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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Siebente Homilie über die Buße und über die Reue, sowie, daß Gott sich beeilt, unser Heil zu befördern, und zögert, uns zu bestrafen. Dazu eine auffallende Geschichte über die Rahab.

6.

Die Sünden sind die Ursache aller Übel: wegen der Sünden leiden wir Schmerzen, wegen der Sünden haben wir Aufruhr, wegen der Sünden Kriege, wegen der Sünden Krankheiten und alle schwer zu heilenden Leiden zu dulden. Wie also die besten unter den Ärzten nicht bloß das äussere Übel erforschen, sondern den Grund der äussern Erscheinungen aufsuchen; so spricht auch der Erlöser, um zu zeigen, daß der Grund aller Übel bei den Menschen die Sünde sei, zu dem Gichtbrüchigen (denn jener Seelenarzt sah, daß dieser zuerst an der Seele und dann am Leibe gelähmt sei): „Siehe, du bist nun geheilt worden; sündige nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres begegne.“1 Also ist die Sünde auch der Grund der früheren Krankheit; sie ist die Ursache der Strafe, sie auch die Ursache des Schmerzes, sie der Grund des ganzen Unglücks. Übrigens erscheint mir Das bewunderungswürdig, wie nämlich Gott, welcher von Anfang dem Menschen wegen der Sünde das Leiden zugeschickt hat, sein Urtheil durch ein anderes aufhebt und die Verdammung durch eine Verdammung verwirft. Höre, wie Das geschieht. Die Traurigkeit ist eine Folge der Sünde, und durch die Traurigkeit wird die Sünde getilgt. Merke nun fleissig auf. Als Gott dem Weibe drohte und wegen der Übertretung die Strafe ankündigte, sprach er zu ihr: „Mit Schmerzen wirst du Kinder gebären,“2 und zeigte den Schmerz als Frucht der Sünde; allein er verwandelte, o des großmüthigen Spenders! das, was er als Strafe verhängt hatte, in Rettung. Die Sünde gebar den Schmerz, der Schmerz tilgte die Sünde; und wie der aus dem Holze geborene Wurm das Holz selber verzehrt, so zerstört auch der Schmerz, der aus der Sünde hervorgeht, durch die Buße die Sünde. Deßhalb sagt Paulus: „Die gottgefällige Betrübniß bewirkt Buße zum ewigen Heile.“3 Für die wahren [S. 458] Büßer ist die Traurigkeit heilsam; es ziemt den Sündern über die Sünde zu trauern: „Selig die Trauernden, denn sie werden getröstet werden.“4 Trauere über die Sünde, um nicht über die Strafe weinen zu müssen. Vertheidige dich zuerst vor dem Richter, ehe du vor das Gericht kömmst. Weißt du denn nicht, daß Alle, welche den Richter besänftigen wollen, Dieß nicht bei der sachlichen Untersuchung selbst thun, sondern daß sie, ehe sie in den Gerichtshof eintreten, den Richter, sei es durch Freunde oder Patrone oder auf was immer für eine Weise, günstig zu stimmen bedacht sind? So ist es nun auch bei Gott: zur Zeit des Gerichtes kann man den Richter nicht mehr umstimmen, aber vor der Zeit des Gerichtes kann Derselbe besänftiget werden. Deßhalb spricht David: „Lasset uns frühzeitig vor sein Angesicht kommen mit unserm Bekenntniß.“5 Dort täuschen den mächtigen Richter nicht die Kunstgriffe der Redner; ihn beugt nicht die Macht; er läßt sich nicht durch die Würde bestimmen; er scheuet Niemanden; er läßt sich durch Geld nicht bestechen, sondern sein Urtheil ist furchtbar und unversöhnlich, aber gerecht. Hier also wollen wir den Richter bitten und zu besänftigen suchen; hier mit aller Kraft ihn anflehen, aber nicht durch Geld; und dennoch, um die Wahrheit zu sagen, läßt sich der menschenfreundliche Richter durch Geld gewinnen, das er freilich nicht selber annimmt, sondern das die Armen erhalten. Schenke dem Armen ein Geldstück, und du hast den Richter versöhnt. Dieß aber sage ich gleichsam, um euch mir zu Freunden zu machen, weil die Buße ohne Almosen todt ist und der Flügel entbehrt: Die Buße vermag nicht zu fliegen, wenn sie nicht den Fittig des Almosens hat. Daher war für Kornelius, der aufrichtig Buße gethan, das Almosen der Fittig zur Buße: „Deine Almosen,“ heißt es, „und deine Gebete stiegen zum Himmel empor.“6 Hätte die Buße nicht den Fittig des Almosens besessen, so wäre sie wohl nicht bis in den Himmel [S. 459] gelangt. Heute nun beginnt ein Almosen-Handel; denn wir sehen die Gefangenen und die Armen; wir sehen Solche, die sich auf dem Markte herumtreiben; wir sehen, wie sie da rufen und weinen und jammern: wir haben da einen wunderbaren Jahrmarkt vor Augen. Bei einem Jahrmarkte aber gibt es keinen andern Zweck, hat der Geschäftsmann keinen andern Gedanken, als die Waare wohlfeil zu kaufen, sie aber theuer zu verschleißen. Ist das nicht die Absicht aller Geschäftsleute? Widmet sich wohl Jemand aus einem andern Grunde dem Handel, als daß er Das, was er billig erstanden, theuer verkaufe und so sein Geschäft immer mehr ausbreite? Einen solchen Jahrmarkt nun hat Gott uns eröffnet: Kaufe die Werke der Gerechtigkeit billig, um sie in der Zukunft um einen hohen Preis zu verwerthen, wenn es anders erlaubt ist, die Wiedervergeltung ein Verwerthen zu nennen. Hier erkauft man die Gerechtigkeit billig, durch ein unbedeutend Stück Brod, durch ein ärmliches Kleid, durch einen Becher kalten Wassers: „Wer einen Becher kalten Wassers zum Trunke reicht, wahrlich sage ich euch“ — spricht der Lehrer des geistlichen Handels — „der wird seinen Lohn nicht verlieren.“7 Ein Becher kalten Wassers erhält eine Belohnung: sollten wohl Kleidungsstücke und Geld, als wohlthätige Spenden, unbelohnt bleiben? Mit Nichten; sie werden einen großen Lohn ernten. Warum erwähnt nun Christus einen Becher kalten Wassers? Er nannte ein Almosen, das keinen Aufwand erfordert. Denn zu einem kalten Wasser brauchst du kein Holz und auch sonst keinen Aufwand zu machen. Wenn nun für eine Spende, die ohne Aufwand geschieht, eine solche Vergeltung der Wohlthat erfolgt; welchen Lohn müssen wir wohl von dem gerechten Richter empfangen, wenn wir reichlich Kleider vertheilen, (die Armen) mit Geld unterstützen und ihnen viele andere Wohlthaten spenden? So lange wir also die Tugenden um so geringen Preis zu erwerben vermögen, so laßt uns sie von jenem [S. 460] großmüthigen (Herrn) annehmen, sie an uns reissen und kaufen. „Die ihr dürstet,“ spricht er, „kommet zum Wasser, und die ihr kein Silber habt, gehet hin und kaufet.“8 So lange also der Markt dauert, laßt uns Almosen kaufen, oder besser gesagt, laßt uns das Heil durch das Almosen erkaufen. Wenn du einen Armen kleidest, kleidest du Christum. Das, sagst du, wußte ich ganz gut und genau; das habe ich schon früher gelernt; das hast du nicht der Erste gelehrt; das haben wir von dir nicht zuerst gehört; du predigst uns nichts Neues, sondern nur Das, was uns Viele von den Gegenwärtigen schon oft gelehrt haben. Das weiß ich wohl selbst, daß ihr Dieses und Dergleichen oft gehört habt; aber wollte Gott, daß wir die wir häufig darüber belehrt worden, ein wenn auch nur geringes gutes Werk übten! „Wer sich eines Armen erbarmt, der leiht Gott auf Zinsen.“9 Borgen wir Gott das Almosen auf Zinsen, damit wir von ihm als Wiedervergeltung seine Nachsicht erlangen. Aber, o des weisesten Ausspruchs! „Wer sich eines Armen erbarmet, der leiht Gott auf Zinsen.“ Warum sagt er nicht: „Wer sich eines Armen erbarmt, der gibt (das Almosen) Gott,“ sondern: „Der leiht Gott auf Zinsen?“ Die Schrift kennt unsere Habsucht; sie nimmt darauf Bedacht, daß unsere unersättliche Gier auf den Vortheil sieht und Bereicherung sucht, und deßhalb sagt sie nicht einfach: „Wer sich eines Armen erbarmt, der gibt (das Almosen) Gott,“ damit man nicht glaube, es erfolge dann eine einfache Wiedervergeltung, sondern: „Wer sich eines Armen erbarmt, der leiht Gott auf Zinsen.“ Wenn wir Gott auf Zinsen borgen, so ist er ja unser Schuldner. Was willst du nun, daß er gegen dich sei. Richter oder Schuldner? Der Schuldner scheut seinen Gläubiger, der Richter fürchtet seinen Schuldner nicht.

1: Joh. 5, 14.
2: Gen. 3, 16.
3: II. Kor. 7, 10.
4: Matth. 5, 5.
5: Ps. 94, 2.
6: Apostelg. 10, 4.
7: Matth. 10, 42.
8: Isai. 55, 1.
9: Sprüchw. 19, 17.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger