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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Achte Homilie über die Buße.

2.

Ferner habe ich über die Nächstenliebe gesprochen. Hast du zugehört, bist du davon gegangen und hast (das Wort) geraubt? Hast du mein Wort nicht durch Thaten bewährt? Schäme dich nicht, wieder in die Kirche zu kommen; schäme dich der Sünden, nicht aber der Reue. Merke auf [S. 472] das, was dir der Teufel gethan. Sünde und Buße sind zwei verschiedene Dinge: die Sünde ist eine Wunde, die Buße ein Heilmittel. Denn so wie es am Körper Wunden und Heilmittel gibt, so in der Seele Sünden und Buße; allein die Sünde verursachet Scham, die Buße erwecket Vertrauen. Gib mir nun, ich bitte, recht fleissig Acht, damit du nicht die Ordnung verwirrest und den Nutzen einbüßest. Es ist da Wunde und Heilmittel, Sünde und Buße. In der Wunde befindet sich Eiter, im Heilmittel die Reinigung von demselben; in der Sünde ist Fäulniß, in der Sünde Schmach, in der Sünde Verachtung; in der Buße liegt Vertrauen, in der Buße Freiheit, in der Buße Reinigung von der Sünde. Merke fleissig auf. Auf die Sünde folgt Beschämung, auf die Buße Vertrauen. Merkst du, was ich sage? Der Teufel verkehrte die Ordnung und gab das Vertrauen der Sünde, der Buße die Scham. Ich werde bis zum Abend nicht aufhören, ehe ich dieses erklärt habe; ich muß mein Versprechen erfüllen; ich kann es unmöglich unterlassen. Es ist da Wunde und Heilmittel; die Wunde hat den Eiter in sich, das Heilmittel bewirkt die Reinigung davon. Ist denn im Heilmittel Eiter? Liegt denn in der Wunde das Mittel? Hat nicht dieses seine eigene Bestimmung, wie jenes? Kann dieses in jenes, oder jenes in dieses sich wandeln? Keineswegs. Kommen wir nun auf die sündenbeladene Seele. In der Sünde liegt die Beschämung, in der Sünde die Schande; ihr Loos ist Entehrung. Die Buße vertraut, die Buße fastet, die Buße erlangt die Gerechtigkeit, denn: „Bekenne du zuerst deine Missethaten, auf daß du gerechtfertigt werdest,“1 und „der Gerechte ist im Beginne der Rede sein eigener Ankläger.“2 Weil nun der Teufel weiß, daß auf die Sünde die Scham folgt, ein Mittel, das den Sünder wirksam zu schrecken vermag, in der Buße aber die Zuversicht liege, ein Mittel, das den Büßer zu gewinnen im Stand’ ist; so hat er die Ordnung verkehrt und der Buße die Scham, der [S. 473] Sünde das Vertrauen gegeben. Woraus ist das klar? Ich will es sagen. Da läßt sich Einer von heftiger Leidenschaft zu einer öffentlichen Buhlerin fangen; er folgt der Dirne wie ein Gefangener; er betritt ihr Gemach; ohne sich zu schämen, ohne zu erröthen vereinigt er sich mit der Hure und begeht die Sünde; nirgends zeigt er Beschämung, nirgends Erröthen! nachdem er die Sünde vollbracht, tritt er heraus und schämt sich — Buße zu thun. Elender! Als du mit der Buhlerin zusammenkamst, da schämtest du dich nicht; aber jetzt, wo du Buße thun sollst, da schämest du dich? Er schämt sich, es zu bekennen.3 Wie? Sage mir: Warum hat er sich nicht geschämt, als er mit der Hure die Sünde beging? Die Schandthat vollbringt er und schämet sich nicht; sie zu bekennen, erröthet er. Diese Verkehrtheit stammt aber vom Teufel. Bei der Sünde benimmt er ihm die Scham, läßt aber die Sache unter das Volk kommen; denn er weiß, daß jener, wenn er sich schämte, die Sünde fliehen würde; bei der Buße bewirkt er, daß jener sich schäme; denn er weiß, daß er aus Scham nicht Buße thun werde. Er stiftet also doppeltes Unheil; er verleitet zur Sünde und hindert die Buße. Warum schämst du dich denn? Als du mit der Buhlerin sündigtest, schämtest du dich nicht: da du das Heilmittel anwenden sollst, kömmt dir die Scham. Damals hättest du dich schämen, damals erröthen sollen, als du die Sünde begingst; jetzt, da du gerechtfertigt wirst, schämest du dich? „Bekenne du zuerst deine Missethaten, damit du gerechtfertigt werdest.“4 Es heißt nicht: „Damit du nicht gestraft werdest,“ sondern: „damit du gerechtfertigt werdest.“ Genügt es für ihn nicht, daß du ihn nicht bestrafst? Machst du ihn noch zu einem Gerechten? Allerdings. Aber merke flüssig auf meine Rede. „Ich mache aus ihm einen Gerechten.“ Und wo hat er dieses gethan? Am Missethäter, und zwar, weil er zu seinem Genossen das [S. 474] einzige Wort sprach: „Auch du fürchtest Gott nicht; und wir (leiden) mit Recht: denn nur empfangen den verdienten Lobn für unsere Thaten.“5 Der Heiland spricht zu ihm: „Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.“6 Er sagt nicht: „Ich erlasse dir Strafe und Züchtigung;“ sondern er führt ihn gerechtfertigt in’s Paradies. Siehst du, wie er durch das Bekenntniß gerechtfertigt worden? Gott ist höchst barmherzig: er hat des Sohnes nicht geschont, um den Knecht zu verschonen; er hat den Eingebornen hingegeben, um undankbare Knechte zu erkaufen; er hat das Blut seines Sohnes als Preis hinterlegt. O Güte des Herrn! Und wende mir nicht wieder ein: „Ich habe viel gesündigt; wie werde ich gerettet werden können?“ Du kannst es nicht, dein Herr kann es, und zwar so, daß er die Sünden vertilgt. Gib genau Acht auf die Rede. Er tilgt die Sünden so aus, daß nicht einmal eine Spur von ihnen zurückbleibt. Beim Leibe geschieht nicht dasselbe; denn wenn auch der Arzt sich tausendmal abmüht und die Wunde mit Salben belegt, so beseitigt er zwar die Wunde, allein es bleibt dem, der etwa einen Schlag in’s Gesicht erhalten, auch wenn die Wunde geheilt ist, oft die Narbe zurück, und er trägt als Beweis der Verwundung die Entstellung des Gesichtes herum. Der Arzt strebt auf die verschiedenste Weise auch die Narbe zu bannen, allein er vermag’s nicht; denn es widersteht ihm die schwache Natur, die unzulängliche Kunst und die geringe Arznei. Gott aber läßt, wenn er die Sünden austilgt, keine Narbe zurück, auch nicht eine Spur, sondern mit der Gesundheit spendet er auch noch die Schönheit, mit dem Nachlaß der Strafe gibt er auch die Gerechtigkeit und stellt den Sünder dem gleich, der nicht gesündigt hat. Denn er vertilgt die Sünde und bewirkt, daß sie nicht mehr ist, und als wäre sie nicht begangen worden; so gänzlich tilgt er sie aus. Es bleibt keine Narbe, keine Spur, kein Beweis, kein Mal davon übrig. [S. 475]

1: Isai. 43, 25. 26.
2: Sprüchw. 18, 17.
3: Wir ergänzen aus der Note: αἰσχύνεται εἰπεῖν.
4: Isai. 43, 25. 26.
5: Luk. 23, 40. 41.
6: Ebend. V. 43.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger