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Gregor v. Nyssa (†394) - Abhandlung über die Ausstattung des Menschen (De opificio hominis)

1. Eine theilweise Naturbeschreibung von der Welt und eine anziehende Schilderung dessen, was der Schöpfung des Menschen vorausging.

[S. 212] „Dieß ist das Buch der Entstehung von Himmel und Erde,“ sagt die Schrift,1 als alles Sichtbare vollendet wurde und jedes der Wesen abgesondert an seinen gehörigen Ort hinging, als der Himmelskörper Alles rings umfing, die schweren und niedersinkenden Körper, Erde und Wasser, in wechselseitigem Festhalten den Mittelraum des Alls einnahmen und zum Verband und Bestand des Gewordenen die göttliche Kunst und Kraft in die Natur der Wesen niedergelegt wurde, mit zweifacher Thätigkeit Alles lenkend. Durch Stillstand nämlich und Bewegung bewirkte sie dem Nichtseienden die Entstehung und dem Seienden den Fortbestand, indem sie um das Schwere und Unverrückbare der unbewegten Natur, wie um eine feste Achse, die blitzschnelle Bewegung der Himmelskugel einem Rade ähnlich kreisen ließ und beiden durch einander Unauflösbarkeit sicherte, indem sowohl die kreisende Substanz durch ihre schnelle Bewegung den Ball der Erde rings zusammendrängt, als auch das Dichte und Unnachgiebige durch seine unverrückbare Festigkeit den Wirbel der Kreisläufer ununterbrochen anspannt. [S. 213] Gleich aber beiderseits wurde bei den durch ihre Thätigkeiten geschiedenen Theilen die Überbietung2 gemacht, sowohl in der standfesten Natur als in dem rastlosen Umkreise; denn weder weicht die Erde von ihrem Standort, noch gibt je der Himmel seine Hast auf und läßt nach in seiner Bewegung.

Das aber ward auch zuerst gemäß der Weisheit des Schöpfers gleichsam als ein Anfang des ganzen Werkes vor den Dingen geschaffen, indem meines Erachtens der große Moses dadurch, daß er sagt, am Anfange sei der Himmel und die Erde von Gott geschaffen worden,3 anzeigt, von Bewegung und Stillstand ausgegangen sei alles in der Schöpfung Erscheinende, nach dem göttlichen Willen zur Existenz gebracht. Indem also der Himmel und die Erde durch ihre Thätigkeiten in diametralem Gegensatze zu einander stehen, bildet die zwischen den Gegensätzen befindliche Schöpfung, die theilweise an dem nebenan Liegenden Theil hat, durch sich die Vermittlung der Extreme, damit offenbar werde die wechselseitige Verknüpfung der Gegensätze durch das Mittlere. Denn der steten Bewegtheit und Feinheit der Feuersubstanz ähnelt gewissermaßen die Luft, sowohl in der Leichtigkeit ihrer Natur als in ihrer Beweglichkeit. Gleichwohl ist sie nicht derartig, daß sie der Verwandtschaft mit dem Festen entfremdet wäre, indem sie weder stets unbewegt bleibt, noch durchaus verfließt und verfliegt, sondern durch ihre Verwandtschaft mit beiden ist sie eine Art Grenzgebiet zwischen dem Gegensatze der Thätigkeiten, indem sie durch sich zugleich verbindet und trennt das von Natur Geschiedene. Auf dieselbe Weise schließt sich auch die nasse Substanz durch zweifache Eigenschaften an beiderlei [S. 214] Gegensätze an. Denn durch ihre Schwere und ihren Zug nach unten hat sie eine große Verwandtschaft mit dem Erdartigen, durch ihren Antheil aber an einer gewissen fließenden und unstäten Thätigkeit ist sie dem nicht ganz fremd, was von beweglicher Natur ist, sondern auch hiedurch findet eine gewisse Verbindung und Vereinigung der Gegensätze statt, indem die Schwere in Bewegung übergeht und die Bewegung in der Schwere kein Hinderniß findet, so daß das von Natur extremst auseinander Liegende mit einander zusammen kommt, durch die Mittelglieder gegenseitig vereint. Ja sogar bei genauer Betrachtung bleibt nicht einmal die Natur des Gegentheiligen selbst in ihren Eigenheiten ganz unvermischt gegen die andere, damit, glaub’ ich, alles in der Welt Erscheinende sich gegen einander neige und die in den Eigenheiten der Gegensätze sich darstellende Schöpfung mit sich selbst zusammenstimme. Da nämlich die Bewegung nicht bloß in der Ortsveränderung besteht, sondern auch in Wechsel und Umwandlung sich zeigt, anderseits aber die unveränderliche Natur die Bewegung durch Umwandlung nicht zuläßt, so hat die Weisheit Gottes die Eigenthümlichkeiten vertauscht und dem stets Bewegten die Unwandelbarkeit, dem Unbewegten aber die Wandelbarkeit verliehen, indem er es mit Vorbedacht vielleicht so ordnete, damit nicht die Eigenthümlichkeit der göttlichen Natur, nämlich die Wandellosigkeit und Unveränderlichkeit, wenn sie an irgend einem von den Schöpfungswesen wahrgenommen würde, bewirke, daß man für Gott halte das Geschöpf. Denn kaum wird das noch die Vermuthung der Göttlichkeit für sich haben, was in Bewegung oder Veränderung begriffen ist. Darum ist die Erde feststehend und nicht wandellos, der Himmel aber umgekehrt, der keinen Wandel hat, hat auch die Ständigkeit nicht, damit, durch Verbindung des Wechsels mit der stillstehenden und der Bewegung mit der unwandelbaren Natur, die göttliche Macht Beide sowohl im Austausch ihrer Eigenheiten mit einander befreunde als auch dem Scheine der Göttlichkeit entrücke. Denn keines von beiden, wie gesagt, [S. 215] wird man für Sache der göttlichen Natur halten, weder das, was nicht feststeht, noch das, was sich ändert.

Schon also war Alles zu seinem Ende gelangt. Denn vollendet war, wie Moses sagt, der Himmel und die Erde und alles dazwischen Liegende, und mit der entsprechenden Schönheit das Einzelne geschmückt, der Himmel mit den Strahlen der Lichter, Meer und Luft mit den schwimmenden und fliegenden Thieren, die Erde mit den mannigfachen Unterschieden von Gewächsen und Weidevieh, welche sie allesammt, durch den göttlichen Willen dazu befähigt, auf einmal hervorbrachte. Und voll war die Erde von den Jahrzeitfrüchten, indem sie zugleich mit den Blüthen die Früchte trieb, voll waren die Wiesen von Allem, was auf den Wiesen wächst, und alle Riffe und Höhen, und alles Flach- und Hügelland und alle Thalgründe waren mit frisch grünendem Grase und der bunten Pracht der Bäume geschmückt, die soeben aus der Erde sich erhoben, schnell aber zur vollendeten Schönheit emporwuchsen. Lustig aber war Alles, natürlich, und umhersprang das auf Geheiß Gottes zum Leben gelangte Gethier, heerden- und artenweise in den Gebüschen geborgen, von den Liedern aber der Singvögel ertönte allenthalben jeglicher Strauch und Schattenbusch. Der Anblick des Meeres dann war natürlich ein anderer von der Art, indem es sich soeben in den Sammlungen der Höhlen zur Ruhe und Stille niederließ, längs welchem Buchten und Häfen, durch göttlichen Willen von selbst in die Ufer eingehöhlt, das Meer mit dem Festland befreundeten; und die sanften Bewegungen der Wogen wetteiferten mit der Schönheit der Wiesen, indem sie unter leichten und spielenden Lüften auf der oberen Fläche zierlich sich kräuselten — und der gesammte Reichthum der Schöpfung zu Land und zu Wasser war fertig, aber der Nutznießer war nicht.

1: Gen. 2, 4.
2: Ὑπερβολή, [Hyperbolē] beide überbieten einander, der eine Theil durch beharrliche Ruhe, wovon der andere Nichts hat, der zweite aber durch rastlose Bewegung, die dem ersten völlig fremd ist.
3: Gen. 1, 1.

 

 

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Gregor Emmenegger