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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

27. Daß es möglich ist, daß nach Auflösung des menschlichen Körpers in die Elemente des Alls aus dem Gemeinsamen einem Jeden wieder das Eigene hergestellt werde.

[S. 292] Aber vielleicht hältst du im Hinblick auf die Elemente des Alls es für schwierig, daß, wenn die Luft in uns in das verwandte Element sich ergossen und die Wärme und Feuchtigkeit und das Erdartige gleichfalls mit dem Stammverwandten sich vermischt hat, das Angehörige aus dem Gemeinsamen wieder zu dem Seinigen zurückkehre. So kommst du denn nicht durch die menschlichen Beispiele zu dem Schlusse, daß auch das nicht die Grenzen der göttlichen Macht übersteige? Gewiß hast du schon in den menschlichen Wohnstätten eine aus Gemeingut bestehende Gemeindeheerde von Thieren gesehen; aber wenn sie wieder an die Besitzer vertheilt wird, so stellen theils die Gewohntheit (der Thiere) an die Häuser, theils die anhaftenden Zeichen einem Jedem das Seinige zurück. Wenn du dir etwas Ähnliches auch in Bezug auf dich selber vorstellst, so wirst du das Richtige nicht verfehlen. Denn da die Seele eine gewisse natürliche Anhänglichkeit und Zuneigung zu dem Leibe, mit dem sie gelebt hat, hegt, so ist in ihr in Folge der Verbindung mit ihm ein gewisser geheimer Zug nach dem ihr Zugehörigen und eine Wiedererkennung desselben, gleich als ob durch die Natur gewisse Zeichen daran wären, durch welche die Gemeinsamkeit1 unvermengt bleibt, als unterschieden durch die besonderen Merkmale. Wenn also die Seele das Angestammte und Eigene wieder an sich zieht, welche Mühe, sag’ mir, ist es für die göttliche Macht, die Vereinigung des Verwandten zu vollziehen2 welches durch einen [S. 293] geheimnißvollen Zug der Natur nach dem ihm Eigenen hinstrebt? Denn daß in der Seele auch nach der Auflösung gewisse Zeichen unseres Körpergefüges zurückbleiben, beweist das Gespräch im Todtenreich, wo zwar die Leiber dem Grabe übergeben waren, ein gewisses leibhaftes Kennzeichen aber den Seelen verblieb, wodurch sowohl Lazarus3 erkannt wurde, als auch der Reiche nicht unerkannt blieb.

Also nichts Unwahrscheinliches liegt darin, zu glauben, daß wieder eine Rückkehr der auferstehenden Leiber aus dem gemeinsamen zum Eigenen stattfinde, und besonders ja für den, der sorgfältiger unsere Natur erforscht. Denn es ist auch nicht durchaus in Fluß und Veränderung unser Wesen (in der That ja wäre es völlig unfaßlich, wenn es naturgemäß keinen Stillstand hätte), sondern, genauer gesprochen, Etwas in uns steht still, Etwas aber geht in Veränderung dahin. Es verändert sich nämlich durch Zuwachs und Abnahme der Leib, indem er wie Kleider die auf einander folgenden Lebensalter anzieht. Fest aber steht in allem Wechsel unverändert für sich die Wesensform4, welche die einmal ihr von der Natur aufgedrückten Zeichen nicht verliert, sondern bei allen Veränderungen des Körpers mit den ihr eigenen Merkmalen sich darstellt. Auszunehmen aber ist davon die Veränderung durch Krankheit, die der Wesensform (zufällig) zustößt. Denn wie eine fremde Maske verhüllt die krankhafte Mißform die Wesensform, nach deren Hinwegnahme,5 wie bei Neeman dem Syrer,6 oder bei den im Evangelium Erwähnten,7 die durch die Krankheit verdeckte Wesensform im gesunden Zustande wieder in ihren eigenen Merkmalen erscheint.

[S. 294] Mit dem Gott-ebenbildlichen Theile der Seele nun verwächst sich nicht das im Wechsel Fließende und sich Ändernde, sondern das Beharrende und sich gleich Bleibende in diesem unserem Körpergefüge; und da die Unterschiede in der Form von den Abwechslungen in der Art der Mischung herrühren, die Mischung aber nichts Anderes ist als die Verbindung der Elemente, Elemente wir aber die der Ausstattung des Alls zu Grunde liebenden Bestandtheile heissen, aus welchen auch der menschliche Leib besteht, so ist natürlich, da die Form wie in weicher Masse ein Siegel in der Seele bleibt, auch das, was durch das Siegel sein Gepräge erhalten hat, ihr nicht unbekannt, sondern zur Zeit der Wiederherstellung nimmt sie alles Das wieder an sich, was zum Gepräge der Form paßt. Passen aber wird wohl all Das, was von Anfang mit der Form beprägt worden ist. Es ist also nicht unwahrscheinlich, daß aus dem Gemeinsamen zum Einzelnen wieder zurückkehre das Eigene. Sagt man doch auch vom Quecksilber, daß es, wenn es aus seinem Gefäße an einen flachen und staubigen Ort hingeschüttet wird, in kleine Kügelchen geballt auf der Erde sich zerstreue, ohne sich mit irgend Etwas, womit es in Berührung kommt, zu vermischen; wenn man aber das vielfach Zerstreute wieder in Eins sammelt, so verbinde es sich von selbst wieder mit dem Gleichen, ohne durch ein Mittleres an der Vermischung mit dem Verwandten sich hindern zu lassen. Etwas Ähnliches, glaube ich, muß man sich bei der menschlichen Mischnatur denken: wenn nur von Gott der Anstoß geschieht, so vermischen sich die entsprechenden Theile mit den Verwandten, ohne daß für den durch sie die Natur Wiederherstellenden irgend eine Schwierigkeit stattfindet. Auch in den Gewächsen der Erde ja sehen wir keine Mühsal der Natur am Waizen oder der Hirse oder einem andern der Getreide- oder Hülsenfrucht-Samen bei deren Umwandlung in Halm und Spitzen und Ähren. Mühelos nämlich von selbst geht die entsprechende Nahrung aus dem Gemeinsamen in die Besonderheit der einzelnen Samen über. Wenn also, während gemeinsam für alle Pflanzen der [S. 295] Nahrungssaft da ist, eine jede der davon genährten das Entsprechende an sich zieht zur Vermehrung des Verwandten, was Wunder, wenn auch in Ansehung der Auferstehung, bei Jedem der Auferstehenden, wie bei den Samen, ein solches Ansichziehen des Verwandten stattfindet? Demnach kann man aus Allem lernen, die Botschaft von der Auferstehung enthalte Nichts, was ausserhalb dem durch die Erfahrung Bekannten läge. Und doch haben wir das Bekannteste von dem Unsrigen noch verschwiegen, den ersten Anfang nämlich unseres eigenen Entstehens. Wer kennt nicht das Wunderwerk der Natur, was der mütterliche Schooß empfängt, und was er daraus macht? Oder siehst du nicht, wie einfach gewissermaßen gleichtheilig das ist, was zur Begründung der Existenz des Körpers in den Eingeweiden niedergelegt wird? Die Mannigfaltigkeit aber des sich bildenden Gefüges, welche Rede vermag sie zu schildern? Wer aber, wenn ihn nicht die gemeinsame Natur hierüber belehrt, sollte die Sache für möglich halten, daß jenes Winzige und Unbedeutende Anfang von etwas so Großem ist? Groß aber nenne ich’s, nicht bloß im Hinblick auf das Gebilde des Leibes, sondern, was noch bewunderungswürdiger ist, die Seele selbst meine ich, und was man an ihr bemerkt.

1: Nämlich der elementaren Theile des Körpers, die ja an sich etwas Gemeinsames sind.
2: Ich acceptire die Conjektur Oehlers, welcher statt des κωλύσαι [kōlysai] der Handschriften, das nur sehr schwer einen Sinn gibt, κυρῶσαι [kyrōsai] liest. Löwenklau schlägt ἀνύσαι [anysai] vor und ich κελεῦσαι [keleusai].
3: Luk. 16.
4: Εἶδος [Eidos] kann hier auch mit Charakterzug übersetzt werden.
5: Ὑπεξαιρεῖν τοῦ λόγου [Hypexairein tou logou], von der Berücksichtigung ausnehmen = abrechnen.
6: IV. Kön. 5 [II. Kön. nach neuerer Zählart].
7: Den zehn Aussätzigen. Luk. 17, 12; vgl. Luk. 4, 27.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger