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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

19. Gegen Diejenigen, welche sagen, daß der Genuß der gehofften Güter wiederum in Speise und Trank bestehe, weil geschrieben stehe, daß am Anfang im Paradiese der Mensch davon lebte.

[S. 267] Aber vielleicht sagt Jemand, es werde ja nicht wieder zur nämlichen Lebensweise der Mensch zurückkehren, wenn anders wir ehedem zwar auf’s Essen angewiesen waren, künftig aber von diesem Geschäfte befreit werden sollen. Allein ich, der ich die heilige Schrift höre, kenne nicht bloß eine körperliche Nahrung und fleischliche Erquickung, sondern ich weiß noch eine andere Speise, die eine gewisse Ähnlichkeit hat mit der des Leibes, deren Genuß aber nur auf die Seele geht. „Esset von meinen Broden,“ ruft die Weisheit1 den Hungrigen zu, und selig preist die nach solcher Speise Hungernden der Herr.2 Und: „Wenn Jemand dürstet,“ sagt er, „der komme zu mir und trinke.“3 Und: „Trinket Frohsinn“, ruft der große Jesaias4 Denen zu, die seine Erhabenheit zu verstehen vermögen. Es besteht aber auch eine prophetische Drohung gegen die Strafwürdigen, daß sie mit Hunger sollen gezüchtigt werden.5 Der Hunger aber ist nicht ein Mangel an Brod und Wasser, sondern ein Fehlen des Wortes. Denn „nicht Hunger nach Brod,“ sagt er, „oder Durst nach Wasser, sondern Hunger zu hören Worte des Herrn.“ Also an eine der Pflanzung Gottes in Eden (Eden aber bedeutet Wohlleben) würdige Frucht muß man denken und nicht zweifeln, daß hievon der Mensch genährt werde, und darf keineswegs an diese vergängliche und hinfällige Nahrung da während des Lebens im Paradiese denken. „Von allem Baume im Paradiese,“ heißt es, „magst du essen.“6 Wer wird dem auf gesunde Weise [S. 268] Hungernden jenen Baum geben, der im Paradiese ist, der alles Gute in sich schließt, der da heißt: Alles, dessen Genuß das Wort dem Menschen gewährt? Denn in dem allgemeinen und allerhabenen Worte sind alle Arten der Güter unter sich verbunden, und eine Einheit ist das Ganze. Wer aber wird mich abwenden von dem gemischten und zweideutigen Genusse des Baumes?7 Denn gewiß nicht unbekannt ist den Tiefersehenden, was jenes „Alles“ sei, dessen Frucht das Leben ist, und wiederum, was jenes Beigemischte sei, dessen Ende der Tod ist. Denn der den Genuß von Allem neidlos gewährt, der hält gewiß mit Grund (λόγῳ τινί) [logō tini] und mit Vorsicht den Menschen von dem Genusse des Gemeinen zurück. Und ich will den großen David und den weisen Salomo als Lehrer zur Erklärung dieses Wortes herbeiziehen. Beide nämlich halten für die eine Gnade des eingeräumten Wonnegenusses das wahrhafte Gut selbst, welches eben auch alles Gute ist, David, indem er sagt:8 „Habe deine Wonne an dem Herrn,“ Salomo aber, indem er die Weisheit selbst, welche der Herr ist, „Baum des Lebens“9 nennt. Also identisch ist mit dem Baume des Lebens „aller Baum,“ dessen Genuß dem nach Gott Gebildeten (Menschen) das Wort gewährt. Gegenüber aber diesem Baume steht ein anderer Baum, dessen Genuß Erkenntniß des Guten und Bösen ist, nicht als ob er jede von beiden entgegengesetzten Erscheinungen gesondert und theilweise als Frucht trüge, sondern weil er eine Bastard- und Mischlingsfrucht hervorbringt, die aus entgegengesetzten Eigenschaften gemischt ist. Dessen Genuß verbietet der Urheber des Lebens, die Schlange aber räth dazu, um dem Tode den Eingang zu verschaffen. Und der Rathgeber findet Glauben, weil er die Frucht mit schöner Farbe und Süßigkeit umgab, damit sie lieblich aussehe und das Verlangen zum Kosten reize.

1: Sprüchw. 9, 5.
2: Matth. 5, 6.
3: Joh. 7, 37.
4: Jes. 25, 6.
5: Amos 8, 11.
6: Gen. 2, 16.
7: Der Erkenntniß des Guten und Bösen, der unter dem Scheine des Guten Böses enthält.
8: Ps. 36, 4 [hebr. Ps. 37, 4].
9: Sprüchw. 3, 18.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger