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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

10. In den Sinneswahrnehmungen wirkt der Geist.

Indem also auf solche Art der Geist durch diese organische Einrichtung in uns die Sprache musikmeistert, sind wir redende Wesen, während wir, wie ich glaube, die Gabe der Sprache nicht hätten, wenn wir die Last und Mühe des Nahrungserwerbes für das Bedürfniß des Leibes mit den Lippen besorgen müßten. Nun aber haben diese Leistung die Hände auf sich genommen und so geeignet für den Dienst des Wortes den Mund gelassen. Zweifach aber ist die Thätigkeit des Organs, die eine zur Hervorbringung des Tones, die andere zur Aufnahme fremder Gedanken. Und es vermengt sich nicht die eine mit der anderen, sondern bleibt bei dem Geschäfte, wozu die Natur sie bestellte, ohne Beeinträchtigung der Nachbarin, da weder das Gehör redet noch die Stimme hört. Denn die eine gibt immer nur Etwas [S. 232] von sich, das Gehör aber nimmt fortwährend auf und wird doch nicht satt, wie Salomo irgendwo sagt;1 und gerade das scheint mir auch am meisten bewunderungswürdig zu sein an uns, wie geräumig jenes innere Behältniß ist, in welches alles durch das Gehör Einströmende zusammen fließt, wer die Aufschreiber der in dasselbe eingeführten Reden sind, und wie beschaffen die Behältnisse der in’s Gehör eingelegten Gedanken, und wie, da doch Vieles und Allerlei auf einander gehäuft wird, doch keine Vermischung und Verwechslung in der Aufeinanderlage der Aufbewahrungsgegenstände entsteht. Ebenso dürfte man sich wohl auch über die Thätigkeit des Gesichtes wundern. Denn auf gleiche Weise erfaßt auch hiedurch der Geist das ausser dem Körper Befindliche und zieht die Bilder der Erscheinungen an sich, indem er die Merkmale des Gesehenen in sich abzeichnet. Und wie bei einer geräumigen Stadt, welche von verschiedenen Zugängen her die in sie Einströmenden aufnimmt, nicht allesammt auf den nämlichen Platz in der Stadt zusammenlaufen, sondern die Einen auf den Markt, die Andern in die Häuser, Andere in die Kirchen oder Strassen und Gäßchen oder in die Theater dahingehen, ein Jeder nach seiner Absicht, als eine solche betrachte ich auch die in unserem Innern angelegte Stadt des Geistes, welche die verschiedenen Zugänge durch die Sinne voll machen, während prüfend und forschend der Geist jeden der Eintretenden an den entsprechenden Erkenntnißorten unterbringt. Und wie es bei dem Beispiele von der Stadt ist, daß oft Landsleute und Verwandte nicht durch das nämliche Thor hineinkamen, indem der Eine auf diesem, der Andere auf einem andern Wege nach Zufall hineinging, nichts desto weniger aber innerhalb der Ringmauer sie wieder beisammen sind, als Bekannte, und wie auch der umgekehrte Fall stattfinden kann, daß nämlich Fremde und einander Unbekannte [S. 233] oft denselben Weg in die Stadt nehmen und die Wegesgemeinschaft sie doch nicht an einander knüpft (denn sie können sich ja auch drinnen nach der Landsmannschaft scheiden), etwas Ähnliches erblicke ich auch in der Weiträumigkeit des Geistes. Denn oft wird auch durch verschiedene Sinne uns eine Erkenntniß versammelt, indem derselbe Gegenstand mehrheitlich sich auf die Sinne vertheilt. Umgekehrt aber wieder kann man durch eine einzige Wahrnehmung Vieles und Mancherlei inne werden, was seiner Natur nach Nichts mit einander gemein hat. Z. B. (denn es ist besser, an einem Beispiele die Sache zu verdeutlichen) es liege etwas Geschmacksthümliches zu untersuchen vor, was nämlich süß schmecke, und was widerwärtig beim Kosten sei. Nun findet man durch den Versuch sowohl die Bitterkeit der Galle als die Annehmlichkeit des Honigs. Während aber diese verschieden sind,2 bewirkt von demselben Ding, auch wenn es in getheilter Weise in das Bewußtsein einzieht — der Geschmack, der Geruch, das Gehör, oft aber auch das Gefühl und das Gesicht eine einzige Erkenntniß.3 Denn sowohl wenn man den Honig sieht, als den Namen hört, und davon kostet und den Duft riecht und ihn betastet, erkennt man durch jedes der Sinneswerkzeuge dieselbe Sache. Dagegen nehmen wir wieder Vielerlei und Verschiedenartiges durch [S. 234] einen einzigen Sinn wahr, indem das Gehör mancherlei Stimmen aufnimmt und die Wahrnehmung durch die Augen unterschiedslos ihre Thätigkeit übt beim Sehen von Verschiedenartigem. Denn gleichmäßig geht sie auf Weiß und Schwarz und Alles, was durch die Farbe von einander absticht. So führt der Geschmack, so der Geruch, so die Betastung, ein Jedes durch die ihm eigene Wahrnehmung uns die Kenntniß von allerlei Dingen zu.

1: Prediger 1, 8.
2: Mit der von Oehler gewählten Lesart: φανερῶν δὲ ὄντων τούτων [phanerōn de ontōn toutōn] (sind aber diese bekannt) weiß ich keinen Sinn zu verbinden; ich bleibe daher bei der Morell’schen: διαφόρων δὲ ὄντων τούτων [diaphorōn de ontōn toutōn].
3: Die Morell’sche Ausgabe hat: μίαν εἰσάγει γνῶσιν τὸ αὐτὸ πρᾶγμα πολυμερῶς τῇ διανοίᾳ εἰσοικιζόμενον, ἢ γεύσει, ἢ ὀσφρήσει, ἢ ἀκοῇ, πολλάκις δὲ καὶ τῇ ἁφῇ καὶ τῇ ὄψει [mian eisagei gnōsin to auto pragma polymerōs tē dianoia eisoikizomenon, ē geusei, ē osphrēsei, ē akoē, pollakis de kai tē aphē kai tē opsei], wobei vielleicht nur das ἢ — ἢ [ē-ē] statt καὶ — καὶ [kai-kai] Schwierigkeiten macht. Oehler dagegen liest caeteris paribus: ἡ γεῦσις, ἡ ὄσφρησις, ἡ ἀκοή etc. [hē geusis, hē osphrēsis, hē akoē etc.], wobei aber die zwei Accusative: γνῶσιν [gnōsin] und πρᾶγμα [pragma] als unvereinbar erscheinen, wenn man nicht etwa εἰς μίαν γνῶσιν [eis mian gnōsin] oder κατὰ τὸ αὐτὸ πρᾶγμα [kata to auto pragma] liest.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger