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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

23. Daß Derjenige, welcher den Anfang der Schöpfung der Welt zugibt, nothwendig auch das Ende einräumen muß.

Wenn aber Jemand im Hinblick auf den gegenwärtigen in gewisser Stetigkeit dahingehenden Lauf der Welt, worin der Zeitunterschied statt hat, es für unmöglich erklärt, daß der vorher verkündete Stillstand des Bewegten eintreten werde, so glaubt ein Solcher offenbar auch nicht, daß im Anfange Himmel und Erde durch Gott geworden sei. Denn wer der Bewegung einen Anfang zugesteht, der zweifelt gewiß nicht bezüglich des Endes, und wer das Ende nicht zuläßt, der nimmt auch den Anfang nicht an. Allein gleichwie wir denken, daß die Welten durch das Wort Gottes vollendet [S. 279] wurden, indem wir glauben, wie der Apostel sagt,1 daß aus dem Unsichtbaren das Sichtbare geworden sei, denselben Glauben müssen wir auch dem Ausspruche Gottes schenken, der den nothwendigen Stillstand der Dinge angekündigt hat. Das Wie aber ist von der Nachforschung auszunehmen; denn auch dort haben wir durch den Glauben die Verwirklichung des Sichtbaren aus dem noch nicht Erscheinenden angenommen, die Frage nach dem Unerforschbaren bei Seite lassend. Und doch hat uns die Sache in vielen Stücken Schwierigkeiten gemacht, da sie nicht geringe Anlässe zum Zweifel an dem Geglaubten darbietet. Denn auch dort war für die Disputirer Gelegenheit, durch Vernunftgründe folgerungsweise den Glauben zu bestreiten, um nicht als wahr gelten zu lassen die der materiellen Schöpfung vorangehende Erzählung, welche die heilige Schrift bezeugt, indem sie versichert, alle Dinge hätten aus Gott ihren Ursprung. Denn die Vertreter der gegentheiligen Ansicht behaupten, gleichewig mit Gott sei die Materie, indem sie derlei Schlüsse gegen das Dogma vorbringen: Wenn Gott einfach ist von Natur, immateriell, ohne Qualität und Quantität, unzusammengesetzt und frei von gestalthafter Umgrenzung, alle Materie aber in räumlicher Ausdehnung wahrgenommen wird und sich der Wahrnehmung durch die Sinne nicht entzieht, indem sie in Farbe, Gestalt, Schwere, Größe, Widerstand und den übrigen Merkmalen, die sie hat, sich darstellt, wovon Nichts an der göttlichen Natur zu bemerken möglich ist, wie konnte dann aus dem Immateriellen die Materie hervorgehen, aus dem Unräumlichen die räumliche Natur? Glaubt man nämlich, aus Jenem habe Dieses seinen Bestand, so ist es offenbar als in ihm seiend auf geheimnißvolle Weise so in’s Dasein hervorgetreten. War aber in Jenem das Materielle, wie ist dann immateriell der die Materie in sich Habende? Ebenso aber ist es auch mit allen übrigen [S. 280] Kennzeichen der materiellen Natur. Wenn in Gott die Quantität ist, wie ist Gott ohne Quantität? Wenn in ihm das Zusammengesetzte, wie ist er einfach und ohne Theile und Zusammensetzung? Daher muß er entweder materiell sein, dazu nöthigt die Logik, weil die Materie von ihm herrührt, oder, will man das nicht, so muß man annehmen, die Materie sei von ihm zur Erschaffung des Alls von aussen herzugebracht worden. War sie nun ausser Gott, so war sie jedenfalls etwas Anderes neben Gott, was in Hinsicht der Ewigkeit mit dem ungeworden Seienden2 zugleich gedacht wird, so daß man zwei Anfangslose und Ungewordene im Denken mit einander in Eins zusammenfaßt, das künstlerisch Wirkende und das diese planvolle Wirksamkeit Aufnehmende. Und wollte man demgemäß annehmen, von ewig her sei dem Werkmeister aller Dinge die Materie zur Hand, welch’ große Unterstützung für seine Glaubenssätze wird da der Manichäer finden, welcher das materielle Prinzip der Ursprunglosigkeit nach der guten Natur an die Seite stellt? Nun aber sind wir sowohl davon, daß Alles aus Gott sei, auf die Versicherung der Schrift hin überzeugt, als auch nehmen wir uns nicht heraus, das, wie es in Gott war, als etwas unseren Begriff Übersteigendes, zu ergrübeln in der Überzeugung, der göttlichen Macht sei Alles möglich, sowohl das Nichtseiende in’s Dasein zu rufen, als auch dem Seienden nach Gutdünken die Beschaffenheiten zu verleihen. Folgerichtig also, wie wir für das Seiende zu seiner Erschaffung aus Nichts für genügend halten die Macht des göttlichen Willens, so werden wir auch, wenn Wir die Wiederauslösung des Bestehenden auf dieselbe Macht zurückführen, für nichts Unglaubliches den Glauben in Anspruch nehmen. Und doch ist es vielleicht wohl möglich, durch eine gewisse Begriffserfindung die über die Materie Nergelnden zu überzeugen, daß sie nicht meinen dürfen, [S. 281] man könne Nichts erwidern auf den Angriff gegen unseren Glauben.

1: Hebr. 11, 3.
2: Τῷ ἀγεννήτως ὄντι. [tō agennētōs onti].

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
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