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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Achte Homilie über die Buße.

1.

Wenn ich auch gestern von euch ferne sein mußte, so geschah es wider Willen, aus Nothwendigkeit; mein Körper war ferne, nicht aber der Geist; mit dem Leib war ich ferne, nicht mit der Herzensgesinnung. Denn ich umfaßte euch alle, so viel ich vermochte, und trug euch im Herzen. Nachdem ich die vorübergehende Krankheit bestanden, bemühe ich mich voll Eifer von Neuem, ihr Brüder, euer Antlitz zu schauen; denn obgleich ich noch die Nachwehen der Krankheit verspüre, so eile ich doch in euere Liebesversammlung; denn die Kranken suchen nach ihrer Krankheit Bäder und Badeanstalten auf; ich aber halte es für zweckdienlich, euer ersehntes Antlitz zu schauen und euere geziemende Sehnsucht mich anzuhören zu stillen, dieses gewaltige Meer, welches rein und nicht von Wogen aufgewühlt ist. Ich komme, um eueren gereinigten Acker zu sehen. Denn wo ist wohl ein ähnlicher Hafen, wie es die Kirche ist? Welcher Garten ist wohl eurer Versammlung vergleichbar? Hier ist keine verführerische Schlange, sondern Christus, der in die Geheimnisse einführt; hier ist keine überlistende Eva, sondern die Kirche, die zur Tugend anleitet; hier sind nicht Baumblätter, sondern Früchte des Geistes; hier ist kein Dornengehege, sondern fruchtbarer Weinberg. Denn wenn ich einen Dornstrauch finde, so verwandle ich ihn in einen Ölbaum; denn hier kömmt nicht die Armuth der Natur in Betracht, sondern es wird die Freiheit des Willens geehrt: Finde ich einen Wolf, so mache ich ein Lamm daraus, nicht dadurch, daß ich seine Natur umwandle, sondern daß ich seine Gesinnung umkehre. Deßhalb dürfte der nicht geirrt haben, der da gesagt hat, die Kirche übertreffe die Arche.1 Denn [S. 469] die Arche nahm die Thiere auf und beschützte die Thiere; die Kirche aber nimmt die Thiere auf und wandelt sie um. Ich gebe ein Beispiel. Dort kam ein Habicht hinein und kam als Habicht heraus; es kam ein Wolf hinein und kam als Wolf heraus; hier aber kömmt ein Habicht hinein und kömmt als Taube heraus; es geht ein Wolf hinein und kömmt als Schaf zurück; es kömmt eine Schlange hinein und kehrt als Lamm zurück — nicht dadurch, daß die Natur sich ändert, sondern dadurch, daß die Bosheit verschwindet. Deßhalb rede ich fortwährend über die Buße. Denn die Buße, die dem Sünder beschwerlich und furchtbar erscheint, heilt die Gebrechen, sühnet die Frevel, vergießt Thränen, vertrauet auf Gott, ist eine Waffenrüstung gegen den Teufel, ein Schwert, das ihm den Kopf abschlägt, sie ist die Hoffnung des Heils und verscheucht die Verzweiflung. Sie öffnet den Himmel, sie führt in’s Paradies, sie überwindet den Teufel (und eben deßhalb rede ich so oft über die Buße); denn sie erweckt das Vertrauen, daß er besiegt werden könne. Bist du ein Sünder? Verzweifle nicht. Ich höre nicht auf, euch mit diesem Heilmittel zu salben; denn ich weiß, welch’ gewaltige Waffe gegen den Teufel es ist, daß ihr nicht verzweifelt. Bist du in Sünden, so verzweifle nicht. Das ist meine beständige Rede; und wenn du auch täglich sündigst, so bereue auch täglich. Und was wir bei alten Häusern thun, wenn sie baufällig werden, indem wir nämlich das Schadhafte wegnehmen. Neues einfügen und es nirgends an unserer Sorgfalt ermangeln lassen: dasselbe wollen wir auch an uns selber vornehmen. Stehst du heute in veralteten Sünden, so erneuere dich selbst durch die Buße. Ja kann ich, sagst du, durch die Buße Rettung erlangen? Vollkommen kannst du es. Ich habe das ganze Leben in Sünden vollbracht, werde ich gerettet, wenn ich mich der Buße zuwende? Allerdings. Woraus wird das klar? Aus der Güte deines Herrn gegen die Menschen. Darf ich mich denn auf deine Buße verlassen? Genügt deine Buße, so viele Sünden zu tilgen? Ja, wäre es die Buße allein, so müßtest du begreiflicher Weise dich fürchten; wenn aber zu deiner [S. 470] Buße die Barmherzigkeit Gottes hinzutritt, dann fasse Muth; denn die Menschenfreundlichkeit Gottes ist maaßlos, und seine Güte läßt sich durch Worte gar nicht ausdrücken. Denn deine Bosheit hat ihr Maaß, das Mittel dagegen aber keines; deine Bosheit, von welcher Art immer sie sei, ist eine menschliche Bosheit; unaussprechlich aber ist die Barmherzigkeit Gottes gegen die Menschen; vertraue, daß sie deine Bosheit besiege. Stelle dir vor, ein Funken falle in’s Meer; kann er sich dort wohl halten und leuchten? Wie groß ein Funke im Vergleiche zum Meer ist, so groß ist deine Bosheit im Vergleiche mit der Barmherzigkeit Gottes, oder besser gesagt: die Barmherzigkeit ist nicht nur so groß, sondern noch um Vieles größer; denn das Meer, so groß es auch ist, hat eine Grenze, die Barmherzigkeit Gottes aber kennt keine Grenze. Ich sage das nicht, um euch kecker zu machen, sondern um euren Eifer zu fördern. Ich bade oft die Ermahnung gegeben, nicht in’s Theater zu gehen. Du hast sie gehört, aber nicht befolgt; du bist in’s Schauspiel gegangen und gegen meine Ermahnung ungehorsam gewesen; schäme dich nicht, wieder hieher zu kommen und wieder zu hören. „Ich habe die Ermahnung gehört und sie nicht befolgt; wie kann ich da wieder herkommen?“ Wenigstens weißt du gerade das, daß du sie nicht befolgt hast; wenigstens schämst du dich; wenigstens erröthest du; wenigstens trägst du, ohne daß dir Jemand darüber Vorwürfe macht, den Zügel, wenigstens hat meine Rede in dir Wurzel gefaßt, und meine Lehre reiniget dich, ohne daß ich dabei bin. Du hast sie nicht befolgt: hast du dich verurtheilt? Du hast sie zur Hälfte befolgt, wenn du sie auch nicht befolgt hast, sondern nur sagst: „Ich habe sie nicht befolgt;“ denn wer sich selbst verurtheilt durch das Geständniß, daß er sie nicht befolgt habe, beeilt sich eben dadurch, sie zu befolgen. Bist du bei Schauspielen gewesen? Hast du gefrevelt? Bist du ein Sklave einer Buhlerin geworden? Hast du das Theater verlassen? Hast du dich wieder (an die Ermahnung) erinnert? Hast du dich geschämt? Komme nur her. Empfindest du Reue? Flehe zu Gott, und du bist der Besserung nahe. „Wehe mir, ich [S. 471] habe (die Ermahnung) gehört und sie nicht befolgt. Wie soll ich wieder in die Kirche gehen? Wie sie wieder anhören?“ Um so mehr komme daher, nachdem du sie nicht befolgt hast, damit du sie neuerdings hörest und darnach handelst. Wenn dir der Arzt ein Heilmittel reicht, und dir es nicht hilft, wird er nicht an einem folgenden Tage dasselbe wieder anwenden? Da ist ein Holzhauer; er will eine Eiche fällen: er nimmt die Axt und haut auf die Wurzel. Wenn er nur einen Streich führt, und der unfruchtbare Baum dadurch nicht stürzt, thut er da nicht den andern, den vierten, den fünften, oder auch den zehnten Streich? So mach’ es auch da. Die Buhlerin ist die Eiche, ein unfruchtbarer Baum, der Eicheln trägt zum Futter für unvernünftige Schweine. Seit langer Zeit hat sie in deinem Herzen Wurzel gefaßt und dein Gewissen hinabgeschleudert in den Umkreis der Bäume. Mein Wort ist die Axt. Du hast es einmal gehört. Wie wird die in so langer Zeit eingewurzelte Eiche an Einem Tag fallen? Denn wenn es in zwei, wenn es in drei, wenn es in hundert, ja wenn es in taufend Streichen gelingt, so ist das nicht zu verwundern; rotte nur Eine schlimme und eingewurzelte That, nur Eine böse Gewohnheit aus! Die Juden aßen das Manna und sehnten sich nach den Zwiebeln Aegyptens. „In Aegypten lebten wir gut;2 so ist auch die Gewohnheit eine schändliche und gar schlimme Sache. Denn wenn du auch durch zehn, wenn du durch zwanzig, wenn du durch dreissig Tage tugendhaft bist, so liebe ich dich nicht, weiß dir keinen Dank, umarme dich nicht; nur lasse den Muth nicht sinken, sondern schäme dich und verdamme dich selbst!

1: Chrysostomus’ Homilie über das Erdbeben. Gaume, T. I. 783. B.
2: Num. 11, 18.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger