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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

28. Gegen Diejenigen, welche behaupten, die Seelen existirten vor den Leibern, oder umgekehrt, die Körper würden vor den Seelen gebildet; worin auch eine Widerlegung der Fabelei von den Seelenwanderungen.

Vielleicht nämlich liegt es nicht ausserhalb der uns vorliegenden Verhandlung, die in den Kirchen erhobene Streitfrage über Seele und Leib zu erörtern. Einige nämlich unserer Vorfahren, von denen über die Urgründe1 gehandelt [S. 296] wurde, sind der Ansicht, daß wie ein Volk in einer besonderen Staatsverfassung die Seelen präexistiren. Es lägen aber auch dort die Beispiele des Bösen und Guten vor. Und wenn sie nun im Guten verharren, so bleibe die Seele der Verbindung mit dem Körper enthoben; wenn sie aber aus der Gemeinschaft mit dem Guten heraustrete, so gleite sie in das irdische Leben herab und gerathe so in einen Körper. Andere aber, die sich an die Mosaische Ordnung von der Erschaffung des Menschen halten, sagen, die Seele sei der Zeit nach später als der Leib, da Gott zuerst Lehm von der Erde nahm und den Menschen bildete und dann erst ihn beseelte durch den Anhauch. Und durch diese Lehre beweisen sie, werthvoller als die Seele sei das Fleisch, als die erst nachher dazukommende das schon vorher gestaltete. Sie sagen nämlich, wegen des Leibes sei die Seele geworden, damit nicht leblos und regungslos wäre das Gebilde. Alles aber, was wegen Etwas ist, ist jedenfalls weniger werth als das, weßwegen es ist, wie das Evangelium sagt2: Mehr als die Nahrung ist das Leben und der Leib mehr als die Kleidung, weil um dieser willen jene. Denn nicht der Nahrung wegen ist das Leben, auch sind nicht um der Kleidung willen die Leiber geschaffen, sondern, weil diese sind, wurden jene des Bedürfnisses wegen dazu erfunden. Da nun in beiden Annahmen die Rede tadelnswerth ist, sowohl Derer, welche von einer Präexistenz der Seelen in einer eigenen Staatsverfassung fabeln, als Derer, welche dieselben erst nach den Leibern geschaffen sein lassen, so dürfte es wohl nöthig sein, Nichts von dem in diesen Lehrsätzen Ausgesprochenen ununtersucht zu übersehen. Allein die eingehende Bekämpfung der beiderseitigen Behauptungen und die Aufdeckung aller in diesen Annahmen enthaltenen Ungereimtheiten möchte wohl eine lange — Zeit sowohl als Rede erfordern. So kurz aber als möglich wollen wir beiderlei [S. 297] Behauptungen erwägen und dann wieder unser Hauptthema aufnehmen.

Die zur ersteren Lehre stehen und für älter als das Leben im Fleische den Staat der Seelen erklären, scheinen mir von den griechisch-heidnischen Lehren nicht rein zu sein, die bei ihnen über die Seelenwanderung gefabelt wurden. Wenn man nämlich genau nachforscht, so wird man finden, daß auf Das ganz nothwendig ihre Ansicht hinauslaufe, was3 Einer von den Weisen bei Jenen gesagt haben soll4: er selber sei Mann gewesen, habe eines Weibes Körper angezogen, sei mit den Vögeln geflogen, sei als Strauch gewachsen und habe im Wasser gelebt; indem nicht weit von der Wahrheit, nach meinem Urtheile wenigstens, abschweift, der von sich selbst das sagt. Denn in der That, des Geschwätzes von Fröschen oder Krähen oder der Stummheit (und Dummheit)5 der Fische oder der Empfindungslosigkeit der Bäume würdig sind derlei Lehren, zu sagen, eine Seele gehe durch so Vielerlei hindurch. Von dieser Ungereimtheit aber ist Dieß die Ursache, daß man eine Präexistenz der Seelen glaubt. Denn folgerichtig kommt der Anfang einer solchen Lehre, indem er zu dem damit Zusammenhängenden und daneben Liegenden die Rede forttreibt, zuletzt soweit in der Faselei. Wenn nämlich durch irgend eine Verkehrtheit von dem höheren Zustande losgerissen die Seele, nachdem sie, wie sie sagen, einmal das körperliche Leben gekostet hat, wieder Mensch wird, das Leben im Fleische aber [S. 298] eingestandener Maßen (aus Ber.: lies: „eingestandener Maßen“ statt „ingestandener Massen“) jedenfalls elender ist als das ewige und unkörperliche, so muß sie nothwendig nach ihrem Eintritt in ein solches Leben, in welchem die Anlässe zum Sündigen mehrfacher sind, in noch mehrfachere Verkehrtheit und in einen noch elenderen Zustand gerathen als vorher. Das Elend der menschlichen Seele aber ist ihre Verähnlichung mit dem Unvernünftigen, und daß sie, wenn sie an dieses sich gewöhnt, zur thierischen Natur herabsinkt, wenn sie aber einmal im Bösen dahingeht, im Zustande der Unvernunft auch niemals vom Fortschritt zum Bösen abläßt. Denn der Stillstand im Bösen ist der Anfang des Tugend-Strebens; Tugend aber gibt es in der Unvernunft nicht. Demnach wird sie nothwendig immer zum Schlechteren sich verändern, indem sie stetig zum Niedrigeren fortschreitet und immer Schlechteres aussucht als die Natur, in der sie ist. Wie aber unter dem Vernünftigen das Empfindende steht, so geht es auch von diesem zu dem Empfindungslosen herab. Indeß bis hieher folgt im Verlauf ihrer Rede, wenn sie auch ausserhalb der Wahrheit sich bewegt, doch wenigstens mit einer gewissen Folgerichtigkeit Ungereimtes aus Ungereimtem; im Weiteren aber verliert sich ihre Lehre bereits in zusammenhangslose Fabeln. Denn die Folgerichtigkeit stellt einen völligen Untergang der Seele in Aussicht. Denn die einmal von ihrem erhabenen Zustande herabgeglitschte wird in keinem Maaße von Schlechtheit stehen bleiben können, sondern in Folge ihres Hanges zu den Leidenschaften wird sie von der Vernunft zur Unvernunft übergehen, von dieser aber zur Empfindungslosigkeit der Pflanzen herabsinken. Der Empfindungslosigkeit aber gewissermaßen benachbart ist die Leblosigkeit, auf diese aber folgt die Existenzlosigkeit. Somit wird folgerichtig ganz in’s Nichtsein ihnen die Seele übergehen. Folglich wird ihr nothwendig die Rückkehr zum Besseren unmöglich sein. Nun aber führen sie die Seele aus einem Strauche zum Menschen zurück. Damit beweisen sie also, daß das Leben im Strauche vorzüglicher sei als der körperlose Zustand. Es wurde ja gezeigt, daß der Fortschritt der Seele zum Schlechteren natürlich immer mehr [S. 299] abwärts gehen wird. Unter der empfindungslosen Natur aber steht das Leblose, in welches folgerichtig das Prinzip ihrer Lehre die Seele führt. Da sie aber das nicht wollen, so schließen sie die Seele entweder in die Empfindungslosigkeit, oder falls sie dieselbe von da in’s menschliche Leben zurückkehren lassen, so werden sie das holzartige Leben, wie gesagt, für vorzüglicher erklären als den ursprünglichen Zustand, sofern ja von dort der Abfall zum Bösen geschah, von hier aber die Rückkehr zur Tugend erfolgt. Mithin als kopflos und ziellos erweist sich diese Lehre, welche behauptet, die Seelen lebten vor dem Leben im Fleische an sich selbst und würden wegen Schlechtigkeit an die Körper gebunden.

Von Denen aber, welche die Seele jünger sein lassen als den Leib, wurde schon durch das vorher Gesagte6 die Ungereimtheit dargelegt. Gleich verwerflich also ist die Ansicht Beider. Mitten aber durch die Meinungen hindurch geradeaus, glaube ich, muß gehen in der Wahrheit unsere Glaubenslehre. Diese aber ist die, daß wir weder gemäß dem griechischen Wahne meinen, durch Verderbtheit schwer geworden fielen die mit dem All herumkreisenden Seelen, aus Unvermögen die Raschheit der Bewegung des Himmels mitzumachen, zur Erde herab, noch hinwieder sagen, zuerst durch das Wort als thönerne Statue gebildet werde der Mensch um dieser willen zur Seele (denn in der That geringer als das thönerne Gebilde wäre demnach die geistige Natur), sondern daß wir, da der Mensch, obwohl aus Seele und Leib bestehend, doch nur Einer ist, ihm auch einen einzigen und gemeinsamen Anfang des Bestehens zuschreiben, damit er nicht etwa älter und jünger sei als er selbst, wenn das Körperliche in ihm früher da wäre, das Andere aber erst dazu käme. Vielmehr sagen wir, in der vorsehenden Macht Gottes zwar, nach der kurz vorher gegebenen Erklärung,7 präexistire die ganze Menschheit (was auch die [S. 300] Prophezie bezeugt wenn sie sagt,8 Gott wisse Alles, bevor es geschieht), bei der Erschaffung im Einzelnen aber lassen wir nicht das eine vor dem Andern entstehen, weder die Seele vor dem Leibe, noch umgekehrt, damit nicht der Mensch, durch den Zeitunterschied getheilt, mit sich selbst in Zwiespalt komme.

1: Περὶ ἀρχῶν [Peri archōn] schrieb bekanntlich Origenes, dessen Lehre hier Gregor bekämpft.
2: Matth. 6, 25.
3: Die Lesart ὅν [hon] (auf das vorhergehende λόγος [logos] bezogen) gibt keinen Sinn; es muß offenbar [ho] heissen (auf πρὸς τοῦτο [pros touto] bezogen). Eine Münchener Handschrift hat ohnedem nach κατασυρόμενον [katasyromenon] Punkt, und fährt dann fort: Φασὶ γάρ τινα [Phasi gar tina] etc.
4: Dem Empedokles wird der Ausspruch zugeschrieben: Ἤτοι μὲν γὰρ ἐγὼ γενόμην κοῦρός τε κόρη τέ Θαμνός τ’ οἰωνός τε καὶ ἐξ ἁλὸς ἔμπορος ἰχθύς [Ētoi men gar egō genomēn kouros te korē te Thamnos t’ oiōnos te kai ex halos emporos ichthys].
5: Ἀλογία [Alogia].
6: Διὰ τῶν κατόπιν [Dia tōn katopin] durch das, was wir hinter uns haben.
7: Kap. 22.
8: Sus. 42.

 

 

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