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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

22. Gegen Diejenigen, welche sagen: Wenn die Auferstehung etwas Schönes und Gutes ist, warum ist sie nicht schon eingetreten, sondern wird erst in gewissen Zeitläuften erhofft?

Doch halten wir uns an die Reihenfolge der Untersuchungen. Denn vielleicht hält Mancher, der nach dem Süß der Hoffnung im Geiste sich beschwingt, es für Beschwer und Verlust, nicht schneller zu jenen Gütern zu gelangen, welche über menschliche Empfindung und Erkenntniß hinausgehen, und stellt sich als schrecklich vor die Länge der Zwischenzeit bis zu dem Ersehnten hin. Allein er gräme sich nicht wie ein Kind, das den kurzen Aufschub seiner Vergnügen schwer erträgt. Denn da durch Vernunft (Wort) und Weisheit Alles verwaltet wird, so muß man durchaus glauben, daß Nichts geschehe ohne die Vernunft (das Wort) selbst und die darin enthaltene Weisheit. Du frägst nun, was das für ein Vernunftgrund (λόγος) [logos] sei, wonach die Umwandlung des trauervollen Daseins in den ersehnten Zustand nicht sogleich geschieht, sondern dieses lästige und körperhafte Leben bis zu gewissen bestimmten Zeiten fortwährt und das Ziel der Vollendung des Alls abwartet, [S. 274] damit erst dann, wie von einem Zaume befreit, das menschliche Leben wieder entbunden und frei zu dem seligen und leidenslosen Dasein zurücklaufe? Allein ob zwar der Wahrheit nahe komme die Antwort auf diese Frage, wird genau wohl die Wahrheit selbst wissen; was nun aber in unseren Sinn kam, ist Dieses. Ich beginne mit Wiederaufnahme der vorigen Rede. „Laßt uns,“ spricht Gott, „den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse; und es schuf Gott den Menschen, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn.“ Das Bild Gottes also, das in der ganzen menschlichen Natur sich zeigt, war vollendet, Adam aber war noch nicht; denn nach etymologischer Bedeutung heißt Adam das Erdgebilde, wie die Kenner der Sprache der Hebräer sagen. Darum nennt auch der Apostel, der die Muttersprache der Israeliten genau kannte, den aus Erde gebildeten Menschen irdisch1 (choisch), indem er den Namen Adam gleichsam in’s Griechische übersetzte. Es entstand also nach dem Bilde der Mensch, die Gesammt-Natur, das gottähnliche Wesen, es entstand aber durch die allmächtige Weisheit nicht ein Theil des Ganzen, sondern zumal die ganze Fülle der Natur. Es sah der alle Enden Umfassende, wie die Schrift sagt in der Stelle: „In seiner Hand sind die Enden der Erde,“2 es sah der Alles Wissende und, bevor es geschieht, mit seiner Erkenntniß Umgreifende,3 wie groß an Zahl in den einzelnen Individuen die Menschheit sein werde. Da er aber in unserem Gebilde die Neigung zum Bösen erkannte und daß es, seiner Gleichstellung mit den Engeln freiwillig entlaufen, die Gemeinschaft mit dem Niedrigen sich aneignen werde, darum mischte er auch von dem Unvernünftigen Etwas in sein Ebenbild. Denn in der göttlichen und seligen Natur ist der Unterschied nach Mann und Weib nicht; sondern die Eigenthümlichkeit der thierischen Ausstattung auf den Menschen übertragend, gibt er unserem Geschlechte eine [S. 275] Vermehrung, die der Erhabenheit unserer Erschaffung nicht entspricht. Denn nicht damals, als er das Ebenbildliche schuf, verlieh er dem Menschen die Macht, zu wachsen und sich zu mehren, sondern als er ihn durch den Unterschied nach Mann und Weib unterschied, da sprach er: „Wachset und mehret euch und erfüllet die Erde.“4 Denn das ist keine Eigenschaft der göttlichen Natur, sondern der thierischen, wie die Erzählung nebenbei bemerkt, indem sie anführt, daß Gott Dieß zuerst in Betreff der Thiere gesprochen habe.5 Falls er daher, bevor er der Natur den Unterschied nach Mann und Weib beifügte, dem Menschen die durch diesen Ausspruch verliehene Macht sich zu mehren gegeben hätte, so bedürften wir wohl nicht dieser Art der Erzeugung, durch welche die Thiere erzeugt werden.

Da also durch die vorwissende Thätigkeit diese Gesammtheit der Menschen vorgesehen war, welche durch die mehr thierartige Erzeugung in’s Leben treten sollte, so hat der Alles nach Ordnung und Zusammenhang lenkende Gott, weil gerade diese Art der Erzeugung für die Menschheit nöthig machte der Hang unserer Natur zu dem Niedrigen, den vor seinem Entstehen kannte der das Künftige ebenso wie das Gegenwärtige Schauende, deßhalb auch das der Natur der Menschen angemessene Zeitmaaß vorgesehen, so daß mit dem Vorübergang der vorbestimmten Seelen zugleich auch die Dauer der Zeit sich abschließt und dann die flußartige Bewegung der Zeit stillsteht, wenn nicht mehr sich fortpflanzt in ihr die Menschheit; nach vollendeter Erzeugung der Menschen aber zugleich mit dem Ende dieser auch die Zeit ein Ende hat und so die Auflösung des Alls in seine Elemente eintritt und zugleich mit der Umwandlung des Ganzen auch die Menschheit versetzt wird aus dem verweslichen und erdhaften in den leidenslosen und ewigen Zustand. Das scheint mir auch der göttliche Apostel [S. 276] im Sinne gehabt zu haben, wenn er im Briefe an die Korinther den plötzlichen Stillstand der Zeit und die Auflösung des in Bewegung Begriffenen in den früheren Zustand vorhersagt mit den Worten:6 „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis; wir werden zwar nicht alle entschlafen, aber alle verwandelt werden, im Momente, im Augenblick, bei der letzten Posaune.“ Denn damit hat er, wie ich glaube, gelehrt: Wenn die Vollzahl der menschlichen Natur nach dem vorgesehenen Maaße zum Abschluß gelangt sein werde, weil Nichts mehr fehlt an der Zahl der Seelen zu weiterer Vermehrung, dann werde im Nu der Zeit die Umwandlung der Dinge geschehen, indem er Moment und Augenblick nennt jenen Punkt der Zeit und das ausdehnungslose Ende, so daß es dem am letzten und äussersten Grenzpunkte der Zeit Angekommenen, weil an der Grenze kein Theil mehr übrig ist, nicht mehr möglich sei, diese allmählige Umwandlung mittelst des Todes durchzumachen, sondern, wenn einmal die das Todte erweckende Posaune der Auferstehung erschollen sei, dann würden auch die noch im Leben Befindlichen gleich den aus der Auferstehung sich Verwandelnden auf einmal zur Unsterblichkeit umgewandelt werden, so daß nicht mehr die Last des Fleisches nach unten zieht und an die Erde fesselt die Masse, sondern erhaben durch die Luft der Flug geht. Denn „entrückt werden“, sagt er,7 „werden wir auf Wolken dem Herrn entgegen in die Luft und so allzeit bei dem Herrn sein.“

Man warte also die Zeit ab, die nothwendig so lange dauert als die Vermehrung der Menschheit. Denn auch die Patriarchen um Abraham8 hatten das Verlangen, die Güter zu schauen, und ließen nicht ab, das himmlische [S. 277] Vaterland zu suchen, wie der Apostel sagt;9 aber gleichwohl sind sie noch in Erwartung der Gnade, indem Gott nach dem Ausspruche des Paulus „etwas Besseres für uns vorgesehen hat, damit sie“, sagt er, „nicht ohne uns vollendet würden.“10 Wenn also Jene den Aufschub ertragen, die von ferne bloß im Glauben und der Hoffnung die Güter schauten und begrüßten, indem sie, wie der Apostel bezeugt, die Sicherheit des Genusses ihrer Hoffnungen in den Glauben an die Treue des Verheissenden setzten, was müssen wir, die große Masse, thun, die auf Grund des Lebenswandels das Bessere gar nicht hoffen können? Es schmachtete vor Verlangen auch des Propheten Seele, und er bekennt im Psalmgesang diese Liebessehnsucht, indem er sagt,11 es sehne sich und schmachte seine Seele, in die Vorhöfe des Herrn zu gelangen, wenn er auch unter die Letzten sollte verworfen werden, weil es besser und Wünschenswerther sei, unter Jenen der Letzte zu sein, als in den sündhaften Wohnungen des Lebens der Erste. Aber gleichwohl ertrug er den Aufschub, indem er zwar selig preist den Aufenthalt dortselbst und den kurzen Genuß der Zeit von tausenden vorzieht (denn „besser,“ sagt er, „ein Tag in deinen Vorhöfen als tausende“), aber er grollte nicht über die nothwendige Ordnung der Dinge und hielt es für hinlänglich zur Seligpreisung für die Menschen, auch nur in Hoffnung die Güter zu besitzen. Darum sagt er am Ende des Psalmes: „Herr, Gott der Mächte, selig der Mensch, der auf dich hofft.“12 Auch wir also müssen uns nicht grämen über den kurzen Aufschub des Gehofften, sondern uns beeifern, damit wir nicht etwa des Gehofften verlustig werden. Denn gleichwie, wenn Jemand Einem der Unerfahrneren vorhersagen würde, daß zur Sommerszeit die Einsammlung der Früchte stattfinden, und daß voll die Magazine, und angefüllt mit Speisen der Tisch [S. 278] sein werde zur Zeit des Überflusses, Derjenige ein Thor sein würde, der die Ankunft der Zeit beschleunigen wollte, da man ja erst Samen streuen und mit Sorgfalt die Früchte sich zubereiten muß (denn die rechte Zeit wird, man mag wollen oder nicht, jedenfalls zur bestimmten Frist kommen, nicht auf gleiche Weise aber werden sie sehen der, welcher sich den Überfluß der Früchte vorherbereitet hat, und der, welcher aller Vorarbeit baar von der Früchtezeit überrascht wird): so, glaube ich, darf man, da durch die göttliche Verkündung Allen bekannt ist, daß die Zeit der Umwandlung kommen wird, nicht vorwitzig sein um die Zeiten (denn es sei nicht an uns, sprach er,13 die Zeiten zu kennen und Fristen) noch Berechnungen anstellen, wodurch man die Seele nur schwächt in der Hoffnung auf die Auferstehung, sondern muß auf den Glauben an das zu Erwartende gestützt durch einen guten Wandel um die künftige Gnade sich vorbewerben.

1: I. Kor. 15, 47.
2: Ps. 95, 4 [ = hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 94, 4].
3: Sus. 42.
4: Gen. 1, 28.
5: Das. [Gen.] 1, 22.
6: I. Kor. 15, 51. nach der griechischen Lesart, die von der Vulgata abweicht.
7: I. Thess. 4, 17.
8: Οἱ περὶ τὸν Ἀβραὰμ πατριάρχαι [Hoi peri ton Abraam patriarchai], Abrahams Zeit- und Gesinnungs-Genossen.
9: Hebr. 11, 14.
10: Das. [Hebr.] 11, 48.
11: Ps. 84, 2. 10. 11 [ = hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 83, 2. 10. 11].
12: Das. [Ps. 84] 13 [ = hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 83, 13].
13: Apstgesch. 1, 7.

 

 

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