechend, die Theile seines Gesichts eingerichtet worden, so daß dessen Gestalt vorgestreckt sein und zu Schnauzen sich zuspitzen und die Lippen des Mundes hervorragen würden wulstig, ungelenk und grob, um zum Rupfen des Grases geschickt zu sein; inner den Zähnen aber läge eine andere Zunge, etwa fleischig, zäh und rauh, und zugleich mit den Zähnen das unter das Gebiß Gekommene verarbeitend, oder schlüpfrig und hin und her schlappend, wie die der Hunde und der übrigen Fleischfresser ist, die in dem Gezack der Zähne zwischen den Abständen sich schlängelt. Fehlten also dem Leibe die Hände, wie würde dann in ihm eine artikulirte Stimme gebildet, da ja die Einrichtung der Mundtheile nicht für den Dienst des Lautes gestaltet wäre? Es müßte daher der Mensch jedenfalls entweder blöcken oder mäckern oder bellen oder wiehern, oder Ochsen und Eseln ähnlich schreien, oder ein anderes thierisches Gebrüll ausstoßen. Nun aber, da die Hand dem Leibe eingefügt ist, hat der Mund Muße zum Dienste des Wortes. Sonach haben als eine Eigenthümlichkeit der sprachfähigen Natur [S. 230] sich die Hände erwiesen, indem so der Schöpfer durch sie der Sprache die Leichtigkeit erfand.

1: Das im Deutschen durch kein entsprechendes Wort übersetzbare λόγος [logos] (Vernunft, Begriff, Gedanke, Wort, Rede, Sprache, Abhandlung, Rechnung etc.) übersetze ich hier durch „Wort“, weil dieser Ausdruck die Vernunft und das Denken, zugleich aber auch das Sprechen schon in sich schließt, und weil Gregor im Folgenden wirklich die Hände in gewisser Weise als Sprachwerkzeuge darstellt und im Zusammenhange damit die Hand des Menschen (in Christus) als Werkzeug des göttlichen Wortes betrachtet, wie umgekehrt Irenäus (IV. 20, 1.) das Letztere bildlich als rechte Hand Gottes bezeichnet. Uebrigens betrachtet schon Aristoteles die Hand als das Hauptwerkzeug des Menschen. „Die Seele“, sagt er ( περὶ ψυχῆς [peri psychēs] III, 8), „ist gewissermaßen alles Seiende (als εἶδος εἴδων [eidos eidōn]); sie ist wie die Hand, denn auch die Hand ist das Werkzeug der Werkzeuge (ὄργανον ὀργάνων).“
2: Ich glaube nicht, daß ὁ παραθεὶς λόγος [ho paratheis logos] hier „die nebenan d. h. bei Seite gestellte Rede“ heißt, wie Oehler meint, wiewohl auch so der Sinn derselbe bleibt.
3: D. h. das Wort Gottes in der heiligen Schrift.
4: Φυσική [Physikē] = Pflanzenseele, ἣ περὶ τὰ φυτὰ θεωρεῖται. [hē peri ta phyta theōreitai].
5: Moses.
6: Das augenscheinlich bloß aus dem Gedächtnisse genommene Citat steht I. Thess. 5, 23.
7: Mark. 12, 13. Das deutsche „Gemüth“ heißt im Griechischen διάνοια [dianoia], das Denken, die Gesinnung.
8: I. Kor. 3, 3.
9: Das. [I. Kor.] 2, 14.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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