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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

17. Was man antworten müsse auf die Einwurfsfrage, wie denn, wenn die Kindererzeugung erst nach der Sünde eintrat, die Seelen entstanden wären, wenn die Urmenschen sündelos geblieben wären.

[S. 260] Indeß, bevor wir diesen Punkt erforschen, ist es vielleicht besser, für den von unseren Gegnern vorgebrachten Einwurf die Lösung zu suchen. Sie sagen nämlich, vor der Sünde werde weder eine Geburt erzählt noch Geburtswehen noch ein Trieb nach Kindererzeugung. Nach Vertreibung aber aus dem Paradiese in Folge der Sünde und nach Verurtheilung des Weibes zur Strafe der Geburtsschmerzen, da erst sei Adam daran gegangen, seine Genossin ehelich zu erkennen, und da sei der Anfang der Kindererzeugung gewesen. Wenn es also im Paradiese keine Ehe gab, noch Wehen noch Geburt, so müsse man, sagen sie, folgerichtig schließen, es hätten sich die Seelen der Menschen nicht vervielfältigt, wenn nicht die Gnade der Unsterblichkeit in die Sterblichkeit umschlug und die Ehe mittels der Nachkömmlinge die Natur forterhielt, indem sie statt der Wegsterbenden deren Kinder hereinbrachte. Daher habe die Sünde, die in’s Leben der Menschen eindrang, gewissermaßen Vortheil gebracht. Denn es wäre das Menschengeschlecht auf das Paar der Erstgeschaffenen beschränkt geblieben, wenn nicht die Furcht vor dem Tode die Natur zur Fortpflanzung angeregt hätte. — Allein hierin möchte wohl wieder die wahre Antwort, welche immer es sein mag, nur Denen offenbar sein, welche wie Paulus in die Geheimnisse des Paradieses eingeweiht sind. Die unsere aber ist diese. Als einst die Sadducäer der Lehre von der Auferstehung widersprachen1 und zur Bekräftigung ihrer Lehrmeinung jenes mehrfach verheirathete Weib, das sieben Brüdern gehört [S. 261] hatte, anführten und dann fragten, wem sie nach der Auferstehung gehören würde, da gab der Herr auf ihre Rede eine Antwort, wodurch er nicht bloß die Sadducäer zurechtwies, sondern auch allen später Lebenden das Geheimniß des Lebens in der Auferstehung offenbarte. Denn „in der Auferstehung,“ sprach er, „nehmen sie weder noch geben sie zur Ehe; sie können ja auch nicht mehr sterben; denn wie Engel sind sie und Kinder Gottes, da sie Kinder der Auferstehung sind.“ Die Gnade der Auferstehung aber verheißt uns nichts Anderes, als die Zurückversetzung der Gefallenen in den früheren Zustand. Eine Art Rückkehr nämlich zum ursprünglichen Leben ist die erwartete Gnade, die den aus dem Paradiese Vertriebenen wieder in dasselbe zurückführt. Wenn nun das Leben der Wiederhergestellten mit dem der Engel verwandt ist, dann war offenbar auch das Leben vor der Übertretung ein englisches. Darum wird auch die Rückkehr zum früheren Zustand unseres Lebens den Engeln gleich gestellt. Nun aber sind, obschon, wie gesagt, eine Ehe bei ihnen nicht statt hat, die Heere der Engel in zahllosen Myriaden; denn so hat in seinen Gesichten Daniel2 erzählt. Auf dieselbe Weise also hätten auch wir, wenn eben keine Verkehrung und Entsetzung von der engelgleichen Würde durch die Sünde bei uns erfolgt wäre, der Ehe nicht bedurft zur Vermehrung; sondern welches immer bei der Natur der Engel die Art der Vermehrung sein mag (unsäglich zwar und unergründlich den menschlichen Vermuthungen, jedenfalls aber findet sie statt), diese wäre wohl auch bei den „nur wenig unter die Engel Erniedrigten“3 wirksam gewesen, um bis zu dem durch den Rathschluß des Schöpfers bestimmten Maße das Menschengeschlecht zu vermehren. Besteht aber Jemand hartnäckig auf der Frage nach der Entstehungsart der Seelen, falls der Mensch der Vermittlung durch die Ehe nicht bedurfte, so werden auch wir [S. 262] entgegenfragen um die Art der englischen Existenz, wie diese in zahllosen Myriaden sind, eine Natur ausmachend und doch eine Vielzahl. Denn auf die Frage: Wie wäre denn ohne die Ehe der Mensch? werden wir antworten: Wie ohne Ehe die Engel sind. Denn daß vor der Übertretung der Mensch diesen ähnlich war, das beweist seine Wiederherstellung in jenen Zustand. Nachdem wir nun Dieses also entschieden haben, müssen wir zur vorigen Untersuchung zurückkehren, wie denn Gott nach der Verfertigung des Bildes den Unterschied von Mann und Weib an dem Gebilde angebracht habe. Denn hiezu, meine ich, ist die eben abgestellte Betrachtung dienlich. Derjenige nämlich, der Alles in’s Sein gerufen und in seinem Willen den ganzen Menschen nach dem göttlichen Bilde gestaltet hat, wartete nicht erst, um durch den allmähligen Zuwachs der Nachkommen die Menge der Seelen zu ihrer Vollzahl sich vollenden zu sehen, sondern, indem er durch seine vorsehende Thätigkeit auf einmal in ihrer Gesammtheit die ganze menschliche Natur überschaute und mit dem erhabenen und engelgleichen Loose beehrte, da er durch seine Sehkraft vorhersah, daß ihr Wille nicht auf das Schöne sich hinrichte und darum von dem englischen Leben abfalle, darum legte er, damit nicht die Menge der menschlichen Seelen, die jener Art, nach der die Engel vervielfältigt wurden, entfallen war, verstümmelt werde, das den in Sünde Gefallenen entsprechende Verfahren der Vermehrung in die Natur, indem er statt der englischen Edelgeburt die thierische und unvernünftige Art des aus einander Hervorgehens der Menschennatur einpflanzte. Aus diesem Grunde scheint mir auch der große David, das Elend des Menschen bejammernd, mit folgenden Worten seine Natur beklagt zu haben: „Der Mensch, da er in Ehre war, hat es nicht verstanden,“4 indem er „Ehre“ nennt seine Gleichstellung mit den Engeln. „Darum,“ [S. 263] sagt er, „ward er den vernunftlosen Thieren beigezählt und ihnen gleichgestellt.“ Denn wahrhaftig thierartig ist geworden der, der durch seine Neigung zum Materiellen diese flußartige5 Erzeugung in seine Natur aufnahm.

1: Luk. 20, 27 u. Matth. 22, 30.
2: Dan. 7, 10.
3: Hebr. 2, 7 aus Ps. 8, 6 [hebr. Ps. 8, 6].
4: Ps. 49, 21 [ = hebr.] [Septuag. u. Vulgata = Ps. 48, 21].
5: Alles Materielle nämlich ist vergänglich wie ein Fluß.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger