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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

16. Betrachtung des göttlichen Ausspruches: Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse, worin der Begriff des Bildes untersucht wird; und ob zwischen dem Glückseligen und Leidenslosen und dem Leidensfähigen und Hinfälligen eine Gleichheit besteht; und wie in dem Abbilde das Männliche und Weibliche ist, da Dieß doch in dem Urbilde nicht ist.

Nehmen wir aber wieder den göttlichen Ausspruch auf: „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde und Gleichnisse.“ Wie kleine und der Hoheit des Menschen unwürdige Vorstellungen haben Manche unter den Heiden gehabt, indem sie durch den Vergleich mit dieser Welt groß machten, wie sie meinten, das Menschliche! Sie sagen nämlich, eine kleine Welt sei der Mensch, da er aus den nämlichen Elementen wie das All bestehe. Denn die mit dem Prunke des Namens der menschlichen Natur ein solches Lob spenden, merken nicht, daß sie mit den Eigenschaften der Mücke und Maus den Menschen prangen lassen. Denn auch in Jenen ist eine Mischung aus den vier Elementen, weil überhaupt von allem Seienden ein größerer [S. 254] oder geringerer Antheil an dem Beseelten bemerkt wird, ohne den keines der mit Empfindung begabten Wesen zu bestehen vermag. Was ist’s also Großes, für ein Gepräge und Gleichniß der Welt den Menschen zu halten, des umlaufenden Himmels, der sich ändernden Erde, da alles in diesen Befaßte mit dem Vorübergang des Umfassenden zugleich vorübergeht? Allein worin besteht nach der kirchlichen Lehre die menschliche Größe? Nicht in der Ähnlichkeit mit der geschaffenen Welt, sondern der Gestaltung nach dem Bilde der schaffenden Natur. Worin also besteht das Bild? wirst du vielleicht fragen; wie ist dem Unkörperlichen ähnlich das Körperhafte, wie dem Ewigen das Hinfällige, dem Unveräußerlichen das im Wechsel sich ändernde, dem Leidlosen und Unvergänglichen das Leidensfähige und Vergehende, dem von allem Bösen Unberührten das durchweg damit Verbundene und Verwachsene? Denn groß ist der Abstand zwischen der Idee des Urbildes und dem zum Abbilde Gewordenen. Wenn nämlich ein Abbild Ähnlichkeit hat mit dem Urbilde, dann nennt man es im eigentlichen Sinne so; wenn aber abweicht von der Vorlage das Nachbild, dann ist dieses etwas Anderes und nicht Abbild von jenem. Wie also ist der Mensch, dieses sterbliche, leidvolle und kurzlebige Wesen, ein Abbild der lauteren und reinen und ewigen Natur? — In der That, den wahren Aufschluß hierüber dürfte wohl nur die wahrhaftige Wahrheit allein genau wissen; wir aber, die wir, so gut wir vermögen, durch Vermuthungen und Schlüsse dem Wahren nachspüren, haben über das Gefragte folgende Ansicht. Weder lügt das göttliche Wort, das da sagt, nach dem Bilde Gottes sei der Mensch geworden, noch ist das klägliche Elend der menschlichen Natur der Seligkeit des leidenslosen Lebens ähnlich. Man muß nämlich, wenn man unser Loos mit Gott vergleichen wollte, eines von beiden zugeben, entweder leidensfähig sei die göttliche, oder leidenslos die menschliche Natur, um durch die gleichen Eigenschaften den Begriff der Ähnlichkeit bei beiden festhalten zu können. Wenn aber weder die göttliche leidensfähig noch die unsrige ohne Leiden ist, [S. 255] so bleibt also noch eine andere Rücksicht übrig, wonach wir als wahr erklären das göttliche Wort, das nach dem Bilde Gottes den Menschen geworden sein läßt. So wollen wir denn die heilige Schrift selbst wieder hernehmen, ob wir vielleicht durch das, was geschrieben steht, eine Hinleitung erhalten zu dem Gesuchten. Nach den Worten: „Laßt uns den Menschen machen nach unserem Bilde“ und nach Angabe des Wozu der Erschaffung, fügt sie noch folgenden Satz hinzu: „Und es schuf Gott den Menschen, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, Mann und Weib schuf er sie.“ Nun wurde zwar auch früher schon bemerkt, daß diese Worte schon im voraus zur Widerlegung der ketzerischen Gottlosigkeit gesprochen sind,1 damit wir erführen, daß den Menschen der eingeborne Gott schuf nach dem Bilde Gottes, und wir darum in keiner Weise die Gottheit des Vaters und des Sohnes trenneten, da ja die heilige Schrift beide gleichmäßig Gott nennt, den, der den Menschen schuf, und den, nach dessen Bilde er wurde. Allein die Erörterung hierüber wollen wir lassen und auf die vorliegende Frage die Untersuchung hinlenken, wie nämlich Gott selig, der Mensch aber unglücklich ist, und doch dieser Jenem von der Schrift ähnlich genannt wird. Prüfen wir also genau die Worte. Wir finden nämlich, daß etwas Anderes ist das nach dem Bilde Gewordene, etwas Anderes aber das jetzt im Elende Befindliche. „Es schuf Gott,“ heißt es, „den Menschen nach dem Bilde Gottes schuf er ihn.“ Damit ist die Schöpfung des nach dem Bilde Gewordenen fertig. Hierauf folgt die weitere Beschreibung der Ausstattung und es heißt: „Mann und Weib schuf er sie.“ Jeder nämlich, glaube ich, sieht ein, daß Dieß sich nicht auf das Urbild bezieht. Denn „in Christo Jesu,“ wie der Apostel sagt,2 „ist weder Mann noch Weib.“ Aber doch, sagt die Schrift, sei in diese der Mensch [S. 256] getheilt worden. Also eine doppelte ist die Ausstattung unserer Natur, die eine nach Gott gestaltet, die andere nach diesem Unterschiede getheilt. Denn so Etwas deutet die Schrift durch den Zusammenhang der Sätze an, indem sie zuerst sagt: „Es schuf Gott den Menschen, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn,“ dann aber dem Gesagten beifügt: „Mann und Weib schuf er sie,“ was dem, was wir von Gott denken, fremd ist. Ich glaube nämlich, eine große und erhabene Lehre werde durch das Gesagte von der heiligen Schrift überliefert; die Lehre aber ist diese. Zwischen zwei äussersten Gegensätzen steht in der Mitte das Menschenwesen, zwischen der göttlichen und unkörperlichen Natur nämlich und dem vernunftlosen und thierischen Leben. Von beiden nämlich kann man in dem menschlichen Doppelwesen den Antheil sehen, vom Göttlichen die Vernunft und Denkkraft, welche den Unterschied von männlich und weiblich nicht zuläßt, vom Vernunftlosen aber die in Mann und Weib getheilte körperliche Ausstattung und Bildung (diese beiden nämlich sind durchaus in jedem Inhaber des menschlichen Lebens); aber das Geistige geht voran, wie wir von dem Berichterstatter der Erschaffung des Menschen vernahmen, und erst später kommt dem Menschen die Gemeinschaft und Verwandtschaft mit dem Vernunftlosen zu. Denn zuerst sagt er: „Gott schuf nach dem Bilde Gottes den Menschen,“ und zeigt durch diese Worte an, daß, wie der Apostel sagt, „in diesem weder Mann noch Weib ist;“ dann fügt er die Eigenthümlichkeiten der menschlichen Natur hinzu: „Mann und Weib schuf er sie.“ Was lernen wir also hieraus? Und Niemand zürne mir, wenn ich bei der vorliegenden Frage weiter aushole.

Gott ist seiner Natur nach alles Gute, was man immer im Denken erfassen kann, ja, er ist sogar über alles Gute, was man denken und vorstellen kann, erhaben und schafft daher aus keinem anderen Grunde das menschliche Leben, als weil er gut ist. Weil er aber so ist und deßhalb sich zur Erschaffung der menschlichen Natur entschloß, so hat er die Macht seiner Güte wohl nicht halb bewiesen, so daß er [S. 257] von seinem Vorrathe das Eine zwar gab, die Theilnahme am Andern aber versagte, sondern der vollkommene Erweis seiner Güte besteht darin, daß er den Menschen sowohl aus dem Nichtsein in’s Dasein rief als auch mangellos an Gütern machte. Da aber das Verzeichniß der einzelnen Güter lang ist, so ist es in der That nicht leicht, dieß aufzuzählen. Darum hat die Schrift Alles in einen kurzen Satz zusammengefaßt und angedeutet durch den Ausspruch, nach dem Bilde Gottes sei der Mensch geworden. Denn das heißt ebensoviel als: Er machte die menschliche Natur alles Guten theilhaftig. Ist nämlich Gott die Fülle der Güter, jene aber sein Ebenbild, so beruht natürlich die Ähnlichkeit des Ebenbildes mit dem Urbilde in dem Vollbesitz alles Guten. Somit ist in uns die Idee alles Schönen, alle Tugend und Weisheit und Alles was je zur Vollkommenheit gehört. Eines aber von Allem ist, daß der Mensch frei ist vom Zwange und nicht unterworfen einer physischen Gewalt, sondern freie Wahl hat zu dem, was ihm gut dünkt. Denn etwas Zwangloses und Freiwilliges ist die Tugend, das Abgenöthigte aber und Gezwungene kann nicht Tugend sein. Würde nun das Ebenbild in Allem das Gepräge der urbildlichen Schönheit an sich tragen und nicht in irgend Etwas verschieden sein, so wäre es offenbar kein Gleichniß mehr, sondern als durchaus identisch würde sich erweisen das völlig Ununterschiedene. Welchen Unterschied also bemerken wir zwischen Gott selbst und dem Gott-ähnlich Geschaffenen? Er besteht darin, daß jener ungeschaffen ist, dieser aber durch Schöpfung existirt. Dieser eigenthümliche Unterschied aber hat wieder andere Eigenthümlichkeiten zur Folge. Es wird nämlich allgemein und allseitig zugestanden, daß die ungeschaffene Natur auch unveränderlich sei und immer sich gleich bleibe, die geschaffene aber nicht ohne Veränderung bestehen könne. Denn eben der Übergang aus dem Nichtsein in das Sein ist eine gewisse Bewegung und Veränderung des Nichtseienden, das nach dem göttlichen Willen in das Sein übertritt. Und wie das Evangelium [S. 258] das Erzgepräge des Kaisers Bild nennt,3 woraus wir lernen, in der Gestalt liege die Ähnlichkeit der Abbildung mit dem Kaiser, in dem Stoffe aber beruhe die Verschiedenheit, so finden wir auch bei der gegenwärtigen Untersuchung, wenn wir statt des Gepräges die Merkmale (Eigenschaften) der göttlichen und der menschlichen Natur betrachten, worin die Ähnlichkeit liegt, in dem Subjekte (Wesen)4 die Verschiedenheit, die in dem Unerschaffenen und dem Erschaffenen beruht. Da nun Jenes sich immer gleich bleibt, das durch Schöpfung Entstandene aber mit Veränderung sein Dasein begann und mit solchem Wandel stammverwandt ist, darum brachte der, welcher Alles weiß, bevor es geschieht, wie die Prophezie sagt,5 nachgehends oder vielmehr kraft seiner Vorsicht vorsehend, wohin zufolge der Freiheit und Selbstmacht die Bewegung des menschlichen Willens sich neigen würde, da er das Künftige wußte, an dem Bilde den Unterschied von Mann und Weib an, welcher sich nicht mehr auf das göttliche Urbild bezieht, sondern, wie gesagt, der mehr vernunftlosen Natur angehört. Die Ursache aber dieser weisen Einrichtung dürften wohl nur die Schauer der Wahrheit und Diener des Wortes kennen, wir dagegen, die wir nur, so viel als möglich, in Vermuthungen und Bildern die Wahrheit uns vorstellen, wollen unsere Gedanken nicht behauptungsweise darlegen, sondern gleichsam in Form eines Versuchs den geneigten Hörern vorlegen. Was ist es also, was wir uns hierüber ausgedacht haben? Wenn die Schrift sagt: „Gott schuf den Menschen,“ so wird durch das Unbestimmte des Ausdrucks die Menschennatur überhaupt bezeichnet. Denn es wird dem Geschöpfe hier nicht sogleich der Name „Adam“ beigelegt, wie im Folgenden die Erzählung thut, sondern der Geschaffene heißt Mensch, nicht [S. 259] ein einzelner, sondern allgemein. Somit werden wir durch die allgemeine Nennung der Natur dahin gebracht, etwa zu denken, daß durch die göttliche Vorsehung und Macht die ganze Menschheit in der ersten Zubereitung zusammengefaßt wurde; denn bei Gott darf man keine Unbestimmtheit in seinen Werken annehmen, sondern vielmehr daß jedes der Wesen sein durch die Weisheit des Schöpfers abgemessenes Ziel und Maß habe. Gleichwie also der einzelne Mensch durch die Körpergröße umschrieben ist und sein Maß der zugleich mit seiner Körpergestalt gegebene Umfang seiner Leiblichkeit ist, so, glaube ich, sei wie in einem Leibe die ganze Fülle der Menschheit von dem Gott aller Wesen durch seine vorsehende Macht umfaßt worden, und das lehre die Schrift, wenn sie sagt: Gott schuf den Menschen, und nach dem Bilde Gottes schuf er ihn. Denn nicht in einem Theile der Natur ist das Bild, und nicht in einer einzelnen ihrer Eigenschaften die Gnade (Schönheit), sondern über das ganze Geschlecht gleichmäßig erstreckt sich diese Kraft. Beweis dafür aber ist, daß Allen gleicher Weise der Geist (νοῦς) [nous] innewohnt. Alle haben das Vermögen zu denken und zu beschließen und alles Andere, wodurch die göttliche Natur in dem nach ihr Geschaffenen sich abbildet. Gleichmäßig verhält sich sowohl der mit der ersten Weltschöpfung in’s Leben gerufene Mensch, als auch der am Ende der Welt geboren Werdende; in gleicher Weise tragen sie an sich das göttliche Ebenbild. Darum ward ein Mensch genannt das Ganze, weil für die Macht Gottes weder Etwas vergangen ist noch künftig, sondern auch das Zukünftige ebenso wie das Gegenwärtige durch die das All umfassende Thätigkeit beherrscht wird. Die ganze Natur also, wie sie von den Ersten bis zu den Letzten sich erstreckt, ist gleichsam ein Bild Dessen, der da ist. Der Geschlechtsunterschied aber von Mann und Weib wurde dem Gebilde zuletzt hinzu geschaffen, und zwar, wie ich glaube, aus folgendem Grunde.

1: Vgl. oben Kap. 6.
2: Gal. 3, 28.
3: Mark. 12, 6.
4: Ἐν τῷ ὑποκειμένῳ [En tō hypokeimenō]; was hier den Eigenschaften zu Grunde liegt, kann man nicht, wie vorher, Stoff nennen.
5: Susann. 42.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger