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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

15. Daß vorzugsweise die vernünftige Seele Seele ist und heißt, die andern aber nur uneigentlich so genannt werden; und daß die Kraft des Geistes den ganzen Leib durchdringe, indem sie mit jedem Gliede in entsprechender Weise verbunden ist.

Wenn aber einige Geschöpfe die ernährende Thätigkeit haben oder wieder andere mit Empfindungskraft begabt sind, ohne daß weder jene der Empfindung, noch diese der denkenden Natur theilhaftig sind, und darum Jemand eine Mehrheit von Seelen1 argwöhnt, so wird ein Solcher nicht nach der richtigen Unterscheidung die Verschiedenheit der Seelen als Lehre aufstellen. Alles Seiende nämlich wird, wenn es vollkommen das ist, was es ist, im eigentlichen Sinne auch so genannt, wie man es heißt; was aber nicht durchaus dasj ist, was es heißt, hat auch seinen Namen nur uneigentlich. Z. B. wenn Jemand das wirkliche Brod zeigte, so sagen wir, ein Solcher gebe im eigentlichen Sinne dem Ding seinen Namen; wenn aber [S. 252] Einer ein aus Stein gefertigtes dem natürlichen gegenüber zeigte, das zwar dieselbe Gestalt und die gleiche Größe und ähnliche Farbe hat, so daß es in den meisten Stücken dem Urbilde gleich sieht, dem aber die Fähigkeit, auch Nahrung zu sein, abgeht, so sagen wir dessentwegen, nicht eigentlich, sondern mißbräuchlich habe der Stein die Benennung Brod erhalten. Und ebenso trägt Alles, was nicht vollständig ist, was es heißt, mißbräuchlich seinen Namen. So kann nun auch hinsichtlich der Seele, die ja in der Geistigkeit und Vernünftigkeit ihre Vollendung hat, Alles, was nicht so beschaffen ist, zwar gleichnamig sein mit der Seele, nicht jedoch auch wahrhaft Seele, sondern eine gewisse Lebenskraft, der man den Namen der Seele beigelegt hat. Darum hat auch die Natur der Thiere, als nicht weit entfernt vom Pflanzenleben, in gleicher Weise dem Gebrauche des Menschen übergeben der allgemeine Gesetzgeber, um statt des Krautes den Besitzern zu dienen; denn „alles Fleisch,“ sagt er, 2 „esset wie Kräuter des Feldes;“ nur wenig ja scheint sie durch ihre Empfindungsfähigkeit voraus zu haben vor dem, was ohne diese wächst und sich mehrt. Zur Lehre sei Dieß den fleischlich Gesinnten, nicht zu sehr an die sinnlichen Dinge das Denken zu fesseln, sondern in den seelischen Vorzügen geschäftig zu sein, da die wahre Seele in diesen sich zeigt, die Sinnesempfindung aber ebenso auch in den Thieren ist. — Aber auf etwas Anderes abgeschweift ist der Gang der Rede. Denn nicht das lag der Betrachtung vor, daß von den Eigenschaften des Menschen die Thätigkeit des Geistes vorzüglicher sei als das Materielle seines Bestandes, sondern, daß nicht in einem bestimmten Theil in uns der Geist eingeschlossen ist, sondern gleichmäßig in allen ist und durch alle hindurch geht, weder von aussen umschließend noch innen festgehalten; denn das sagt man eigentlich nur von Gefäßen oder anderen in einander befindlichen Körpern. [S. 253] Die Gemeinschaft aber des Geistes mit dem Leibe hat eine unaussprechliche und unbegreifliche Verbindung, da er weder innen ist (denn nicht wird vom Körper umschlossen das Unkörperliche), noch äusserlich umgebend (denn das Unkörperliche umgrenzt Nichts); vielmehr als auf eine unerklärbare und unerforschliche Weise mit der Natur verbunden und zusammenhängend, zeigt sich der Geist sowohl in ihr als um sie herum, aber weder d’rin sitzend noch sie umringend, sondern so, wie man es weder sagen noch denken kann, ausser daß, wenn gemäß ihres eigenthümlichen Gefüges die Natur in gutem Gang ist, auch der Geist thätig ist, wenn aber eine Verletzung an ihr Statt hat, demgemäß auch die Bewegung des Denkens erlahmt.

1: Im Menschen nämlich.
2: Gen. 9, 3.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger