Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Achte Homilie über die Buße.

4.

Um aber im Verlaufe der Rede das Thema nicht zu vergessen, wohlan, so will ich euch zeigen, was ich versprochen. Was habe ich aber versprochen? Daß, wenn Jemand auch unzählige Wunder an sich hat, aber Buße thut und die Tugend übt, Gott dieselben so wegtilgt, daß sich keine Narbe, keine Spur, kein Mal der frühern Sünden mehr zeigt. Das hab’ ich versprochen; das will ich zu beweisen suchen. „Höre, o Himmel, und vernimm es, o Erde, weil der Herr gesprochen hat.“1 Sage mir, was hat er gesprochen? „Ich habe Söhne gezeugt und sie erhöht; sie aber haben mich verachtet. Der Ochs kennt seinen Eigenthümer,“ — sie sind unvernünftiger als die vernunftlosen Thiere — „und der Esel (kennt) die Krippe seines Herrn“ — sie sind eselhafter als Esel. — „Israel aber kennt mich nicht, und das Volk versteht es nicht. Wehe dem sündigen Volke!“ Warum, sagt man, ist denn keine Hoffnung der Rettung? Sage mir, warum sprichst du denn: Wehe? Weil ich kein Heilmittel finde. Warum sprichst du denn: Wehe? Wenn ich Mittel anwandle, und die eiternde Wunde nicht weicht! Deßhalb wende ich mich ab. Was habe ich ferner zu thun? Ich werde mich um die Heilung nicht mehr bemühen. „Wehe!“ Er ahmt eine [S. 479] weinende Frau nach; und der thut wohl daran. Ich bitte, merkt mir nun fleissig auf. „Wehe!“ Warum? Weil dasselbe auch gewöhnlich bei Körpern geschieht. Denn wenn der Arzt sieht, daß der Kranke keine Hoffnung der Besserung habe, so weint er, und die Hausgenossen und Verwandten jammern und stöhnen, aber umsonst und vergebens. Denn einen Sterbenden, der in den letzten Zügen liegt, stellt die ganze Welt, selbst wenn sie weint, nimmer her. Es taugt also die Thräne als ein Zeichen der Trauer, nicht aber als Mittel der Rettung. Bei der Seele aber ist das nicht der Fall, sondern wenn du weinest, erweckest du oft den, welcher der Seele nach todt ist. Warum? Weil ein todter Leib durch menschliche Kraft nicht auferweckt wird, eine todte Seele aber durch die Bekehrung erweckt wird. Schau’ einen Unzüchtigen an und weine, und oft erweckst du ihn. Darum hat auch Paulus nicht nur geschrieben und ermahnt, sondern auch unter Thränen und Weinen jeden Einzelnen ermuntert. Sei es, daß du ermahnst; warum weinest du? Damit, wenn die Ermahnung nicht stark genug ist, die Thränen sie unterstützen. So weint auch der Prophet. Unser Herr sprach, als er den Untergang Jerusalems schaute: „Jerusalem, das du die Propheten tödtest und diejenigen steinigest, die zu dir geschickt werden.“ Er richtet seine Rede an die schon gefallene Stadt und ahmt einen Weinenden nach. Und der Prophet: „Wehe dir, sündiges Volk, wehe dir, mit Missethaten belastetes Volk.“2 Der Körper hat nichts Gesundes an sich. Siehst du, wie voll von Geschwüren sie sind? „Boshaftes Geschlecht, lasterhafte Söhne!“ Warum weinst du? sag’ es mir! „Ihr habt den Herrn verlassen und den Heiligen Israels zum Zorn gereizt.“ Wohin soll man euch noch schlagen? „Womit soll ich euch noch schlagen?“3 Mit Hunger oder mit Pest? Jegliche Strafe ist über euch gekommen, und euere Bosheit wurde nicht überwunden. „Ihr habt Sünde auf Sünde gehäuft; das ganze Haupt ist krank, [S. 480] und das ganze Herz betrübt; es ist darin nicht eine Wunde, nicht eine Beule.“4 Das ist sonderbar. Kurz vorher hast du gesagt: „Ein boshaftes Geschlecht, lasterhafte Söhne, ihr habt den Herrn verlassen und den Heiligen Israels zum Zorn gereizt;“ und „Wehe dir, sündiges Volk?“ Du weinest, trauerst und klagst und zählest die Wunden und sprichst dann umgekehrt: „Keine Wunde, keine Beule.“ Merke auf. Eine Verletzung ist da, wann Ein Theil des Körpers gesund, der andere Theil des Leibes ohne Gefühl ist. Hier aber sagt er, daß der ganze Leib Eine Wunde bilde. „Keine Wunde, keine Beule, keine Geschwulst,“ sondern von den Füßen bis zum Scheitel kann man keinen Umschlag, kein Oel, keinen Verband anbringen. „Euer Land ist eine Wüste, euere Städte sind mit Feuer verbrannt, euer Gebiet verzehren Fremdlinge.“5 Das alles hab’ ich gethan, und ihr seid nicht zur Besinnung gekommen; alle Mittel der Kunst hab’ ich angewendet, der Kranke aber bleibt todt. „Kommet, höret des Herrn Wort, ihr Fürsten von Sodoma und Gomorrha. Was soll mir die Menge euerer Opfer?“6 Was ist denn das? Er redet die Bewohner von Sodoma an? Mit nichten, sondern die Juden nennt er Sodomiten; weil sie nämlich deren Sitten nachahmten, so gibt er ihnen auch deren Namen. „Kommet, höret des Herrn Wort, ihr Fürsten von Sodoma und Gomorrha. Was soll mir die Menge euerer Opfer?“ spricht der Herr. „Ich bin satt von den Brandopfern der Widder, und das Fett der Lämmer begehre ich nicht. Wenn ihr mir das feinste Weizenmehl opfert, so ist es vergeblich; das Rauchwerk ist mir ein Greuel; euere Neumonde und die Sabbate haßt meine Seele; das Fasten und den großen Tag ertrage ich nicht; wenn ihr zu mir eure Hände ausstrecket, so werde ich meine Augen von euch abwenden.“7 Gibt es einen gleichen Zorn wie diesen? Der Prophet ruft den Himmel zum Zeugen an, weint, jammert, klagt und spricht: „Es ist [S. 481] keine Wunde, keine Beule daran.“ Gott ist ergrimmt; er nimmt kein Opfer, keinen Neumond, keinen Sabbat, nicht feinstes Weizenmehl, kein Gebet, kein Händeausstrecken mehr an. Siehst du das Geschwür? Siehst du die unheilbare Krankheit, nicht von Einem, nicht von zwei, nicht von zehn, sondern von Tausenden? Was also weiter? „Waschet euch, ihr sollt rein werden.“8 Ist das nicht eine Sünde, bei der man verzweifeln muß? Es ist der nämliche Gott, der da spricht: „Ich höre euch nicht,“ und sagt: „Waschet euch.“ Zu welchem Zwecke sagst du denn das? Wozu? „Beides ist nützlich; Jenes, um zu schrecken, Dieses, um anzuziehen.“ Wenn du auf sie nicht hörst, so haben sie ja keine Hoffnung auf Rettung; wenn sie aber keine Hoffnung auf Rettung haben, warum sagst du: „Waschet euch“? Aber der Vater hat eine zärtliche Liebe; er ist allein gut; er ist mehr als ein Vater bereit, barmherzig zu sein. Und damit du einsehest, daß er ein Vater ist, so sagt er zu ihnen: „Was soll ich thun, Juda?“ Weißt du nicht, was du thun sollst? Ich weiß es, aber ich will nicht: Die Natur der Sünden fordert es; aber die Größe der Barmherzigkeit hält mich zurück. Was soll ich dir thun? Soll ich dich verschonen? Allein du wirst noch lässiger werden. Soll ich mich an dir rächen? Das gestattet meine Barmherzigkeit nicht. Was soll ich dir thun? Soll ich dich wie Sodoma behandeln, oder wie Gomorrha zu Grunde richten? Mein Herz hat sich umgewendet. Er, der von Gefühlen nicht berührt wird, ahmt einen gefühlvollen Menschen nach oder, besser gesagt, eine zärtlich liebende Mutter. Mein Herz hat sich umgewendet, als wenn eine Mutter über ihr Kind sagte: Mein Herz hat sich in mütterlicher Liebe umgewendet. Allein die frühern Worte genügten ihm nicht, sondern: „Ich bin verwirrt in meiner Reue.“ Gott ist verwirrt? Das sei ferne! Die Gottheit kennt keine Verwirrung, sondern Gott ahmt, wie ich gesagt, unsere Redeweise nach. Mein Herz hat sich [S. 482] umgewendet: „Waschet euch, ihr sollt rein werden!“ Was habe ich euch versprochen? Daß Gott die Sünder, und seien sie auch mit unzähligen Freveln belastet und voll von Geschwüren, wenn sie nur Buße thun, aufnimmt und so heilt, daß ihnen keine Spur, keine Narbe, kein Mal der Sünden zurückbleibt. „Waschet euch, ihr sollt rein werden; verbannet eure Bosheiten aus eueren Herzen; lernet Gutes thun!“9 Und was befiehlst du Gutes zu thun? „Schaffet Recht der Waise und Gerechtigkeit der Wittwe.“ Nicht schwer sind die Gebote, sondern Solche, wie sie selbst die Natur kennt: zudem ziemt sich ja Barmherzigkeit gegen ein Weib. „Alsdann kommet, und wir wollen rechten.“ Der Herr sagt: „Thut etwas Weniges, und das Übrige lege ich dazu: gebt mir eine Kleinigkeit, und ich beschere euch das Ganze.“ „Kommet!“ Wohin sollen wir gehen? Zu mir, den ihr herausgefordert, den ihr ergrimmt habt; zu mir, der da sagt: „Ich höre euch nicht,“ damit ihr durch die Drohung erschreckt, meinen Zorn besänftigt. Kommet zu Dem, der nicht hört, damit ich höre. Und was thust du? „Ich lasse keine Spur, ich lasse kein Mal, ich lasse keine Narbe übrig bleiben.“ „Kommet, und wir wollen rechten,“ spricht der Herr und setzt bei: „Und wenn euere Sünden wären wie Purpur, so mache ich sie weiß wie Schnee.“10 Ist da irgendwo eine Narbe? irgendwo eine Runzel, auch nur mit dem Anstrich der Reinigung? „Und wenn sie wären wie Scharlach, so mache ich sie weiß wie Wolle.“ Sind da irgendwo schwarze Flecken? Ist irgend ein Schmutzfleck? Und wie geschieht Das? Sind das neue Verheissungen? Denn der Mund des Herrn hat Dieses gesprochen. Du hast nicht bloß die Größe der Verheissungen, sondern auch die Würde Dessen, der sie gethan hat, gesehen. Denn Gott ist Alles möglich, ihm, der aus einem Unreinen einen Reinen zu machen ver- [S. 483] mag. Nachdem wir also seine Stimme gehört, und das das Heilmittel der Buße kennen gelernt, so wollen wir ihm die Ehre geben, weil ihm Ruhm und Herrschaft gebührt in Ewigkeit.

Amen. [S. 484]

1: Isai. 1, 2—4.
2: Isai. 1, 4.
3: Isai. 2, 5.
4: Isai. 1, 6.
5: Ebend. V. 7.
6: Ebend. VV. 10, 11.
7: Ebend. II. V. 12—15.
8: Ebend. V. 16.
9: Isai. 1, 16. 17.
10: Ebend. 1, 18.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Homilien über die Buße
Bilder Vorlage

Navigation
. Erste Homilie von ...
. Zweite Homilie von ...
. Dritte Homilie. Von ...
. Vierte Homilie über ...
. Fünfte Homilie. Über ...
. Sechste Homilie von ...
. Siebente Homilie über ...
. Achte Homilie über ...
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. Neunte Homilie über ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger