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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Achte Homilie über die Buße.

3.

Und woraus geht das klärlich hervor? Denn für das, was ich sage, muß ich auch die Beweise beibringen, damit die Sache nicht bloß so scheine, sondern aus der Schrift gezeigt werde, und so die untrügliche, volle Gewißheit da sei. Ich führe euch also verwundete Leute vor Augen, ein ganzes Volk, voll von Geschwüren, Eiter und Würmern; Alles ist Wunde, Alles Eiter an ihnen, und dennoch können sie so geheilt werden, daß keine Narbe, keine Spur, kein Mal übrig bleibt; Leute, die nicht Eine, nicht zwei, nicht drei, nicht vier Wunden haben, sondern die vom Kopf bis zu den Füßen ganz Wunde sind. Achte genau auf die Worte; denn diese meine Rede geht Alle an und ist heilsam. Ich bereite eine Arznei, die besser ist als die der Aerzte, die selbst Könige nicht zu bereiten vermögen. Was kann denn ein König? Aus dem Kerker entlassen, aber von der Hölle befreien, das kann er nicht; Gelder austheilen, aber eine Seele reiten, das kann er nicht. Allein ich übergebe euch der Hand der Buße, um ihre Macht zu erproben, um ihre Kraft kennen zu lernen, damit ihr einsehet, daß keine Sünde sie überwinde, daß kein noch so gewaltiger Frevel im Stande sei, ihre Kraft zu bestehen. Ich stelle euch nun vor Augen nicht Einen, nicht zwei, oder drei, sondern viele Tausende, die voll waren von eiternden Wunden, die seufzten unter der Last unzähliger Sünden, und die dennoch durch die Kraft der Buße Rettung erlangten, so daß von den frühern Geschwüren keine Spur, keine Narbe zurückblieb. Allein merket genau auf die Rede; aber merket nicht bloß auf das, was ich da sage, sondern prägt es auch euerem Gedächtnisse ein, um auch die Abwesenden belehren zu können und so diejenigen, welche aus dieser Rede keinen Nutzen gezogen, im Eifer zu fördern. Es erscheine nun Isaias, der seraphische Seher, der jenes geheimnißvolle Lied vernommen, der so Unendliches von Christus vorausgesagt hat. Untersuchen wir, was er da sagt: „Das Gesicht, welches Isaias geschaut gegen Judäa und gegen Jerusalem.“1 Nenne das Gesicht, das du ge- [S. 476] schaut hast! „Höre, o Himmel, und vernimm es, o Erde, weil der Herr gesprochen hat.“2 Etwas Anderes verheissest du, etwas Anderes sagst du. „Was habe ich denn Anderes verheissen?“ Am Anfange sagst du: „Das Gesicht gegen Judäa und gegen Jerusalem;“ nun lässest du Judäa und Jerusalem fahren, sprichst den Himmel an und richtest dein Wort an die Erde; du lässest die vernünftigen Menschen bei Seite und redest mit den vernunftlosen Elementen? „Weil die vernünftigen Menschen unvernünftiger wurden, als die vernunftlosen Wesen.“ Aber nicht bloß darum allein, sondern weil sie, als Moses sie in das Land der Verheissung einzuführen gedachte und die Zukunft voraussah, das Dargebotene ausschlagen würden. „Höre, o Himmel,“ sagt er, „und die Erde merke auf die Worte aus meinem Munde.“3 Ich rufe euch Himmel und Erde zu Zeugen an, spricht Moses, daß, wenn ihr eintretet in das Land der Verheissung, und den Herrn euren Gott verlasset, ihr unter alle Völker zerstreut werden sollt. Es kam Isaias; die Drohung sollte erfüllt werden; er konnte sich nicht auf Moses, der todt war, berufen und nicht auf die, die den Moses gehört; sie waren ja todt: er ruft also die Elemente herbei, die sich Moses zu Zeugen genommen. Sehet, ihr Juden, ihr habt die Verheissung verscherzt; sehet, ihr habt euren Gott verlassen. Wie soll ich dich, o Moses, zum Zeugen aufrufen? Du bist ja gestorben, bist todt. Wie soll ich mich auf Aaron berufen? Auch er ist dem Tode verfallen. Du kannst dich also auf keinen Menschen berufen? Rufe die Elemente herbei. Darum habe auch ich, so lange ich lebe, nicht den Aaron, nicht diesen oder jenen zu Zeugen genommen, sie waren ja sterblich, sondern ich führe euch die Elemente, die da bleiben, Himmel und Erde, als solche vor. Isaias spricht also: „Höre, o Himmel, und vernimm es, o Erde!“ Denn Moses befiehlt, euch heute als Zeugen zu rufen. Aber nicht darum allein ruft er die Elemente herbei, sondern deßhalb, weil er die [S. 477] Juden anredet. „Höre, o Himmel!“ Denn du hast das Manna herabregnen lassen. „Höre, o Erde!“ Denn du hast die Wachteln gegeben. „Höre, o Himmel,“ höre; denn du hast das Manna herabregnen lassen; denn du hast übernatürliche Gaben gespendet; du warst in der Höhe und ahmtest die Tenne nach. „Vernimm es, o Erde!“ Denn du warst in der Tiefe und bereitetest ohne Vorbereitung den Tisch. Träg war die Natur, und es wirkte die Gnade. Es arbeiteten keine Ochsen, und die Aehre war fertig; keine Hände der Bäcker, kein Auftrag; allein, das Manna ersetzte Das alles, wie eine geheiligte Ouelle: die Natur vergaß ihrer eigenen Schwäche. Auf welche Weise nützten sich denn ihre Kleider nicht ab? Wie wurde denn ihre Fußbedeckung nicht alt? Das geschah alles, um ihnen zu dienen. „Höre, o Himmel, und vernimm es, o Erde!“ Nach diesen Ermahnungen, nach diesen Wohlthaten wird der Herr schimpflich behandelt. „An wen soll ich mich wenden? An euch? Ich habe keinen Menschen, der hört. Sieh’, ich bin gekommen, und kein Mensch war da; ich habe geredet, und es war kein Zuhörer da.“ Ich spreche nun zu den vernunftlosen Wesen, weil die vernünftigen zur Gemeinheit der vernunftlosen hinabgestürzt sind. Deßhalb schaut ein anderer Prophet einen rasenden König, ein Götzenbild, dem man Ehre erweist, Gott, den man verhöhnt, und alle Andern von Staunen erfaßt, und spricht: „Höre, o Altar, höre mich!“4 Einen Stein redest du an? Ja, weil der König gefühlloser ist als ein Stein. „Höre mich, o Altar, höre! So spricht der Herr.“ Und sogleich barst der Altar, und der Stein hörte; und der Stein zersprang und verschüttete das Opfer. Wie hörte denn der Mensch nicht? „Er streckte seine Hand aus, um nach dem Propheten zu greifen.“ Und was thut Gott ? Er läßt dessen Hand verdorren. Schaue, was er gethan, schaue die Milde des Herrn und die Sünde des Knechtes! Warum ließ er dessen Hand nicht Anfangs verdorren? Damit er [S. 478] durch das Bersten des Steines verständiger würde. Denn wäre der Stein nicht zersprungen, so hätte ich deiner geschont. Nachdem er aber geborsten, und du dich doch nicht bekehrt hast, so übertrage ich den Zorn auf dich. Er streckte die Hand aus, um nach dem Propheten zu greifen, und die Hand verdorrte. Da steht das Siegesdenkmal! Da stehen eine Unzahl Trabanten und Heerführer und Schaaren von Hilfstruppen und sind nicht im Stande, seine Hand in die alte Lage zu bringen; allein die erstarrte Hand predigt laut die Niederlage der Bosheit, den Sieg der Tugend, die Barmherzigkeit Gottes gegen die Menschen und die Thorheit des Königs. „Und sie waren nicht im Stande, sie in die alte Lage zu bringen.“

1: Isai. 1, 1.
2: Isai. 1, 2.
3: Deut. 32, 1.
4: III. Kön. 13, 2.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger