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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

12. Untersuchung über den Sitz der Seelen im Körper, nebst einer Physiologie über das Weinen und Lachen und einer Betrachtung über die Verbindung der Materie, der Natur und des Geistes.

Es schweige also alles muthmaßende Geschwätz Derer, die in gewissen Körpertheilen die geistige Thätigkeit einschließen, von denen die Einen behaupten, im Herzen sei das die Herrschaft Führende, die Andern aber sagen, im Gehirn halte der Geist sich auf, indem sie mit oberflächlichen Wahrscheinlichkeitsgründen derlei Einfälle bekräftigen. Wer nämlich dem Herzen den Vorrang einräumt, macht dessen örtliche Lage zum Beweise seiner Behauptung, weil [S. 236] es gewissermaßen den Mittelpunkt des ganzen Leibes einzunehmen scheint, da ja die Willensbewegung sich leicht von der Mitte aus auf den ganzen Körper vertheile und so zur Thätigkeit fortgehe. Und zum Zeugniß hiefür muß ihm der Trauer- und Muth-Affekt des Menschen dienen, weil derlei Leidenschaften diesen Theil in Mitleidenschaft zu ziehen scheinen. Die aber das Gehirn dem Denkvermögen weihen, lassen als eine Akropolis1 des ganzen Leibes das Haupt gebaut sein von der Natur und darin wie einen König wohnen den Geist, gleichsam als von Botschaftern und Trabanten von den Sinnesorganen rings umgeben. Als Beweis aber für diese Ansicht führen auch Diese an das aus dem Geleis Gerathen des Denkens bei den an der Hirnhaut Verletzten und den Verlust der Erkenntniß des Schicklichen bei den im Rausche schwerköpfig Gewordenen. Es fügen aber auch gewisse natürliche Gründe für derlei Vermuthungen über das Hauptseelenvermögen hinzu die Vertreter von beiderlei Ansichten. Der Eine nämlich läßt mit dem Feuer verwandt sein die Denkthätigkeit, wegen der rastlosen Thätigkeit sowohl des Feuers als des Denkens, und da anerkanntermaßen im Herzen die Wärme quillt, deßhalb behauptet er, die Regsamkeit des Geistes stehe mit der Beweglichkeit der Wärme in Verbindung, und erklärt als Gefäß der Denkkraft das Herz, in welchem die Wärme ihren Sitz habe. Der Andere aber sagt, für alle Sinneswerkzeuge sei gleichsam eine Grundlage und Wurzel die Hirnhaut (denn so nennt man die das Gehirn umgebende Haut), und bekräftigt seine Behauptung damit, daß sonst nirgend die Denkthätigkeit ihren Sitz habe als dort, wo sowohl das dazu eingerichtete Ohr die in es einfallenden Töne anschlägt, als auch die in der Augensitzhöhle befindliche Sehkraft mittelst der in die Pupillen einfallenden Bilder den Abdruck nach innen bewerkstelligt, als auch die Beschaffenheiten der Dünste [S. 237] durch den Zug der Nüstern unterschieden werden, als auch der Geschmack durch das Urtheil der Hirnhaut geprüft wird, welche aus der Nähe gewisse durch sie empfindsame Nervenausläufer durch die Halswirbel bis in den trichterartigen Durchgang (Schlund) an den dortigen Muskeln hinablaufen läßt. Ich aber erkenne zwar die vielfachen Störungen der Denkkraft der Seele in Folge der Einflüsse von Krankheiten und die Abstumpfung des Denkens in seiner natürlichen Thätigkeit in Folge eines körperlichen Umstandes als wahr an; auch daß eine Art Quelle der Körperwärme das Herz sei, welches bei Gemüthsbewegungen miterregt wird, und überdieß noch, daß den Sinnesorganen die Hirnhaut zur Grundlage diene, welche nach der Lehre der Physiologen das Gehirn in sich einschließt und von den von dort kommenden Dünsten angefeuchtet wird, — wenn ich von den in anatomischen Studien Bewanderten derlei höre, so stelle das Gesagte nicht in Abrede. Indeß erachte ich Dieß nicht als Beweis dafür, daß in örtlichen Schranken eingeschlossen sei die unkörperliche Natur. Denn einerseits entstehen die Verrücktheiten, wie wir wissen, nicht bloß aus Kopfleiden, sondern auch wenn die die Brustseiten umschließenden Häute krankhaft afficirt sind, ist die Denkkraft gleichfalls geschwächt, wie die Ärzte behaupten, welche die Krankheit Phrenitis (Wahnsinn) nennen, weil diese Häute den Namen Zwerchfell (φρένες) [phrenes] haben. Anderseits beruht die aus Gram entstehende Mitempfindung im Herzen auf einer irrthümlichen Meinung. Da nämlich nicht das Herz, sondern der Magenmund verbittert ist, so führen sie aus Unkenntniß das Leiden in’s Herz zurück. Es sagen aber die genauen Kenner der Krankheiten, daß, wenn in traurigen Stimmungen im ganzen Körper eine Verengung und Schließung der Kanäle entsteht, alles in seiner Ausdünstung Gehinderte in die unteren Höhlungen zusammen gedrängt wird. Daher entsteht auch bei Beklemmung der Lungen durch die Umgebung oft ein etwas gewaltsamer Athemzug durch die Natur, welche zum Zweck der Ausdehnung der Zusammendrängung die Enge erweitert. Dieses Schwerathmen halten wir für ein Symptom [S. 238] der Trauer und nennen es Seufzen und Stöhnen. Aber auch der scheinbare Druck in der Herzgegend ist nicht ein Mißbehagen des Herzens, sondern des Magenmundes, aus demselben Grunde, nämlich der Verengung der Kanäle, indem die Gallenblase jenen scharfen und bitteren Saft in Folge der Zusammenpressung in den Magenmund ergießt. Beweis aber dafür ist das blasse und gelbliche Aussehen, das die Trauernden bekommen, indem durch den großen Druck die Galle ihren Saft in die Adern ergießt. Aber auch der entgegengesetzte Affekt, der der Freude nämlich und des Lachens, bestätigt unsere Ansicht noch mehr. Es erweitern sich nämlich gewissermaßen und erschließen sich bei der Freude die Kanäle des Leibes, wenn man durch eine erfreuliche Nachricht erheitert wird. Denn wie dort durch die Trauer die feinen und unsichtbaren Ausdünstungen der Durchgänge in Stocken gerathen und durch Hemmung der Funktion in den Eingeweiden nach dem Kopfe und der Hirnhaut den feuchten Dunst hinauf treiben, welcher bei reichlicher Ansammlung in den Gehirnhöhlen durch die Öffnungen nach unten zu den Augen heraus getrieben wird, indem die Zusammenziehung der Wimpern die Feuchtigkeit tropfenweise auspreßt (der Tropfen aber heißt Thräne), so, denke ich mir, werde, wenn bei der entgegengesetzten Stimmung mehr als gewöhnlich die Kanäle sich erweitern, ein Lufthauch durch sie nach der Tiefe eingezogen und von dort von der Natur durch die Mundöffnung wieder ausgestoßen, indem alle Eingeweide und vorzüglich die Leber, wie man sagt, mit Geräusch und erschütternder Bewegung diese Luft zumal austreiben. Um daher dem Durchgang der Luft eine gewisse Leichtigkeit zu bewirken, erweitert die Natur die Mundöffnung, indem sie beim Keuchen beiderseits die Backen aus einander treibt; dieser Vorgang heißt Lachen. Weder also darf man deßhalb der Leber das herrschende Vermögen zuschreiben noch wegen der Wallung des Herzblutes bei den muthvollen Affekten glauben, im Herzen sei der Sitz des Geistes, sondern man muß diese Dinge auf die so oder so beschaffenen Einrichtungen der Körper zurückführen, vom Geiste aber glauben, daß er nach [S. 239] einem geheimnißvollen Verhältnisse der Mischung mit jedem der Glieder je nach dem Werthe desselben verbunden sei. Und wollten Einige die (heilige) Schrift uns entgegenhalten, die dem Herzen das herrschende Vermögen zuspreche, so werden wir die Sache nicht ununtersucht annehmen. Denn der des Herzens erwähnt, gedenkt auch der Nieren, da er sagt:2 „Gott, der Herzen und Nieren erforscht,“ so daß sie entweder in beide oder in keines von beiden den Denkgeist verschließen. Wenn ich aber von der Abstumpfung der Denkkräfte oder auch ihrer gänzlichen Unthätigkeit bei irgend einer Körperverfassung höre, so halte ich das für keinen hinreichenden Beweis der Eingeschlossenheit der Geisteskraft an einem Orte, als würde sie durch die die Theile befallenden Geschwulste aus dem ihr gehörigen Raum verdrängt. Körperhaft ist eine solche Vorstellung, daß, wenn das Gefäß schon von irgend einem Inhalte eingenommen ist, etwas Anderes darin keinen Platz finden könne. Denn die geistige Natur weilt weder gern in den Höhlungen der Körper, noch wird sie durch die Überfülle des Fleisches vertrieben, sondern, da der ganze Körper wie ein Musikinstrument eingerichtet ist, gleichwie es oft der Fall ist bei Denen, die zwar zu spielen verstehen, aber ihre Kunst nicht zeigen können, weil die Unbrauchbarkeit der Instrumente die Kunst nicht annimmt (denn das entweder durch Alter verdorbene oder durch Herabfall geborstene oder durch Rost und Moder unbrauchbar gewordene bleibt ton- und wirkungslos, auch wenn es von einem als Meister in der Flötenkunst Geltenden geblasen wird), so wirkt auch der Geist, der das ganze Instrument durchdringt und den geistigen Thätigkeiten entsprechend jeden der Theile, so wie er eben ist,3 handhabt, in den [S. 240] naturgemäß disponirten zwar das Verwandte, in den seine Kunstbethätigung nicht aufzunehmen fähigen aber bleibt er unwirksam und unthätig. Denn dem Geiste ist es gewissermaßen natürlich, mit dem in naturgemäßem Zustande Befindlichen befreundet, gegen das davon Abgewichene aber fremd zu sein.

Und mir scheint in dieser Hinsicht sehr naturgemäß zu sein eine Betrachtung, wodurch wir eine der sinnreicheren Lehren lernen können. Da nämlich das Schönste von Allem und das allerhöchste Gut die Gottheit selbst ist, zu der Alles sich neigt, was nach dem Schönen ein Verlangen hat, darum, sagten wir, verbleibe auch der Geist, der ja nach dem Bilde des Schönsten geworden ist, solange er an der Ähnlichkeit mit dem Urbild, soviel als möglich, Theil hat, auch selbst in dem Schönen; wenn er aber gewissermaßen ausserhalb desselben geräth, verliere er die Schönheit, worin er war. Gleichwie wir aber sagen, mit dem Abglanz der urbildlichen Schönheit sei der Geist geschmückt, wie ein die Gestalt des gespiegelten Gegenstandes an sich tragender Spiegel, auf ähnliche Weise, denken wir, hänge (sich) (aus Ber.: streiche „sich“) auch die unter seine Verwaltung gestellte Natur4 am Geiste, und durch seine Schönheit werde auch sie geschmückt, indem sie gleichsam ein Spiegel des Spiegels wird, beherrscht aber werde von ihr und gehalten die materielle Grundlage, an der die Natur sich darstellt. So lange nun das Eine am Andern hängt, geht ebenmäßig durch Alles hindurch die Gemeinschaft der wahrhaften Schönheit, durch das Höhere5 das daran Haltende verschönend. Wenn aber eine Zerreissung dieser guten Verbindung eintritt oder in umgekehrter Ordnung dem Niederen das Höhere nachgeht, dann verräth sich sowohl von der Materie selbst, sobald sie von der Natur [S. 241] verlassen ist, die Unform (denn etwas Ungestaltes und Unförmliches ist die Materie an sich), als auch wird durch diese Unform zugleich die Schönheit der Natur zerstört, zu der sie durch den Geist verschönt wird. Und so geht das Unschöne der Materie durch die Natur auf den Geist selbst über, so daß das Bild Gottes in dem Ausdrucke des Gebildes nicht mehr zu sehen ist. Denn indem der Geist das Bild der Vollkommenheiten wie ein Spiegel von hinten aufnimmt, wirft er die Spiegelbilder der Einstrahlung des Guten hinaus6 und sudelt die Ungestalt der Materie an sich selbst hin, und auf diese Weise entsteht das Böse, das in Folge der Hinwegnahme des Schönen sich einstellt. Schön aber ist Alles, was immer mit dem Urguten im Einklang steht; was aber ausser dem Verhältniß und der Ähnlichkeit mit diesem ist, hat am Schönen durchaus nicht Theil. Wenn nun unserer bisherigen Betrachtung gemäß das wahrhaft Gute nur Eines ist, der Geist aber durch seine Ebenbildlichkeit mit dem Schönen auch selbst schön ist, die vom Geiste zusammen gehaltene Natur aber gleichsam ein Bild des Bildes ist, so erhellt hieraus, daß unser materieller Theil Bestand zwar hat und festhält, wenn er von der Natur in Ordnung gehalten wird, sich wieder auflöst aber und hinfällt, wenn er von dem, was ihm Halt und Bestand gibt, getrennt und losgerissen wird von der Verbindung mit dem Schönen. Das geschieht aber nur, wenn eine Umkehr der Natur zum Gegentheil stattfindet, indem das Verlangen nicht zu dem Schönen sich hinneigt, sondern zu dem der Verschönung Bedürftigen. Denn ganz nothwendig muß das, was der um ihre eigene Gestaltung bettelnden Materie ähnlich wird, ebenfalls nach ihrer Unform und Unschöne umgeändert werden.

[S. 242] Allein Dieß ist von uns nur so gelegentlich beibemerkt, indem es sich bei der Untersuchung über den Hauptpunkt hereinschlich. Die Hauptfrage nämlich war, ob in einem der Theile in uns die Denkkraft ihren Sitz habe, oder ob sie gleichmäßig alle durchdringe. Denn hinsichtlich Derer, welche in örtlichen Theilen den Geist einschließen und zur Bestätigung dieser ihrer Annahme die Hemmung der Denkkraft bei widernatürlicher Verfassung der Gehirnhäute anführen, hat die Untersuchung gezeigt, daß in jedem Theile des menschlichen Organismus, je nachdem ein jeder zu wirken bestimmt ist, die Kraft der Seele in gleicher Weise unwirksam bleibe, wenn der Theil nicht in der Natur beharrt. Und darum wob sich folgerichtig in die Untersuchung die vorige Betrachtung ein, woraus wir lernen, daß in dem Menschengebilde der Geist von Gott, von diesem aber unser materielles Leben gelenkt werde, sofern es in der Natur bleibt; wenn es aber von der Natur abweicht, es auch der dem Geiste gemäßen Thätigkeit entfremdet werde. Doch kehren wir wieder dahin zurück, wovon wir ausgingen, daß in den nicht durch ein Leiden von der natürlichen Einrichtung abgewichenen Theilen der Geist seine eigenthümliche Kraft übt und stark ist in den gesunden, ohnmächtig aber dagegen in den seine Wirksamkeit nicht zulassenden. Es läßt sich nämlich der dießbezügliche Lehrsatz auch durch Anderes beglaubigen, und wenn es dem Ohre der durch die Rede bereits Ermüdeten nicht lästig ist, so wollen wir auch hierüber, so kurz als möglich, verhandeln.

1: Das Bild wird zuerst von Plato angewendet.
2: Ps. 7, 9 [hebr.: Ps. 7, 9].
3: Καθὸ πέφυκεν [Katho pephyken] glaube ich nicht auf den vorhergehenden „Geist“, sondern auf das (im Griechischen) Nachfolgende: „Jeder der Theile“ beziehen zu sollen, wie es am Schlusse des Kapitels nochmal heißt: καθὸ πέφυκεν ἕκαστον (sc. μέρος) [Katho pephyken hekaston (sc. meros)].
4: Das Leibesleben.
5: Das ὑπερκείμενον [hyperkeimenon] ist natürlich in Bezug auf die Natur der Geist, und in Bezug auf diesen Gott.
6: Wenn man den Spiegel umkehrt, so fallen natürlich die Bilder hinaus, und man sieht auf der Rückseite statt ihrer die rauhe schmutzige Fläche.

 

 

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Gregor Emmenegger