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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

13. Von den Ursachen des Schlafes, des Gähnens und der Träume.

Dieses materielle und vergängliche Leben der Leiber, das fortwährend in Bewegung dahingeht, hat darin die Kraft des Seins, daß es nie still steht in der Bewegung. Gleichwie aber ein seinen Lauf verfolgender Fluß zwar ein volles Bett zeigt, in dem er dahin strömt, jedoch nicht mit demselben Wasser immer an derselben Stelle [S. 243] erblickt wird, sondern ein Theil davon ab- und der andere zuströmt, so wechselt auch das Materielle des Lebens hinieden durch Bewegung und Fluß in steter Folge der Gegensätze, so daß es nie von der Veränderung abstehen kann, sondern in der Unmöglichkeit zu ruhen eine rastlose im Ähnlichen abwechselnde Bewegung hat. Wenn es aber je aufhörte sich zu bewegen, so hätte es durchaus auch das Ende des Seins. Auf das Vollsein z. B. folgt die Entleerung, und wieder tritt die Fülle an die Stelle der Leerheit; Schlaf läßt die Anspannung des Wachens nach, das Wachen sodann spannt das Nachgelassene an; und keines von beiden bleibt immerfort da, sondern Eines entweicht in Gegenwart des Andern, indem die Natur derart sich durch die Abwechslungen erneuert, daß sie theilweise an beiden Theil habend ohne Zerreissung vom Einen zum Andern übergeht. Denn die fortwährende Kraftanstrengung des Lebewesens bewirkt ein gewisses Brechen und Zerreissen der überspannten Theile, und die andauernde Erschlaffung des Körpers verursacht Schwächung und Auflösung des Bestehenden. Die rechtzeitige und maßvolle Berührung mit beiden aber trägt bei zum Fortbestand der Natur, wenn sie durch den steten Übergang zum Entgegengesetzten in beiden sich von den andern ausruht. So also den durch’s Wachen angespannten Körper erfassend, bringt sie durch den Schlaf Lösung in die Spannung, indem sie die Sinneskräfte eine Zeit lang von den Thätigkeiten ruhen läßt und wie Pferde nach den Wagenkämpfen ausspannt. Nothwendig aber für den Bestand des Körpers ist die rechtzeitige Abspannung, damit ungehemmt im ganzen Körper durch die Kanäle in ihm die Nahrung sich verbreite, ohne daß eine Spannung den Durchgang hindert. Denn wie aus der durchnäßten Erde, wenn die Sonne mit heisseren Strahlen darauf scheint, gewisse neblige Dünste von der Tiefe emporgezogen werden, etwas Ähnliches geschieht auch in der Erde in uns, wenn die Nahrung in uns durch die natürliche Wärme aufwallt. Da aber die Dünste ihrer Natur nach aufsteigen und luftartig und in die Höhe strebend sind, so gelangen sie in die Räume des Kopfes, wie [S. 244] ein Dampf durch eine Wandfuge dringt; von da dringen sie verdunstend in die Öffnungen der Sinneswerkzeuge, in denen nothwendig die Sinneswahrnehmung unthätig wird, da sie beim Eintritt jener Dünste entschwindet. Denn die Sehkraft wird durch die Lider gelähmt, als wenn ein Bleigewicht, eine solche Schwere nämlich, das Lid über die Augen zöge; abgestumpft aber durch eben diese Dünste feiert das Gehör, wie wenn ein Brett auf den Gehörtheilen läge, von seiner natürlichen Thätigkeit, und diese Affektion ist der Schlaf, indem die Empfindung im Körper rastet und ihre natürliche Wirksamkeit einstellt, damit die Verdauung der Nahrung ungehindert vor sich gehe, indem sie zugleich mit den Dünsten durch alle Kanäle dringt. Und darum streckt, wenn etwa durch die innere Dunstentwicklung der Sinneswerkzeug-Apparat beklommen, der Schlaf aber durch irgend eine Noth gehindert ist, das von den Dünsten voll gewordene Generv naturnothwendig sich von selbst aus, so daß durch die Ausdehnung der von den Dünsten aufgeschwellte Theil verdünnert wird; wie es Diejenigen machen, die durch strengeres Winden das Wasser aus der Wäsche herauspressen. Und da die Theile um den Schlund herum rundlich sind, das Generv aber in diesen zahlreich, so wird, wenn auch aus diesen die Dichtigkeit der Dünste entfernt werden soll, weil es unmöglich ist, den rundlichen Theil gerade auszustrecken, wenn er nicht kreisförmig ausgespannt wird, darum im Gähnen der Athem aufgefangen, während der Kinnbacken nach unten in der Gurgel sich aushöhlt, und drinnen Alles kreisförmig ausgespannt und so dann jener in den Theilen befindliche dampfige Qualm zugleich mit dem Ausgang des Odems ausgeathmet. Dieß pflegt aber auch oft nach dem Schlafe einzutreten, falls Etwas von jenen Dünsten unverdaut und unverhaucht in den Räumen zurückgeblieben ist.

Hiedurch also zeigt der menschliche Geist handgreiflich, daß er an der Natur hänge, da er, wenn diese selbstmächtig und wach ist, auch selbst mitthätig und rege ist, wenn sie aber im Schlafe liegt, unthätig bleibt; wenn man nicht etwa [S. 245] die Traumphantasie für eine im Schlafe wirksame Geistes-Thätigkeit halten wollte. Wir aber sagen, nur die bewußte und selbstmächtige Thätigkeit des Denkens sei auf den Geist zurückzuführen, die Traumpossen des Schlafes aber, glauben wir, werden als gewisse Nachäffungen der Thätigkeit des Geistes durch die mehr unvernünftige Art der Seele nach Zufall gebildet. Denn die im Schlafe von den Sinnes-Empfindungen abgelöste Seele ist damit nothwendig auch den geistigen Thätigkeiten entrückt; denn durch jene ist der Geist mit dem Menschen verbunden.1 Wenn also die Sinne in Ruhe sind, muß auch das Denken unthätig sein. Beweis dafür aber ist, daß der Träumende oft auch in Albernem und Unmöglichem sich zu bewegen meint, was wohl nicht geschehen würde, wenn die Seele zu der Zeit von Besinnung und Überlegung gelenkt würde. Vielmehr scheint mir, daß, wenn die Seele in den vorzüglichsten ihrer Kräfte rastet, nämlich den Thätigkeiten des Geistes und der Sinnes-Wahrnehmung, nur ihr ernährender Theil im Schlafe wirksam sei, in diesem aber gewisse Schattenbilder der Begegnisse des Wachens und Nachklänge der Thätigkeiten der Sinnes-Wahrnehmung und des Denkens, die ihm durch das Erinnerungsvermögen der Seele eingeprägt wurden, wie es eben kommt, sich wieder darstellen, weil ein gewisser Nachhall der Erinnerung in diesem Seelenvermögen zurückblieb. In diesen also phantasirt der Mensch, nicht durch einen gewissen Zusammenhang in den Verkehr mit der Erscheinungswelt geführt, sondern in wirren und unsteten Trugbildern umherirrend. Gleichwie aber bei den körperlichen Thätigkeiten, während jedes der Glieder je nach der von Natur ihm inwohnenden Kraft in eigenthümlicher Weise wirkt, eine gewisse Mitaffektion auch des ruhenden Gliedes mit dem bewegten stattfindet, in ähnlicher Weise wird auch bei der [S. 246] Seele, obwohl ein Theil von ihr eben ruht, der andere aber thätig ist, zugleich mit dem Theile auch das Ganze afficirt. Es ist ja auch nicht möglich, daß die natürliche Einheit völlig zerrissen werde, wenn theilweise eines ihrer Vermögen vorherrschend thätig ist. Vielmehr wie im Wachen und bei der Arbeit der Geist herrscht, die Sinnesempfindung aber dient, von diesen sich aber die Verdauungskraft des Körpers nicht trennt (denn der Verstand erwirbt dem Bedürfniß die Nahrung, die Sinnesempfindung nimmt das Erworbene in Empfang, die Nährkraft des Körpers aber eignet sich das Dargereichte an), so stellt auch im Schlafe die Oberherrschaft dieser Vermögen in uns sich gewissermaßen um, und indem der unvernünftige Theil vorherrscht, ruht zwar die Thätigkeit der übrigen, ist jedoch nicht gänzlich erloschen. Indem aber inzwischen während des Schlafes die ernährende Kraft sich auf die Verdauung verlegt und die ganze Seele mit sich beschäftigt, trennt sich weder die Empfindungskraft gänzlich von ihr (denn es geht nicht, daß das einmal Zusammengewachsene zerschnitten werde), noch auch kann ihre Thätigkeit hervorleuchten, da sie durch die Unthätigkeit der Sinneswerkzeuge im Schlafe gebunden ist. Da aber ebenso auch der Geist zu dem Empfindungsvermögen in Beziehung steht, so wird man wohl mit Recht sagen, wenn dieses thätig ist, sei auch er thätig, und wenn dieses ruht, feire auch er. Wie es aber beim Feuer geschieht, daß, wenn es ganz und gar in der Spreu verdeckt ist, indeß kein Luftzug die Flamme anfacht, es weder weiter um sich greift noch gänzlich erlischt, sondern statt der Flamme ein Qualm durch die Spreu in die Luft aufsteigt, wenn es aber von einem Luftzug erfaßt wird, den Rauch zur Flamme vollendet: auf dieselbe Weise ist auch der Geist, wenn er bei der Unthätigkeit der Sinne im Schlafe zugleich verhüllt ist, weder durch sie hervorzuleuchten im Stande, noch auch gänzlich erloschen, sondern bewegt sich gleichsam rauchartig, theils zwar wirkend, theils aber unvermögend. Und wie ein Musiker, der aus abgespannten Saiten der Lyra das Plektrum anschlägt, das Lied nicht im Rhythmus dahinführt (denn das [S. 247] Nichtgespannte kann wohl nicht tönen, sondern die Hand zwar bewegt kunstfertig sich oftmals, je nach der örtlichen Lage der Töne das Plektrum schlagend, das Klingen aber erfolgt nicht, nur daß bei der Bewegung der Saiten ein undeutliches und ungeordnetes Geräusch nachklingt), so ist auch, wenn im Schlafe der Organismus der Sinneswerkzeuge erschlafft ist, der Künstler entweder völlig in Ruhe, wenn anders das Organ aus Überladung und Schwere eine völlige Abspannung erleidet, oder er wird schwach und undeutlich wirken, wenn das Sinnesorgan seine Kunst nicht vollkommen aufnimmt. Daher phantasirt die verworrene Erinnerung und die wie bei halbdunklen Vorhängen eingeschlafene Voraussicht in Bildern der Beschäftigungen des Wachens und deutet oft Etwas an, was eintrifft. Denn durch die Feinheit ihrer Natur hat sie vor der körperlichen Grobtheiligkeit Etwas voraus, so daß sie Etwas von dem Wirklichen erblicken kann. Indeß kann sie das Betreffende nicht geradewegs verdeutlichen, so daß die Belehrung über das Bevorstehende klar und offenbar wäre, sondern schief und zweideutig geschieht die Andeutung der Zukunft, was die Traumdeuter Räthsel nennen. So preßt der Weinschenk die Traube für den Becher des Pharao, so träumte der Bäcker, Körbe zu tragen,2 da Jeder von beiden mit dem, womit er sich im Wachen beschäftigte, auch im Traume sich zu befassen meinte. Denn die der Vorahnung ihrer Seele eingeprägten Bilder der ihnen gewohnten Beschäftigungen gaben gelegentlich Anlaß, mittelst jener Vorhersagung des Geistes das Künftige zu wahrsagen.

Wenn aber Daniel und Joseph und Andere dergleichen durch göttliche Kraft, ohne eine Sinnesverdunkelung, eine Vorkenntniß der Zukunft erlangten, so hat das mit dem vorliegenden Gegenstande Nichts zu schaffen. Es wird ja auch Niemand Dieß der Kraft der Träume zuschreiben, da [S. 248] er sonst durchaus folgerichtig auch die im Wachen stattfindenden Gottes-Erscheinungen nicht für ein Gesicht, sondern für eine von selbst erfolgende Naturwirkung halten müßte. Wie es also, während alle Menschen nach dem eigenen Geiste gelenkt werden, einige Wenige gibt, die des göttlichen Umgangs in klarer Weise gewürdigt werden, so wird auch, während Allen gemeinsam und gleichheitlich das Träumen im Schlafe naturgemäß zukommt, Einigen, nicht Allen, eine mehr göttliche Erscheinung in den Träumen zu Theil, bei allen Anderen aber, wenn auch eine Vorkenntniß aus Träumen über irgend Etwas stattfindet, geschieht es auf die genannte Art. Wenn aber auch der ägyptische und assyrische Tyrann durch Gott zur Erkenntniß der Zukunft geführt werden, so hat es damit eine andere Bewandtniß. Kund werden nämlich sollte die verborgene Weisheit der Heiligen, damit sie nicht ohne Nutzen für das Allgemeine am Leben vorüberginge. Denn wie wohl wäre Daniel als ein Solcher erkannt worden, wenn nicht die Beschwörer und Magier zur Deutung des Traumbildes unfähig waren? Und wie wäre Ägypten gerettet worden, da Joseph im Gefängniß eingesperrt war, wenn nicht die Deutung des Traumes ihn in die Öffentlichkeit führte? Das ist also etwas Anderes und darf nicht nach den alltäglichen Traumbildern beurtheilt werden. Dieses gewöhnliche Traumgesicht aber ist Allen gemein, da es mannigfaltig und vielgestaltig in den Traumbildern vorkommt. Entweder nämlich bleiben, wie gesagt, in der Erinnerung der Seele die Nachklänge der täglichen Beschäftigungen, oder oft auch gestaltet sich die Traumvorstellung je nach den so oder so beschaffenen Körperzuständen. So meint ja der Durstige an Quellen zu sein, und bei Zechgelagen der nach Nahrung Verlangende, und der Jüngling, wenn die Jugend ihm strotzt, träumt gemäß seiner Leidenschaft. Ich habe aber auch eine andere Ursache der Traumräthsel wahrgenommen, da ich einen vom Fieberwahnsinn (Phrenitis) befallenen Verwandten pflegte, der, mit mehr Speise, als er ertragen konnte, beschwert, schrie und die Umstehenden schalt, daß sie Gedärme mit [S. 249] Koth gefüllt und ihm aufgelegt hätten, und, da ihm bereits der Körper nach Schweiß strebte, die Anwesenden beschuldigte, sie hätten Wasser zur Hand, womit sie ihn im Liegen durchnäßten, und nicht nachließ mit Schreien, bis der Ausgang die Ursachen dieser Beschuldigungen erklärte. Denn plötzlich überströmte sowohl reichlicher Schweiß den Körper, als auch brachte der berstende Bauch die Last in den Eingeweiden zu Tage. Was also in Folge getrübter Nüchternheit die durch das Körperleiden mitaffizirte Natur erlitt, da sie gegen das Beschwerende zwar nicht empfindungslos war, das Schmerzende deutlich kund zu geben aber vermöge der aus der Krankheit entspringenden Verrücktheit nicht vermochte, das würde wahrscheinlich, wenn nicht aus Krankheit, sondern durch natürlichen Schlaf die Denkkraft der Seele entschlummert wäre, dem in solcher Lage Befindlichen als Traum erscheinen, so daß das Wasser das Überströmen des Schweißes, die Last der Gedärme aber die Nahrungsbeschwerniß andeutete. Das scheint auch Vielen von den in der Heilkunde Erfahrenen, daß je nach den Verschiedenheiten der Leidenszustände auch die Traumgesichte den Kranken entstehen, andere bei den Magenleidenden, andere bei den an den Hirnhäuten Beschädigten, bei den Fieberkranken wieder andere, bei den an der Galle und den an Schleimsucht Erkrankten nicht dieselben, und bei den Vollblütigen und den Ausgezehrten wieder andere. Hieraus kann man ersehen, daß die nährende und mehrende Kraft der Seele Etwas auch von der Denkkraft hat, als mischungsweise mit ihr verbunden, was dem so oder so beschaffenen Zustand des Körpers ähnlich wird, indem es je nach der herrschenden Affektion in den Traumgebilden sich umändert. Ferner aber auch nach den Charakterbestimmtheiten gestalten sich bei den Meisten die Träume. Andere sind die Phantasiegebilde des Mannhaften, und andere des Feigen, andere die Träume des Zuchtlosen und andere des Enthaltsamen, andere Phantasien hat der Freigebige und andere der Nimmersatt, wobei nirgends die Überlegung, sondern die mehr unvernünftige Seelenverfassung diese Phantasiebilder gestaltet, indem sie, woran sie gewohnt [S. 250] ist im Geschäfte des Wachens, davon die Bilder auch in den Träumen abzeichnet.

1: Der Denkgeist kann mit einem körperlichen Wesen nur mittelst der Empfindungskraft verbunden sein. Vgl. oben 8. Kap.
2: Gen. 40.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger