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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Siebente Homilie über die Buße und über die Reue, sowie, daß Gott sich beeilt, unser Heil zu befördern, und zögert, uns zu bestrafen. Dazu eine auffallende Geschichte über die Rahab.

7.

Es ist aber nothwendig, auch nach einem andern Grunde zu sehen, warum Gott gesagt hat, daß der ihm auf Zinsen leihe, der einen Armen beschenkt. Weil er sah, daß [S. 461] unsere Habsucht, wie ich früher bemerkte, nach Bereicherung strebe, und daß Derjenige, der Vermögen besitzt, keineswegs ohne Sicherheit wuchern wolle; denn Der, welcher auf Zinsen ausleiht, fordert entweder eine Hypothek, oder ein Pfand, oder auch einen Bürgen, und nach dieser dreifachen Sicherstellung vertraut er einem sein Geld an, indem er, wie ich eben gesagt, entweder eine Bürgschaft verlangt, oder eine Real-Hypothek, oder ein Pfand. Gott sah nun, daß Niemand ohne diese Sicherheit Geld auf Zinsen ausleihe, Niemand auf Menschenfreundlichkeit schaue, sondern nur den Gewinn im Auge behalte, daß aber von dem Allen der Arme entblößt sei, da er keine Hypothek hat, denn er hat kein Besitzthum, kein Pfand beibringt, denn er hat ja gar Nichts, keinen Bürgen zur Seite hat, denn man glaubt ihm nicht ob seiner Noth. Da nun Gott sah, daß Dieser wegen der Armuth, und auch der Reiche wegen der Herzlosigkeit der Gefahr ausgesetzt sei, so hat er sich selber in’s Mittel gelegt als Bürge für den Bedrängten und als Pfand für den Wucherer. Er sagt: Mißtrauest du Diesem ob seiner Armuth, so traue doch mir ob meines Reichthums. Er sieht den Armen und erbarmt sich seiner; er sieht den Bettler und verachtet ihn nicht, sondern gibt sich selber zum Pfand Dem, der gar Nichts besitzt, und steht dem Elenden bei aus überschwenglicher Güte, von welcher Herablassung der heilige David Zeugniß ablegt mit den Worten: „Er steht zur Rechten des Armen.“1 „Wer sich des Armen erbarmt, leiht Gott auf Zinsen.“2 „Habe Vertrauen,“ sagt er, „du leihest ja mir.“ Und was werde ich denn so Großes gewinnen, wenn ich dir leihe? Wahrlich ist es höchst frevelhaft, von Gott Rechenschaft zu verlangen; jedoch um mich deiner Bosheit anzubequemen und deine Härte durch meine Milde zu erweichen, wollen wir Folgendes gegenseitig erwägen. Wenn du Andern leihst, was gewinnst du? Welchen Zins verlangst du von ihnen? Nicht wahr, ein Procent,3 wenn du den gesetzlichen for- [S. 462] derst? Wenn du aber in unersättlicher Habgier einen grössern forderst, so wirst du als Frucht drei- und vierfache Ungerechtigkeit ernten. Ich aber übertreffe deine Habaier und überwinde deine unersättliche Geldsucht: ich verdunkle deine Maßlosigkeit durch meinen Reichthum. Du forderst ein Procent, ich gebe dir hundert. Du nimmst also, o Herr, Geld auf Zinsen und wirst mein Schuldner von Dem, was ich hier dem Armen verabreiche, um mir dann Das zurückzuerstatten? Ich wünsche ein Übereinkommen und will, daß der Vertrag rechtskräftig werde. Gib mir die Zeit der Zurückstellung an; bestimme den Zahlungstermin. Das ist nun aber höchst überflüssig; „denn der Herr ist treu in allen seinen Worten.“4 Weil es aber bei Dem, der in gutem Glauben Zinsen annimmt, Sitte und Absicht ist, eine Zeit, auszusetzen und die Tage zu bestimmen, so höre, wann und wie dir Derjenige die Schuldigkeit abträgt, dem du durch die Armen auf Zinsen geliehen. „Wann aber der Sohn des Menschen auf dem Thron seiner Herrlichkeit, erscheinen und die Schafe zu seiner Rechten, die Böcke zur Linken hinstellen und zu Denen, die rechts sind, sagen wird“5 — hier merke nun auf, wie gütig der Schuldner gegen den Wucherer ist, auf welche Weise Der, welcher das Anlehen empfangen, es mit großem Danke wieder erstattet: „Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters! Besitzet das Reich, das euch bereitet ist vom Anbeginne der Welt.“ Warum? „Weil ich hungerig gewesen, und ihr mich gespeist habt; weil ich durstig gewesen, und ihr mich getränkt habt; weil ich nackt gewesen, und ihr mich bekleidet habt; weil ich im Kerker gewesen, und ihr zu mir gekommen seid; weil ich krank gewesen, und ihr mich besucht habt; weil ich fremd gewesen, und ihr mich beherberget habt.“ Dann werden Diejenigen, die in der Zeit (ihres Lebens) gute Dienste geleistet, im Hinblick auf ihre eigene Schwäche und auf die Würde des Anlehen-Nehmers ausrufen: „Herr! Wann haben wir dich hungerig gesehen und [S. 463] dich gespeist? Oder durstig und dich getränkt?“ Dich, auf den Aller Augen hoffen, und denen du ihre Nahrung bietest im Überfluß.“6 O der überschwenglichen Güte! Aus Milde verbirgt er seine Würde: „Denn ich bin hungerig gewesen, und ihr habt mich gespeist.“ O der überschwenglichen Güte! O der maßlosen Milde! Er, der allem Fleische Nahrung gibt und seine Hände öffnet und alles Lebendige mit Segen erfüllt,7 spricht: „Ich bin hungerig gewesen, und ihr habt mich gespeist,“ wobei nicht seine Würde beeinträchtigt wird, sondern seine Milde für die Armen als Bürge erscheint. „Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt.“ Wer ist Der, der also spricht? Der den Seen und Flüssen und Quellen die Natur des Wassers gegeben, der durch die Evangelien spricht: „Wer an mich glaubt, aus dessen Leibe werden, wie die Schrift sagt, Ströme lebendigen Wassers fließen;“8 der gesagt hat: „Wenn Jemand dürstet, so komme er zu mir und trinke.“9 „Allein ich war nackt,“ spricht er, und ihr habt mich bekleidet.“ Wir haben Jenen bekleidet, der den Himmel mit Wolken umhüllet, der die ganze Kirche und den Erdkreis bekleidet. „Ihr Alle, die ihr in Christo getauft seid, habt Christum angezogen.“10 „Ich bin im Kerker gewesen.“ Du bist im Kerker gewesen, der die Gefangenen daraus befreit? Erkläre mir, was du da sagst! Denn deine Würde spricht gegen die Worte. Wann sahen wir dich in solcher Bedrängniß? Wann thaten wir Das? „Soviel ihr immer,“ heißt es, „einem dieser Geringsten gethan habt, das habt ihr mir gethan.“11 Ist also der Ausspruch nicht wahr: „Wer sich des Armen erbarmt, der leiht Gott auf Zinsen?“ Und siehe, wie merkwürdig! Er erwähnt kein anderes Werk der Tugend, als Dieses; und doch hatte er sagen können: „Kommet, ihr Gesegneten! weil ihr enthaltsam gewesen, weil ihr jungfräulich geblieben, weil ihr ein Leben der Engel erwählt habt;“ allein darüber schweigt [S. 464] er, nicht weil es keine Erwähnung verdiente, sondern weil das der Nächstenliebe nachsteht. Sowie er aber denen zur Rechten wegen ihrer Barmherzigkeit den Himmel als Lohn zeigt, so droht er auch denen zur Linken die Strafe wegen Unterlassung derselben: „Gehet, ihr Verfluchten, in die äusserste Finsterniß, welche dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist.“12 Warum? Aus welchem Grunde? „Weil ich hungrig war, und ihr mich nicht gespeist habt.“ Er sagt nicht: Weil ihr Hurer gewesen, weil ihr Ehebrecher, weil ihr Diebe gewesen, weil ihr falsches Zeugniß gegeben, weil ihr einen Meineid geschworen. Das sind doch offenbar Sünden, allein geringere als Gefühllosigkeit und Unbarmherzigkeit. Warum aber, o Herr! gedenkst du nicht auch anderer Wege (der Sünder)? „Ich verurtheile,“ sagt er, „nicht die Sünde, sondern die Unmenschlichkeit; ich verurtheile nicht die Sünder, sondern Diejenigen, die nicht Buße gethan: Ich verurtheile euch wegen der Gefühllosigkeit, weil ihr im Besitze eines solchen und so kräftigen Heilmittels, nämlich des Almosens, wodurch alle Sünden getilgt werden, eine so große Wohlthat verschmäht habt. Ich tadle also die Herzlosigkeit, weil sie die Wurzel der Bosheit und aller Gottlosigkeit ist; ich lobe die Barmherzigkeit, weil sie die Wurzel alles Guten ist; den Unbarmherzigen drohe ich mit dem ewigen Feuer, den Barmherzigen aber verheisse ich das Himmelreich.“ Schön, o Herr! sind deine Verheissungen; schön ist es, daß dein Reich in Aussicht gestellt ist, und auch die Hölle, mit welcher du drohst: Jenes lockt an, diese aber erschreckt; freundlich ziehet das Himmelreich an, heilsam erschrecket die Hölle. Denn Gott droht mit der Hölle, nicht um in die Hölle zu stürzen, sondern von der Hölle ferne zu halten. Denn wollte er strafen, so würde er nicht zuerst drohen, auf daß wir uns sicher stillen, und der Drohung entgehen. Er droht mit der Strafe, damit wir der thatsächlichen Bestrafung entrinnen. Er erschreckt mit Worten, um nicht im [S. 465] Werke strafen zu müssen. Wuchern wir also mit der Milde bei Gott; leihen wir ihm auf Zinsen, damit wir, wie ich oben bemerkt, ihn als Schuldner und nicht als Richter antreffen; denn der Schuldner hat Ehrfurcht vor dem, der ihm auf Zinsen geliehen; er hat Ehrfurcht vor ihm und erröthet. Kömmt einer, der auf Zins ausgeliehen, zur Schwelle des Schuldners, so flüchtet sich dieser, wenn er mittellos ist; ist er aber vermöglich, so nimmt er den Gläubiger vertrauensvoll auf. Siehe aber auch noch ein anderes Wunder, das ich dir aus dem menschlichen Leben vorstelle. Wenn du einem, der in mißlicher Lage war, Geld vorgestreckt hast, und der Schuldner später wieder in glücklichere Verhältnisse kömmt, so daß er die Schuld zurückzahlen kann, so hält er es vor der Menge geheim und zahlt sie zurück, um sich nicht seiner früheren Lage schämen zu müssen. Er spricht dir zwar seinen Dank aus, verheimlicht aber die Wohlthat aus Scham über die frühere Noth. Gott aber macht es nicht so, sondern im Geheimen empfängt er das Anlehen, ganz öffentlich zahlt er die Schuld. Denn wenn er Etwas empfängt, so geschieht das durch das heimliche Almosen; zahlt er es aber zurück, so thut er das vor den Augen der ganzen Welt. Aber vielleicht wird Jemand bemerken: Warum hat denn Gott das nicht auf gleiche Weise dem Armen gegeben, was er mir Reichen zukommen ließ? Er halte zwar dich und den Armen gleich betheiligen können; allein er hat nicht gewollt, daß dein Reichtdum unfruchtbar sei, noch, daß die Armuth des Andern der Belohnung entbehre. Dir, dem Reichen, gestattet er durch das Almosen Schätze zu sammeln und sie in Gerechtigkeit auszustreuen, denn: „Er streuet aus, gibt den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt ewig.“13 Siehst du, daß der Reiche durch das Almosen die ewige Gerechtigkeit als Schatz sich erwirbt? Und wieder sieh’ auf den Armen! Weil er keinen Reichthum besitzt, um dadurch Gerechtigkeit zu üben, so hat er [S. 466] die Armuth, wodurch er ewige Geduld zu gewinnen vermag; denn „die Geduld der Armen wird in Ewigkeit nicht verloren sein“ in Christo dem Herrn, dem Ruhm sei von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

1: Ps. 108, 31.
2: Sprüchw. 19, 17.
3: „Den hundertsten Theil“ = Eins von hundert.
4: Ps. 144, 13.
5: Matth. 26, 31.
6: Ps. 144, 15.
7: Ebendas. V. 16.
8: Joh. 7, 38.
9: Ebend. V. 37.
10: Gal. 3, 27.
11: Matth. 25, 40.
12: Matth. 25, 41.
13: Ps. 111, 9.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger