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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Neunte Homilie über die Buße und über die, welche in den Versammlungen fehlten, sowie vom heiligen Abendmahle und dem Gerichte.

[S. 485] Gleichwie es Denjenigen, die säen, Nichts nützt, wenn sie den Samen neben den Weg hinstreuen, so nützt es auch uns Nichts, Christen zu heissen, wenn wir nicht auch die Werke üben, die unserm Namen entsprechen. Wenn ihr wollt, werde ich Euch als glaubwürdigen Zeugen den Bruder des Herrn, Jakobus, anführen; er sagt: „Der Glaube ohne die Werke ist todt.“1 „Überall also müssen Werke geübt werden; denn fehlt diese Übung, so kann uns auch der Christenname Nichts nützen. Verwundere dich darüber nicht! Denn, sage mir, was nützt es wohl einem Krieger, der sich im Heere befindet, wenn er sich des Kriegsdienstes unwürdig zeigt und nicht kämpft für den König, von dem er ernährt wird? Es wäre wohl besser, daß er sich nicht unter dem Heere befände (wenn dieses Wort auch hart klingt), als daß er Soldat ist und sich um die Ehre des Königs nicht kümmert. Denn wie sollte der nicht Strafe verdienen, der den Sold vom Könige nimmt, aber für den König nimmermehr streitet? Doch was sage ich: für den König? Möchten wir nur für unsere eigene Seele besorgt sein! Und wie ist es mir möglich, heißt es, in der Welt und mitten in den Geschäften gerettet zu werden? Was sagst du, o Mensch? Willst du, daß ich in Kürze dir zeige, daß nicht der Ort, sondern der Wandel und Wille es ist, der Rettung gewährt? Adam hat im Paradiese wie in einem Hafen Schiffbruch gelitten;2 Loth aber wurde in Sodoma wie mitten im Meere gerettet;“3 Job wurde auf dem Misthaufen für gerecht erklärt4 Saul aber, im Besitze solcher Schätze, verlor seine gegenwärtige und künftige Herrschaft.5 Das ist keine Entschuldigung, zu sagen: Ich kann in der Welt und mitten in den Geschäften das Heil nicht erlangen. Woher aber kömmt Das? Weil ihr [S. 486] theils bei den Gebeten, theils bei den heiligen Versammlungen nicht fleissig erscheint. Sehet ihr nicht, wie Diejenigen, welche von einem irdischen Könige Würden zu erlangen bestrebt sind, sich abmühen, wie sie selbst Andere um ihre Fürsprache drängen, um das angestrebte Ziel zu erreichen? Das sei zu Denen gesagt, welche die heiligen Versammlungen verlassen, und zu Denen, welche die Zeit des schauer- und geheimnißvollen Tisches mit unnützem und thörichtem Geschwätze zubringen. Was thust du, o Mensch? Hast du nicht dem Priester, als er sprach: „Erheben wir unser Gemüth und die Herzen,“ geantwortet: „Wir richten sie zum Herrn“? Fürchtest du dich nicht, schämest du dich nicht, eben in dieser schrecklichen Stunde als Lügner erfunden zu werden? O Wunder! Der geheimnißvolle Tisch ist bereitet, das Lamm Gottes wird für dich geopfert, der Priester bemüht sich für dich, das geistige Feuer bricht aus dem unentweihten Altare hervor, die Cherubim sind zugegen, die Seraphim eilen herbei, die mit sechs Flügeln versehenen Geister verhüllen das Antlitz, alle geistigen Mächte bitten mit dem Priester für dich, das geistige Feuer steigt (vom Himmel) herab, das Blut im Kelche stießt zu deiner Reinigung aus der unbefleckten Seite: und du fürchtest dich nicht, erröthest nicht, eben in dieser furchtbaren Stunde als Lügner erfunden zu werden? Die Woche hat hundertachtundsechzig Stunden, und nur eine einzige hat der Herr sich selbst vorbehalten, und diese verschwendest du auf irdische Geschäfte, zu lächerlichen und gewöhnlichen Dingen? Mit welchem Zutrauen wirst du dich dann den Geheimnissen nahen? Mit welch’ unreinem Gewissen? Hättest du schmutzige Hände, würdest du es wagen, den Saum eines irdischen Königs zu berühren? Nimmermehr! Schaue das (was vor dir ist) nicht als Brod an und wähne nicht, daß es Wein sei; denn diese Speise geht nicht, wie die andern, den gewöhnlichen Gang; das sei ferne, denke Das nicht; sondern wie das Wachs am Feuer an seiner Substanz Nichts verliert und Nichts gewinnt, so denke, daß in gleicher Weise die Geheimnisse durch [S. 487] die Substanz (unseres) Leibes verzehrt werden.6 Deßhalb sollt ihr auch, wenn ihr daher kommt, nicht wähnen, wie von einem Menschen den göttlichen Leib zu empfangen, sondern wie eine glühende Kohle von der Zange eines Seraphim selbst, wie Isaias es sah; und das heilige Blut sollen wir trinken, als berührten wir mit unseren Lippen die göttliche und unentweihte Seite. Darum, ihr Brüder, wollen wir die Kirchen nicht meiden und uns in denselben nicht wieder mit leerem Geschwätze abgeben. Furchtsam und zitternd wollen wir hier stehen, den Blick zu Boden gesenkt, die Seele aber nach oben gerichtet; lautlos wollen wir seufzen; im Herzen wollen wir jubeln. Sehet ihr nicht Diejenigen, die um einen sinnlichen, sterblichen, vergänglichen, irdischen König [S. 488] herumstehen? Wie unbeweglich, wie lautlos, wie steif sie sind! Wie sie ihre Augen nicht umher schweifen lassen, sondern wie traurig, wie demüthig, wie furchtsam sie dastehen? Von diesen, o Mensch, nimm dir eine Lehre; und ich ermuntere euch, Gott Euch so vorzustellen, wie ihr thun würdet beim Eintritt zu einem irdischen König; mit noch weit grösserer Furcht muß man vor dem himmlischen König erscheinen. Dieses sag’ ich euch oft und ich werde nicht aufhören, bis ich an euch Besserung sehe. Wenn wir aber in die Kirche gehen, so laßt uns eintreten, wie es sich vor Gott ziemt, nicht mit Gedanken an erlittenes Unrecht im Herzen, damit wir beim Gebete nicht gegen uns selbst beten, wenn wir beten: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“7 Denn das ist ein furchtbares Wort und beinahe so viel, als wenn Jemand, der Gott anruft, sagte: „Ich habe vergeben, o Herr, vergib auch du; ich habe (die Schuld) erlassen, erlasse (sie) auch du; ich habe verziehen, verzeihe auch du: Wenn ich (einem Andern) die Schuld behalte, so behalte auch du (die meinige); wenn ich dem Nächsten nicht vergeben habe, so vergib auch du meine Sünden nicht; mit welchem Maaße ich gemessen habe, miß auch du mir!“ Da wir nun Dieses wissen, so wollen wir an jenen schrecklichen Tag uns erinnern und jenes Feuer und jene furchtbaren Strafen bedenken und uns in Zukunft von dem Wege des Verderbens abwenden. Denn es wird die Stunde kommen, wo der Schauplatz dieser Welt verschwindet, und dann ist es mit dem Kampfe vorüber; nach dem Ablauf des Lebens ist das Wirken vorbei; nach der Entfernung von diesem Schauplatze kann man keine Krone verdienen. Hier ist die Zeit der Buße, dort die des Gerichtes; hier die Zeit der Kämpfe, dort die der Kronen; hier die Zeit der Arbeit, dort die der Ruhe; hier die der Leiden, dort die der Vergeltung. Erwachet, ich ermuntere euch, erwachet! Hören wir bereitwillig an, was ich sage. Haben wir dem Fleische gelebt, so [S. 489] laßt uns fortan dem Geiste leben; haben wir den Lüsten gelebt, so laßt uns fortan den Tugenden leben; haben wir ohne Sorge (um unsere Rettung) gelebt, so wollen wir jetzt bußfertig leben. „Was erhebt sich doch Staub und Asche?“8 Was blähest du dich auf, o Mensch? Was erhebst du dich selbst? Was hoffest du von der Ehre der Welt und dem Reichthum? Gehen wir hinaus auf die Gräber, ich bitte Euch, und betrachten wir die dortigen Geheimnisse! Schauen wir die Natur in ihren Trümmern, die zernagten Gebeine die vermoderten Leiber! Wenn du weise bist, so schaue hieher; wenn du klug bist, so sage mir, wer dort der König, wer der Gemeine, wer dort der Herr, und wer der Sklave, wer der Gebildete, und wer der Ungebildete sei? Wo ist dort die Schönheit der Jugend? Wo der Liebreiz des Antlitzes? Wo sind die glanzvollen Augen? Wo ist die wohlgestaltete Nase? Wo sind die feurigen Lippen? Wo ist die Schönheit der Wangen? Wo die strahlende Stirne? Ist nicht Alles Staub? Nicht Alles Moder? Nicht Alles Asche? Nicht Alles Fäulniß und Gestank? Dieß bedenkend, ihr Brüder, und des jüngsten Tages uns erinnernd, wollen wir, so lange wir Zeit haben, vom verderblichen Wege uns abwenden. „Wir sind mit einem kostbaren Blute erkauft.“9 Deßwegen erschien Gott auf Erden; deinetwegen, o Mensch, erschien Gott auf Erden und „hat nicht, wohin er sein Haupt lege.“10 O Wunder! Um der Schuldigen willen erscheint der Richter vor dem Gerichte; das Leben verkostet den Tod; der Schöpfer wird vom Geschöpfe geschlagen; Der, vor dem die Seraphim ihr Antlitz verhüllen, wird von einem Knecht angespien; er verkostet Essig und Galle; er wird mit einer Lanze durchstochen in’s Grab gelegt, und du, o Mensch, bist so sorglos und schläfst und verachtest den Herrn! Weißt du nicht, daß du, wenn du für ihn auch dein eigenes Blut vergießest, deine Schuld doch nicht bezahlest? Denn das Blut des Herrn ist etwas An- [S. 490] deres, als das des Knechtes. Komme also dem Scheiden der Seele durch die Buße und Bekehrung zuvor, damit, wenn der Tod kommt, nicht alle Wege der Buße umsonst sei; denn die Buße hilft nur auf Erden: in der Hölle ist das nicht mehr der Fall. „Suchen wir den Herrn, so lange wir Zeit haben.“11 Thuen wir Gutes, damit wir sowohl von der ewigen Hölle frei bleiben, als auch den Himmel verdienen durch die Gnade und Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus, dem der Ruhm und die Herrschaft gebührt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

1: Jak. 2, 17.
2: Gen. 3.
3: Ebend. 19.
4: Job 2.
5: I. Kön. 18.
6: Der Heilige will seine Behauptung: „οὐ γὰρ ὡς αἱ λοιπαὶ βρώσεις εἰς ἀφεδρῶνα χωρεῖ“ durch einen Vergleich erläutern, wobei die Substanz des Wachses, wenn es an’s Feuer kommt (προσομιλήσας πυρί), der Substanz unseres Leibes bei der Berührung mit den heiligen Geheimnissen (μυστήρια προσομιλήσαντα τῇ τοῦ σώματος οὐσίᾳ) gegenübersteht: das Wesen des Wachses bleibt; ebenso das unseres Leibes; es nimmt von den Mysterien Nichts herüber und gibt Nichts davon ab. — Wollte man aber das προσομιλήσας nicht herabziehen und „τῇ τοῦ σώματος οὐσίᾳ“ mit „subtantia“ (durch die Substanz übersetzen, und unter μυστήρια die Brod- und Weinsgestalten verstehen, so würde der Vergleich also lauten: Wie Wachs am Feuer seiner Substanz nach weder einer Zunahme noch Abnahme unterworfen ist, obwohl seine äussere Existenzweise durch das Feuer verändert wird, ebenso werden nur die μυστήρια, die Brod- und Weingestalten, unbeschadet des Leibes und Blutes Christi, durch die Substanz des (unseres) Leibes consumirt. Der Vergleich bestände dann zwischen dem Feuer, der Substanz des Wachses und dessen Accidenzen einerseits, und der menschlichen Natur (oder besser Verdauungskraft des Magens), dem Leibe und Blute Christi und deren Accidenzen andererseits.
7: Matth. 6, 12.
8: Eccli. 10, 9.
9: I. Petr. 1, 19.
10: Luk. 9, 58.
11: Is. 55, 6.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger