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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

7. Warum der Mensch der natürlichen Waffen und Bedeckungen entbehrt.

Allein was will das Aufrechte der Gestalt? und warum sind die Kräfte zum Leben dem Körper nicht angeboren, sondern wird entblößt der natürlichen Bedeckungen, wehrlos und arm und alles Nothdürftigen ermangelnd, der Mensch in’s Leben gesetzt, der Erbarmung vielmehr als der Seligpreisung werth, wie es scheint? Nicht mit Sprossen von Hörnern ist er bewaffnet, nicht mit Krallenspitzen, nicht mit Hufen oder Hauzähnen oder einem von Natur tödtliches Gift enthaltenden Stachel, dergleichen doch die Mehrzahl der Thiere zur Abwehr der Verfolger besitzt, nicht mit einer Hülle von Haaren ist sein Leib bedeckt. Und doch sollte füglich der zur Herrschaft über die Andern Bestimmte von der Natur mit eigenthümlichen Waffen bewehrt sein, damit er zur eigenen Sicherheit nicht fremden Beistandes bedürfe. Nun aber haben Löwe, Eber, Tiger, Panther und andre dergleichen eine zu ihrer Sicherheit ausreichende Kraft, und dem Stier ist das Horn, dem Hasen die Schnelligkeit, dem Rehe die Sprungkraft und die Sicherheit des Auges, einem [S. 223] andern Thiere die Größe, anderen der Rüssel, den Vögeln der Fittig, der Biene der Stachel und allen überhaupt Etwas zur Schutzwehr von Natur aus angeboren. Einzig dagegen von allen der Mensch ist in Vergleich mit den schnellläufigen langsamer, mit den fleischreichen kleiner, mit den durch angeborne Waffen geschützten leichter besiegbar; und wie, wird man fragen, hat der so Beschaffene die Herrschaft über Alle bekommen? Allein es ist, glaub’ ich, nicht schwer, zu zeigen, daß die scheinbare Dürftigkeit unserer Natur der Anlaß zur Herrschaft über das Unterworfene ist. Denn hätte der Mensch eine solche Kraft, daß er an Schnelligkeit das Pferd überliefe und einen durch Festigkeit unaufreibbaren, mit Hufen und Klauen versehenen Fuß hätte und Hörner und Stachel und Krallen an sich trüge, so wäre er erstens thierisch und widrig, wenn derlei seinem Körper angewachsen wäre, sodann aber würde er sich um die Herrschaft über die andern nichts kümmern, da er der Beihilfe der Unterthanen nicht bedürfte. Nun aber sind die Lebensdienste deßwegen auf die einzelnen uns unterworfenen Wesen vertheilt worden, um die Herrschaft über sie nothwendig zu machen. Die Langsamkeit nämlich und Schwerbeweglichkeit unseres Körpers verwendete das Pferd zum Dienste und zähmte es, die Nacktheit unseres Fleisches aber machte die Schafzucht nöthig, die aus dem jährlichen Ertrag der Wolle den Mangel unserer Natur ergänzt. Die Einfuhr der Lebensmittel zu uns auch aus der Fremde unterwarf die Lastträger unter den Thieren diesen Dienstleistungen. Ferner, daß wir nicht nach Art der Weidethiere Gras fressen können, machte den Ochsen dem Leben dienstbar, der durch seine Arbeiten uns den Lebensunterhalt gewinnen hilft. Da wir aber auch Zähne und Gebiß brauchten, um irgend eines der anderen Thiere zu bewältigen durch den Angriff der Zähne, so lieh der Hund nebst der Schnelligkeit seinen Kinnbacken unserem Bedarfe, indem er gleichsam ein lebendiges Messer für den Menschen ist. In Vergleich mit Hörnerwehr aber und Krallenspitze als stärker und schärfer ward von den Menschen das Eisen erfunden, das uns nicht auf immer angewachsen ist, wie [S. 224] jene den Thieren, sondern nach zeitweiliger Kampfeshilfe im Übrigen für sich bleibt. Und statt des Krokodil-Panzers kann auch er sich diese Rüstung machen, indem er zeitweilig das Lederwamms anlegt; oder, wenn das nicht, so wird auch hiezu durch die Kunst das Eisen geformt, welches, nachdem es zeitweilig zum Kriege gedient, im Frieden den Gewappneten von der Last wieder frei läßt. Es dient aber dem Leben auch die Schwinge der Vögel, so daß wir erfinderisch auch der Flugschnelligkeit nicht entbehren. Denn einige von ihnen werden gezähmt und sind den Jägern behilflich, andere aber werden erfindsam durch jene unseren Bedürfnissen zugeführt, ja sogar die Pfeile hat erfinderisch die Kunst uns befiedert, und schenkt durch den Bogen unseren Bedürfnissen die Flugschnelligkeit. Daß aber unsere Fußsohlen empfindlich sind und leicht aufreiblich im Marsche, macht die Beihilfe von Seite der uns untergebenen Dinge nöthig; denn daher kommt es, daß wir den Füßen die Schuhe anpassen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger