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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

6. Erörterung der Verwandtschaft des Geistes mit der Natur, wobei auch nebenher die Lehre der Anomöer widerlegt wird.

Und Niemand meine, als sagte ich, nach Art der menschlichen Thätigkeit durch verschiedene Vermögen erfasse die Gottheit das Seiende. Denn es ist nicht möglich, in der Einfachheit des göttlichen Wesens eine Mannigfaltigkeit und Vielfachheit der aussagenden Thätigkeit zu bemerken. Denn nicht einmal bei uns sind vielfach die die Thatsachen (Dinge) auffassenden Kräfte, wenn wir auch auf vielfache Weise durch die Sinne das Wirkliche erfassen. Denn eine einzige Kraft ist es, der inwohnende Geist selbst, der durch jedes [S. 221] der Sinneswerkzeuge hindurchdringt und die Dinge ergreift. Dieser beschaut durch die Augen das Erscheinende, dieser vernimmt durch das Gehör das Gesprochene, liebt das Erwünschte und flieht das Unangenehme und bedient sich der Hand, wozu er will, indem er durch sie ergreift und zurück stößt, je nachdem er es für gut findet, die Mithilfe des Werkzeuges hiezu gebrauchend. Wenn also beim Menschen, wiewohl da verschieden sind die von der Natur zur Wahrnehmung eingerichteten Organe, der in allen Wirkende und Bewegte1 und ein jedes in entsprechender Weise zu dem, was vorliegt, Gebrauchende Einer und Derselbe ist, der mit den Unterschieden der Thätigkeiten nicht zugleich seine Natur ändert, wie sollte Jemand bei Gott wegen seiner mannigfaltigen Kräfte eine Vieltheiligkeit des Wesens vermuthen? Denn der das Auge gebildet hat, wie der Prophet sagt,2 und das Ohr gepflanzt, hat nach den Mustern in ihm selbst diese Kräfte gleich wie Erkennungszeichen der Natur der Menschen eingeprägt. Denn „laßt uns“, sagt er, „den Menschen machen nach unserem Bilde.“ Aber wo ist mir die Häresie der Anomöer?3 Was werden sie zu diesem Ausspruche sagen? Wie werden sie in diesen Worten die Nichtigkeit ihrer Lehre retten? Werden sie etwa sagen, es sei möglich, daß sein Bild4 verschiedenen Gestalten ähnlich gemacht wurde? Wenn der Sohn der Natur nach dem Vater unähnlich ist, wie schafft er dann als ein einziges das Abbild der verschiedenen Naturen? Denn der sprach: [S. 222] „Laßt uns (den Menschen) machen nach unserem Bilde“ und durch die Mehrheitsbezeichnung die heilige Dreiheit zu erkennen gab, hätte nicht des Abbildes in der Einheit gedacht, wenn unähnlich wären unter einander die Urbilder. Es war ja gar nicht möglich, von den einander nicht Gleichenden ein Gleichbild herzustellen, sondern, wenn verschieden waren die Naturen, dann machte er verschieden jedenfalls auch deren Abbilder, das einer jeden entsprechende schaffend. Allein wenn Eines ist das Abbild, nicht Eines aber das Urbild des Abbildes, wer ist so ohne Verstand, um nicht einzusehen, daß die dem Einem Ähnlichen jedenfalls auch unter einander ähnlich sind. Darum sagt, um gleich bei der Schöpfung des menschlichen Lebens diese Lästerung abzuschneiden, das Wort: „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse.“

1: Κινούμενος [Kinoumenos] steht meines Erachtens im Gegensatze zu dem vorausgehenden ἐνεργῶν [energōn] und bezieht sich auf das Bewegtwerden bei der Aufnahme der Eindrücke. Der Geist selbst ist das immer gleiche Subjekt alles Thuns und Leidens.
2: Ps. 93, 9 [hebr. Ps. 94, 9].
3: Lehrer der Unähnlichkeit des Sohnes mit Gott dem Vater.
4: Nämlich die menschliche Natur, die in allen Menschen dieselbe ist.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger