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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

21. Daß die Auferstehung nicht sowohl auf Grund der Botschaft der Schrift, als der Nothwendigkeit der Dinge folgerichtig gehofft wird.

Allein nicht so mächtig ist das Böse, daß es die gute Macht überwände, noch ist stärker und dauerhafter als die Weisheit Gottes die Unbesonnenheit unserer Natur. Es ist ja nicht möglich, daß das Wandelbare und Veränderliche siegreicher und dauerhafter sei als das stets sich gleich [S. 272] Bleibende und im Guten Gefestete; sondern der göttliche Wille ist überall und durchaus unabänderlich, die Wandelbarkeit unserer Natur aber bleibt nicht einmal im Bösen beharrlich. Denn was jedenfalls immer in Bewegung ist, wird, wenn es zum Guten vorangeht, wegen der Unendlichkeit des zu durchschreitenden Gebietes die Vorwärtsbewegung nie endigen; es wird ja des Erstrebten (des Guten) kein Ende finden, mit dessen Erreichung es die Bewegung einmal einstellen müßte. Wenn es sich aber in entgegengesetzter Richtung bewegt, so muß, wann es den Lauf der Bosheit vollendet hat und am Grenzziel des Bösen angelangt ist, alsdann die Rastlosigkeit des Dranges, die keinen natürlichen Stillstand findet, nachdem sie den Raum der Bosheit durchlaufen hat, die Bewegung nothwendig zum Guten hinwenden. Da nämlich die Bosheit nicht in’s Endlose fortgeht, sondern durch nothwendige Schranken begrenzt ist, so beginnt natürlich an der Grenze der Bosheit wieder die Macht des Guten, und so läuft, wie gesagt, die Rastlosigkeit unserer Natur zuletzt wieder auf den guten Weg zurück, durch das Andenken an die vorherigen Unfälle gewitzigt, nicht wieder in ähnliche sich zu verfangen. Somit wird wieder im Guten dahingehen unser Lauf, weil mit nothwendigen Grenzen umschränkt ist die Natur des Bösen. Gleichwie nämlich die Himmelskundigen sagen, vom Lichte sei die ganze Welt erfüllt, die Finsterniß aber entstehe als Schattenwurf durch den Widerstand des Erdkörpers; allein diese zwar werde gemäß der Gestalt des kugelförmigen Körpers rückwärts vom Sonnenstrahle kegelförmig abgeschlossen, die Sonne aber, welche die Erde an Größe vielmal übertrifft und sie von allen Seiten mit ihren Strahlen rings umgibt, vereinige am Ende des Kegels die Lichtströme, so daß, gesetzt es könnte Jemand den ganzen Raum durchschreiten, soweit der Schatten sich erstreckt, er jedenfalls in nicht vom Dunkel unterbrochenes Licht gelangte; — so, glaube ich, muß man auch von uns annehmen, daß wir nach Überschreitung der Grenze des Bösen, wenn wir an der Spitze des Sündenschattens angelangt sind, wieder im Lichte wandeln werden, weil unendlichfach über [S. 273] das Maaß des Bösen die Natur des Guten hinausragt. Wieder also wird kehren das Paradies, wieder jener Baum, der ja auch Lebensbaum ist, wieder die Schönheit des Ebenbildes und die Würde der Herrschaft.1 Ich meine damit Nichts von alle dem, was dermalen zur Nothdurft des Lebens Gott den Menschen unterworfen hat, sondern auf ein anderes Reich geht die Hoffnung, dessen Wesen ein Geheimniß bleibt.

1: Ἡ τῆς ἀρχῆς ἀξία [hē tēs archēs axia] kann auch „die Herrlichkeit des Anfangs“ oder „die ursprüngliche Hoheit“ heissen.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger