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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

30. Eine kurze, mehr ärztliche Betrachtung über die Einrichtung unseres Leibes.

[S. 304] Allein über die genaue Einrichtung unseres Leibes belehrt zwar ein Jeder sich selbst aus dem, was er sieht und erlebt und empfindet, indem er seine eigene Natur als Lehrerin hat. Es kann aber auch, wer die in Büchern von den Fachgelehrten bearbeitete Beschreibung davon hernimmt, Alles genau kennen lernen. Von diesen haben die Einen über die Lage der einzelnen Theile in uns durch die Anatomie sich belehrt, die Andern auch die Bestimmung aller Theile des Leibes erforscht und erörtert, so daß hieraus eine hinreichende Kenntniß des menschlichen Baues für die Studienfreunde sich ergibt. Will aber Einer für all Dieses die Kirche als Lehrerin haben, um für Nichts eine fremde Stimme zu brauchen (denn das ist der geistigen Schafe Gesetz, wie der Herr sagt,1 auf eine fremde Stimme nicht zu hören), so wollen wir in Kürze die Untersuchung auch hierüber aufnehmen.

Dreierlei erkennen wir an der Natur des Leibes, um deß willen die einzelnen Theile in uns zubereitet sind. Die einen nämlich dienen zum Leben, die andern um schön zu leben, noch andere zur Fortpflanzung der Nachkommen. Was nun in uns von der Art ist, daß ohne dasselbe das menschliche Leben nicht bestehen kann, finden wir in drei Theilen, in Gehirn, Herz und Leber. Was aber eine Zugabe von Gütern ist und eine Freigebigkeit der Natur, welche dadurch dem Menschen ein angenehmes Leben verleiht, das sind die Sinneswerkzeuge. Denn diese begründen uns zwar nicht das Leben, da auch in deren Ermangelung der Mensch oft nichts desto weniger am Leben ist, aber unmöglich kann man ohne diese Thätigkeiten an den Annehmlichkeiten des Lebens Theil haben. Der dritte Zweck aber geht auf die [S. 305] Nachfolge und Fortpflanzung. Es gibt aber ausserdem noch andere Theile, die gemeinsam allen zur Erhaltung dienen, indem sie durch sich die geeigneten Zuflüsse hereinführen, wie Magen und Lunge, von welchen diese durch den Athem das Feuer im Herzen anfacht, jener aber den Eingeweiden die Nahrung zuführt. Bei dieser Eintheilung nun der Einrichtung in uns kann man deutlich sehen, daß nicht einförmig durch ein Glied die Lebenskraft in uns waltet, sondern daß die Natur die Bedingungen zu unserer Subsistenz an mehrere Glieder vertheilt und so die Mitwirkung jedes einzelnen zum Ganzen nothwendig macht, so daß, was immer sowohl zur Erhaltung als Verschönerung des Lebens die Natur kunstvoll eingerichtet hat, mehrfältig ist und sehr von einander verschieden. Allein zuerst, glaube ich, müssen wir in Kürze von dem, was uns zur Erhaltung des Lebens dient, die ersten Anfänge unterscheiden.

Von dem den einzelnen Gliedern gemeinsam zu Grunde liegenden Stoffe des ganzen Leibes sei für jetzt nicht die Rede; denn Nichts zum Zwecke wird uns beitragen die allgemeine Naturlehre für die besondere Untersuchung. Da also von Allen anerkannt ist, daß von allem elementarisch in der Welt Befindlichen in uns ein Theil ist, vom Warmen und Kalten, und von dem anderen Paare, dem Feuchten und Trockenen, so müssen wir das Einzelne durchnehmen. Nun sehen wir dreierlei das Leben erhaltende Mächte, von denen die eine Alles mit Wärme durchdringt, die andere das Erwärmte mit Feuchtigkeit netzt, damit durch das Gleichgewicht der Qualität der Gegensätze in der Mitte erhalten werde das Lebewesen, und weder das Nasse vertrockne durch das Übermaß der Wärme, noch das Warme verlösche durch Überhandnahme der Durchnässung. Die dritte Macht aber erhält durch sich in einer gewissen Fuge und Harmonie die Unterschiede der Glieder, indem sie dieselben durch ihre Bande verknüpft und Allen die Kraft der Selbstbewegung und Lebendigkeit zutheilt, in deren Ermangelung schlaff wird und wie todt das Glied, als des Lebensgeistes verlustig.

[S. 306] Noch mehr aber als Dieß werth der Beachtung ist das Kunstwerk unserer Natur in der Einrichtung des Leibes selbst. Da nämlich das Harte und Feste die empfindenden Thätigkeiten nicht zuläßt (wie zu sehen ist sowohl an den Knochen in uns als an den Pflanzen der Erde, an denen wir zwar eine Art von Leben bemerken im Wachsthum und der Ernährung, bei denen jedoch dagegen die Ungeschmeidigkeit des Stoffes die Empfindung nicht zuläßt), darum mußte den Sinnesthätigkeiten eine gleichsam wachsartige Ausstattung untergelegt werden, welche für die Empfindungs-Eindrücke empfänglich ist und weder verfließt vor übermäßiger Feuchtigkeit (denn nicht haften würde im Flüssigen der Eindruck), noch widersteht im Übermaß der Härte (denn unempfänglich für Eindrücke ist das Unnachgiebige), sondern die Mitte hält zwischen Weichheit und Starrheit, damit nicht der schönsten unter den natürlichen Verrichtungen, der Sinnenthätigkeit nämlich, entbehre das Lebewesen. Da nun das Weiche und leicht Nachgiebige ohne die Kraft des Festen ganz unwirksam wäre und ungegliedert, wie die See-Molusken, darum mischt die Natur in den Leib die Starrheit der Knochen, und indem sie diese durch die geeignete Harmonie mit einander verband und durch die Nervenbänder deren Fugen verknüpfte, umgab sie so dieselben mit dem empfindungsfähigen Fleische, das als minder empfindlich und kräftiger an der Oberfläche sich vertheilt. Indem sie nun auf diese feste Knochennatur, wie auf lasttragende Säulen, die ganze Schwere des Leibes legte, anerschuf sie nicht ohne Gliederung dem Ganzen den Knochen (das Gebein). Denn wahrlich unregsam und unthätig bliebe, wenn so es mit seiner Ausstattung stünde, der Mensch, wie ein Baum, der an einem Orte bleibt, sofern weder die Aufeinanderfolge der Beine nach vorwärts fortführen würde die Bewegung noch die Geschäftigkeit der Hände Dienst leisten würde dem Leben. Nun aber hat sie durch diese sinnreiche Einrichtung den Organismus zum Wandeln und Handeln befähigt, indem sie durch den die Nerven durchdringenden Lebensgeist dem Körper den Trieb und die Kraft zu seinen Bewegungen [S. 307] einpflanzte. Dadurch wird der mannigfaltige, vielgewandte und zu jeder Erfindung dienliche Beistand der Hände, dadurch werden die Wendungen des Halses, die Neigungen und Erhebungen des Kopfes, die Thätigkeit der Kinnlade, die zugleich mit dem Wink2 erfolgende Öffnung der Augenlider und die Bewegungen der übrigen Glieder in gewissen Nerven zwar, die sich an- und abspannen, wie mittelst einer Maschine, bewerkstelligt; die durch diese hindurchgehende Kraft aber hat einen gewissen selbstständigen Antrieb, indem sie gemäß einer gewissen Naturordnung selbstthätigen Geistes in den einzelnen Theilen wirkt.

Als Wurzel aber und Anfang aller Nervenbewegungen erwies sich das das Gehirn umgebende Nervengewebe. Nicht mehr also glauben wir viel forschen zu müssen nach einem der zum Leben nothwendigen Theile, welcher ein solcher sei, nachdem in diesem sich gezeigt hat die bewegende Kraft-Thätigkeit. Daß aber sehr viel zum Leben beiträgt das Gehirn, beweist klar der Fall einer Verletzung. Denn wenn die es umgebende Haut eine Verwundung oder Zerreissung erleidet, so erfolgt gleich darauf der Tod, indem nicht im Geringsten die Natur der Verwundung widersteht, wie beim Abbruch einer Grundmauer das ganze Gebäude zugleich mit dem Theile einstürzt. Bei wessen Verletzung also offenbar die Zerstörung des ganzen Lebewesens erfolgt, das dürfte man wohl als den Hauptsitz der Ursache des Lebens anerkennen.

Da aber auch von den aus dem Leben Geschiedenen beim Erlöschen der der Natur einwohnenden Wärme der Leichnam erkaltet, darum erkennen wir auch in der Wärme eine Lebensursache. Denn mit wessen Entschwinden die Todtheit eintritt, durch dessen Gegenwart, das muß man [S. 308] zugeben, besteht das Lebewesen. Von dieser Kraft aber gleichsam als einen Quell und Anfang erkennen wir das Herz, von welchem aus röhrenartige, vielfach aus einander sich verzweigende Durchgänge durch den ganzen Leib den feuerartigen und warmen Lebensgeist verbreiten. Da aber dem Warmen von Natur aus auch eine Nahrung zu Gebot stehen mußte (denn das Feuer kann nicht für sich bestehen, ohne daß es eine entsprechende Nahrung erhält), darum gehen die Blutkanäle, die wie aus einer Quelle von der Leber ausgehen, zugleich mit dem warmen Lebensgeiste überall hin im Körper, damit nicht die Trennung des einen vom andern3 zur Krankheit werde und die Natur zerstöre. Zur Lehre sei Dieß den Verletzern des Rechts und der Billigkeit, und sie sollen von der Natur lernen, daß die Habgier eine Verderben bringende Krankheit ist. Indeß da bedürfnißlos nur die Gottheit ist, die menschliche Armuth aber zum eigenen Bestehen der äusseren Dinge bedarf, darum führt sie jenen drei Kräften, durch welche, wie gesagt, der ganze Leib versorgt wird, einen reichlichen Stoff von aussen her zu, indem sie durch verschiedene Zugänge das ihnen Entsprechende hineinbringt. Der Quelle des Blutes nämlich, welche die Leber ist, vertraute sie die Beschaffung des Nahrungsbedarfes; denn die Zufuhr bewirkt durch die Leber, daß beständig davon die Quellen des Blutes sprudeln, wie der Schnee auf dem Berge durch seine Feuchtigkeit die Quellen am Fuße des Berges schwellt, indem er sein Naß bis tief zu den untern Adern treibt. Der Lebensgeist aber im Herzen wird durch das benachbarte Eingeweide eingeführt, welches Lunge4 heißt und ein Luftbehälter ist, der durch die innere bis zum Mund gehende Röhre die äussere Luft durch die Athemzüge an sich zieht. Und das in der Mitte davon befindliche Herz, das nach Art der Thätigkeit des stets bewegten [S. 309] Feuers unaufhörlich auch selber bewegt ist, zieht sie, ungefähr wie in den Schmieden die Blasbälge, aus der benachbarten Lunge an sich, durch seine Ausdehnung die Höhlungen füllend, und bläst dann, seine eigene Wärme anfachend, dieselbe in die angrenzenden Kanäle; und das thut es ohne Unterlaß, indem es das von aussen Kommende durch seine Ausdehnung in seine Höhlungen einzieht, das von ihm selbst Kommende aber durch seine Zusammenziehung in die Adern aussendet. Das scheint mir auch dieses unwillkürlichen Athmens Ursache für uns zu sein. Oft ja beschäftigt der Geist zwar sich mit Anderem, oder er feiert auch gänzlich, wenn der Körper im Schlafe gelöst ist; das Athmen der Luft aber hört nicht auf, wenn auch gar nicht dazu mitwirkt die Willkür. Ich meine nämlich, weil umfangen von der Lunge das Herz ist und verwachsen mit ihr an seinem hinteren Theile, so bewegt es bei seinen Ausdehnungen und Zusammenziehungen das Eingeweide mit und bewirkt so das Anziehen und Blasen der Luft in der Lunge. Denn da diese schwammig und sehr porös ist und all’ ihre Höhlungen in den Schlund der Luftröhre münden läßt, so preßt sie, wenn sie sich zusammenzieht und verengert, den in den Höhlen zurückgebliebenen Odem heraus; wenn sie sich aber erweitert und öffnet, so zieht sie bei der Ausdehnung durch den Athemzug in den leeren Raum die Luft ein. Und das ist dieses unwillkürlichen Athmens Ursache, daß nämlich das Feuerartige nicht ruhen kann. Da nämlich die Bewegungsthätigkeit der Wärme eigenthümlich ist, von dieser wir aber die Anfänge im Herzen bemerkt haben, so bewirkt die Stetigkeit der Bewegung in diesem Theile den ununterbrochenen Aus- und Eingang der Luft durch die Lunge. Daher wird auch bei unnatürlicher Steigerung der Hitze das Athemholen der Fieberkranken heftiger, als ob das Herz sich beeilte, die in ihm vorhandene Gluth durch den frischeren Hauch zu löschen.

Allein da unsere Natur eine arme ist und der Mittel zur eigenen Existenz in Allem bedürftig, so ist sie nicht bloß an eigener Luft arm und an dem die Wärme erweckenden Odem, [S. 310] welcher ja zur Erhaltung des Lebewesens beständig von aussen hereinkommt, sondern sie bezieht auch die die Körpermasse unterstützende Nahrung aus fremder Quelle. Darum befriedigt sie mit Speisen und Getränken das Bedürfniß, wozu sie eine das Fehlende anziehende und das Überflüssige ausstoßende Kraft in den Körper legte, indem auch hiefür das Herzfeuer der Natur keinen geringen Beistand leistet. Da nämlich der vornehmste unter den zum Leben gehörigen Theilen der abgegebenen Erklärung zufolge das Herz ist, das durch seinen warmen Hauch die einzelnen Glieder belebfeuert, so hat ihm unser Schöpfer eine durch die Rührigkeit seiner Kraft nach allen Seiten hin gehende Wirksamkeit verliehen, damit kein Theil desselben unthätig und unnütz für den Haushalt des Ganzen bliebe. Deßhalb geht es hinten unter die Lunge hinein, und indem es in unaufhörlicher Bewegung einmal das Eingeweide zu sich herabzieht, erweitert es zum Einziehen der Luft dessen Poren; indem es aber dasselbe wieder zurückdrängt, bewirkt es das Aushauchen des Eingeathmeten; an seinem Vordertheile dagegen hängt es mit dem Raume des Magens zusammen und verleiht ihm Wärme und Bewegung zu seinen Thätigkeiten, durch Anregung nicht zum Athemholen, sondern zur Aufnahme der geeigneten Nahrung. Denn nahe zwar an einander liegen die Eingänge5 des Odems und der Nahrung, laufen auch der Länge nach neben einander herauf und schließen sich oben gleichmäßig zusammen, so daß sie sowohl in einander einmünden als auch in einem Munde ihre Kanäle enden, von wo durch den einen die Nahrung, durch den andern der Odem eingeht; allein unten besteht keineswegs mehr die enge Verbindung der beiden Kanäle. Denn mitten zwischen den Sitzen beider liegt das Herz und gibt dem einen zur Athmung, dem andern zur Nahrung die Kräfte. Denn es ist die Natur des Feuerartigen, Brennmaterial zu [S. 311] verlangen, was eben nothwendig auch beim Nahrungsbehälter der Fall ist. Denn je mehr er durch die benachbarte Erwärmung erhitzt wird, desto mehr zieht er das, was die Wärme nährt, an sich; dieses Verlangen aber nennen wir Hunger. Falls aber den genügenden Stoff der Nahrungsbehälter gefaßt hat, so ruht auch dann die Thätigkeit des Feuers nicht, sondern bewirkt wie in einem Ofen eine Zerkochung des Stoffes, und die Substanzen auflösend und wie aus einem Tiegel ausgießend ergießt sie dieselben in die nächsten Kanäle; sodann das Gröbere von dem Dünneren ausscheidend, führt sie das Feine durch gewisse Röhrchen zu den Pforten der Leber, den stoffischen Bodensatz aber der Nahrung treibt sie in die geräumigeren Kanäle der Gedärme und in deren vielfachen Windungen sie herumführend behält sie die Nahrung eine Zeit lang in den Eingeweiden, damit nicht etwa durch die Geradheit des Kanals leicht sich entleerend sogleich wieder Hunger bekäme das Lebewesen und niemals von dieser Arbeit abließe nach Art der Thiere der Mensch. Da aber auch die Leber gar sehr die Hilfe der Wärme bedarf zur Verwandlung der Flüssigkeiten in Blut, abseit [abseits?] aber diese vom Herzen gelegen ist (es konnte ja nicht, glaube ich, die eine Quelle und Wurzel der Lebenskraft eng an die andere Quelle sich drängen), so nimmt, damit nicht durch die Entfernung von der Wärmesubstanz Etwas vom Haushalte Schaden leide, ein nervigter Kanal (Arterie heißt dieß beim Fachgelehrten) den feurigen Hauch des Herzens auf und trägt ihn der Leber zu, gerade am Eingang der Flüssigkeiten mündend, und indem er durch die Wärme die Flüssigkeit aufkocht, bringt er in das Nasse Etwas von der Verwandtschaft des Feuers, mit Feuerfarbe das Aussehen des Blutes röthend. Von da dann gehen Zwillingskanäle aus, die rinnenförmig jedweder das Seine enthalten, Odem und Blut, damit die Flüssigkeit, durch die Bewegung des Warmen gehoben und mitlaufend, leicht durchgehe, und diese verbreiten sich vieltheilig durch den ganzen Leib, in viele tausend Kanalanfänge und Verzweigungen nach allen Seiten hin sich spaltend.

[S. 312] Diese zwei mit einander verbundenen Hauptquellen aber der Lebenskräfte, die das Warme und die das Nasse überall im Körper verbreitende, bringen gleichsam einen nothwendigen Tribut von dem Ihrigen der obersten Kraft des Lebenshaushaltes dar. Das ist aber die an den Hirnhäutchen und dem Gehirne sich zeigende, von der alle Gelenkbewegung, alles Muskelzusammenziehen und aller Selbstthätigkeitsgeist in die einzelnen Glieder ausgeht und so unser irdenes Gebilde als thatkräftig und wie durch eine Maschine bewegt erscheinen läßt. Von dem Warmen nämlich das Reinste und von dem Nassen das Feinste aus beiden Kräften, durch Mischung und Mengung vereint, ernährt und constituirt durch seine Dünste das Gehirn, von welchem wieder auf’s Reinste verfeinert der Rückfluß aus ihm die das Gehirn umhegende Hirnhaut befeuchtet, die, röhrenförmig durch die an einander hängenden Wirbelknochen von oben nach unten hinablaufend und sich und das in ihm befindliche Mark fortsetzend, zugleich mit der Basis des Rückgrats endigt, allen Knochen und Gelenkfugen und Muskelanfängen wie ein Wagenlenker zu jeder Bewegung sowohl als Ruhe den Antrieb und die Kraft verleihend. Darum scheint sie mir auch eines sichereren Schutzes gewürdigt zu sein, indem sie einerseits im Kopfe von doppelten Knochenwänden rings umschlossen ist, anderseits in den Wirbeln durch die Knotenvorsprünge und die vielfachen Verschlingungen in der Stellung, wodurch sie jeder Verletzung entrückt ist, mittels der sie umgebenden Schutzwehr gesichert ist. Ebenso aber kann man sich wohl auch beim Herzen denken, daß es wie eine Schanze auf’s Festeste verwahrt ist durch die Ringmauern der Knochen. Hinten nämlich ist das durch die Schulterblätter von beiden Seiten geschützte Rückgrat, auf beiden Brustseiten umhegt die Rippenwand das Innere und schützt es vor Verletzung; vorne aber bildet die Brust und die beiden Schlüsselbeine eine Schutzwehr, damit es von allen Seiten gegen Anfälle von aussen sicher gestellt sei.

Ein Gleichniß aber kann man am Landbau sehen, wenn der Regen aus den Wolken oder die Bewässerung durch [S. 313] Kanäle den Boden tränkt; — man denke sich einen Garten, der tausenderlei verschiedene Bäume und allerlei Arten von Erdgewächsen in sich nährt, an denen man eine vielfache Verschiedenheit der Gestalt, der Beschaffenheit, der eigenthümlichen Farbe im Einzelnen wahrnimmt; — von so vielen nun auf einem Raume durch die Feuchtigkeit genährten Gewächsen die jedes einzelne benetzende Kraft zwar ist der Natur nach eine, die Eigenthümlichkeit der genährten aber verwandelt die Feuchtigkeit in verschiedene Qualitäten; denn die nämliche wird bitter im Wermuth, verwandelt sich in tödtlichen Saft im Schierling, und wird je anders im Safran, im Balsam, im Mohn (dort nämlich hitzig, da kühl, hier temperirt), im Lorber, im Mastix6 und dergleichen ist sie wohlduftig, im Feigen- und Birnbaum wird sie süß, im Weinstock wird sie zu Traube und Wein; und der Saft des Apfels, das Roth der Rose, das Weiß der Lilie, das Blau des Veilchens, der Purpur der Hyacinthentinte, und Alles, was auf der Erde zu sehen ist, sproßt aus einer und derselben Feuchtigkeit auf, obwohl es in so viele Verschiedenheiten an Gestalt, Aussehen und Beschaffenheiten aus einander geht. Ein ähnliches Wunder geschieht auch auf unserem beseelten Acker durch die Natur oder vielmehr durch den Herrn der Natur. Knochen und Knorpeln, Adern, Arterien, Nerven, Gelenke, Fleisch, Haut, Fett, Haare, Drüsen, Nägel, Augen, Nase, Ohren, alles Dieß und ausserdem tausend Anderes, was durch verschiedene Eigenthümlichkeiten von einander gesondert ist, wird durch eine einzige Art von Nahrung seiner Natur entsprechend ernährt, so daß die einem jeden der zu Grunde liegenden Theile zugeführte Nahrung, auch gemäß dem, dem sie zugebracht wird, sich verändert, indem sie angemessen und entsprechend wird der Eigenthümlichkeit des Theiles. Denn falls sie an’s [S. 314] Auge kommt, so verbindet sie sich mit dem Sehorgan und vertheilt sich entsprechend den Verschiedenheiten der Hüllen um’s Auge auf jede; strömt sie aber den Gehörstheilen zu, so vermischt sie sich dem Gehörorgan; an die Lippe kommend wird sie zur Lippe, im Knochen erstarrt sie, im Mark wird sie weich, spannt sich mit dem Nerven, und an der Hautfläche dehnt sie sich mit dieser herum; in Nägel geht sie über und zur Haarerzeugung verfeinert sie sich durch die entsprechenden Dünste, indem sie, wenn sie durch krumme Poren hervordringt, krausere und geringelte Haare erzeugt, wenn aber in gerader Linie der Austritt der haarbildenden Dünste geschieht, glatte und gerade hervorbringt.

Aber weit vom Hauptgegenstande ist die Rede uns abgeschweift, indem sie in die Werke der Natur sich vertiefte und zu skizziren versuchte, wie in uns und woraus das Einzelne bestehe, was zum Leben, und was zum schön Leben gehört, und was wir ausserdem noch bei der ersten Eintheilung im Sinne hatten. Denn die Aufgabe war, zu zeigen, die Keimursache unseres Daseins sei weder eine unkörperliche Seele, noch ein unbeseelter Körper, sondern werde aus beseelten und lebendigen Leibern als ein von Anfang an lebendiges und beseeltes Lebewesen erzeugt; sie aufnehmend aber ziehe die menschliche Natur wie eine Amme mit ihren Kräften dieselbe auf; sie werde aber ernährt nach beiden Seiten, und nehme augenscheinlich in beiden Theilen in entsprechender Weise zu. Denn sogleich gibt sie durch diese kunstvolle und weise Gestaltung die mit ihr verbundene Kraft der Seele kund, die Anfangs zwar etwas dunkel erscheint, hernach aber zugleich mit der Vollendung des Organismus klar hervortritt. Ein Beispiel aber kann man bei den Bildhauern sehen: ein Vorwurf nämlich für den Künstler ist es, die Gestalt eines Lebewesens in Stein darzustellen; zu diesem Behufe bricht er zuerst den Stein aus der naturwüchsigen Materie, dann das Überflüssige davon rings abhauend [S. 315] bringt er ihn einigermaßen in der ersten Gestalt zum vorhablichen Ausdruck,7 so daß auch der Unwissende aus dem, was er sieht, die Absicht der Kunst erräth; dann wieder fortarbeitend nähert er ihn noch mehr der Ähnlichkeit mit dem, worauf er hinstrebt; endlich die vollendete und genaue Form dem Stoffe beibringend führt er seine Kunst zu Ende, und es ist ein Löwe oder Mensch oder was etwa sonst der Künstler gemacht hat, der vor Kurzem noch formlose Stein, indem nicht der Stoff in die Form sich verwandelte, sondern die Form dem Stoffe beigebracht wurde. Etwas Ähnliches wenn man sich bei der Seele denkt, wird man das Richtige nicht verfehlen. Die Allkünstlerin Natur nämlich, sagen wir, nimmt aus dem gleichartigen Stoffe den vom Menschen kommenden Theil in sich auf und schafft daraus ein Menschengebilde. Wie aber der allmähligen Bearbeitung des Steins die Form auf dem Fuße folgte, weniger deutlich zwar am Anfang, vollkommener aber nach der Vollendung der Arbeit, so kommt auch in der Bildung des Organismus die Form der Seele im entsprechenden Verhältniß zum Stoffe des Leibes zum Vorschein, unvollkommen im unvollkommenen, und im vollkommenen vollkommen. Indeß sie wäre von Anfang an vollkommen, wenn nicht durch die Sünde die Natur verstümmelt wäre. Darum läßt die Verwandtschaft mit der leidenschaftlichen und thierischen Erzeugung in dem Gebilde das göttliche Ebenbild nicht sogleich hervorleuchten, sondern führt in einer gewissen Stufenreihe und Folge durch die materiellen und mehr thierischen [S. 316] Eigenschaften der Seele den Menschen zur Vollendung. Diese Lehre aber lehrt auch der große Apostel im Korintherbriefe,8 da er sagt: „Als ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind, dachte wie ein Kind, überlegte wie ein Kind; da ich aber Mann wurde, legte ich ab, was kindisch war.“ Nicht so, daß im Manne eine andere Seele hinzutritt, ausser der im Knaben vorhandenen, wird die mehr kindische Denkweise abgelegt und tritt die mannhafte ein, sondern so, daß die nämliche in jenem das Unvollkommene, in diesem aber das Vollkommene sehen läßt. So sagen wir ja auch von den Pflanzen und Gewächsen, daß sie leben, und Alles, was Leben und natürliche Bewegung hat, wird wohl Niemand unbeseelt nennen, und doch kann man von einem solchen Leben nicht sagen, daß es einer vollkommenen Seele theilhaftig sei. Denn ist auch in den Pflanzen eine gewisse seelenhafte Thätigkeit, so reicht sie doch nicht bis zu den Empfindungsbewegungen. Und ist auch in noch höherem Grade eine seelische Thätigkeit in den Thieren, so gelangt auch diese nicht zur Vollkommenheit, da sie die Gabe der Vernunft und Urtheilskraft nicht in sich begreift. Darum sagen wir, die wahre und vollkommene Seele sei die menschliche, an der sich jede Thätigkeit9 erkennen läßt. Wenn aber sonst noch Etwas des Lebens theilhaftig ist, so nennen wir es in einem gewissen Mißbrauch von Gewohnheit beseelt, nicht weil in ihnen eine vollkommene Seele ist, sondern gewisse Theile von seelischer Thätigkeit, die, wie wir gesehen haben, nach der mystischen Darstellung der Menschenschöpfung bei Moses auch beim Menschen hinzugekommen sind vermöge seiner Verwandtschaft mit der niedern Natur. Darum gibt Paulus, indem er die, die ihn hören wollen, ermahnt, nach der Vollkommenheit zu streben, auch die Weise an, wie sie dieses Ziel erreichen könnten, indem [S. 317] er sagt,10 sie sollten ausziehen den alten Menschen und anziehen den neuen, der erneuert werde nach dem Bilde des Schöpfers. So laßt uns denn zurückkehren Alle zu jener Gottebenbildlichkeit, in der im Anfange den Menschen Gott geschaffen hat, da er sprach: Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse. Ihm sei die Ehre und die Kraft in alle Ewigkeit! Amen.

1: Joh. 10, 5.
2: Das bei Morel stehende νεύματι [neumati] (Wink, Nick, Blick des Auges) gefällt mir besser als das von Oehler angenommene νοήματι [noēmati] (Gedanken).
3: Des (warmen) πνεῦμα [pneuma] vom αἷμα [haima].
4: Πνεύμων, [Pneumōn] Athmer, Haucher.
5: Die Luft- und die Speiseröhre nämlich.
6: Der Lesart σχοίνῳ [s-choinō] (bei Morel) ist ohne Zweifel die andere, σχίνῳ, [s-chinō] vorzuziehen.
7: Mir gefällt die Lesart Morels: τῇ κατὰ πρόθεσιν [tē kata prothesin] jedenfalls besser als die Oehlers: τὸ κατὰ πρόθεσιν [to kata prothesin] (er fördert durch Nachahmung das Vorhabliche). Objekt nämlich ist vor der Hand immer der Stein; diesen bringt der Künstler zur vorhablichen Aehnlichkeit ( μίμησις [mimēsis] nicht die Handlung des Künstlers, sondern der Zustand des Steines), wie es gleich darauf heißt: προσήγγισε πλέον (sc. τὸν λίθον) τῇ ὁμοιότητι (aus Ber.: lies: „ὁμοιότητι“ [homoiotēti] statt „ὁποιότητι“) τοῦ σπουδαζομένου [prosēngise pleon (sc. ton lithon) tē homoiotēti tou spoudazomenou].
8: I. Kor. 13, 11.
9: Nämlich alle drei genannten; die wachsthümliche (vegetativa), empfindende (sensitiva) und denkende (intellectiva).
10: Kol. 3, 9; Eph. 4, 22.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger