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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Siebente Homilie über die Buße und über die Reue, sowie, daß Gott sich beeilt, unser Heil zu befördern, und zögert, uns zu bestrafen. Dazu eine auffallende Geschichte über die Rahab.

5.

Siehe da eine neue Verkündung der Milde: Der im Gesetze gesagt hat: „Du sollst nicht ehebrechen,“1 du sollst nicht huren, hat diesen Ausspruch aus Milde geändert und ruft durch den seligen Jesus: „Rabab die Hure soll leben.“2 Jener Jesus, der Sohn des Nave, der da spricht: „Die Hure soll leben,“ war ein Vorbild des Herrn Jesus, der sagt: „Huren und Zöllner werden eher in’s Himmelreich eingeben, als ihr.“3 Wenn sie leben soll, warum ist sie eine Hure? Wenn sie eine Hure ist, warum soll sie leben? Ich bezeichne, sagt er, ihren frühern Zustand, damit du die folgende Umwandlung bewundern mögest. Und was hat denn Rahab Ersprießliches für ihre Rettung gethan? Etwa daß sie die Kundschafter freundschaftlich aufnahm? Das thun ja die Gasthäuser auch? Jedoch nicht aus der Rede allein schöpft sie das Heil, sondern hauptsächlich aus dem Glauben und der Liebe zu Gott. Und damit du die Größe ihres Glaubens erkennest, so höre darüber die Schrift, die ihre herrlichen Thaten erzählt. Sie war in einem Hause der Unzucht, wie ein im Schmutze begrabener Edelstein, ein im Kothe liegendes Goldstück, eine von Dornen umrankte Blume der Gottseligkeit, eine fromme Seele an eine Stätte [S. 454] des Frevels gebannt. Merke mir nun fleissig auf. Rahab nahm die Kundschafter auf und verkündete Den, welchen Israel in der Wüste verrathen, im Hause der Unzucht. Warum erwähne ich wohl Israels in der Wüste? Als der Berg sich in eine dunkle Wolke gehüllt, Trompeten erschallten, und er von Blitzen und andern furchtbaren Dingen erfüllt war, vernahm Israel Gott aus der Mitte des Feuers: „Höre Israel! Der Herr ist dein Gott; es ist ein Herr. Du sollst keine andern Götter haben. Ich bin oben im Himmel und unten auf der Erde, und ausser mir ist kein Gott.“4 Als Israel Das hörte, goß es ein Kalb und verschmähte Gott, verkannte den Herrn, wies seinen Wohlthäter ab und sprach zu Aaron: „Mache uns Götter!“5 Wenn es Götter sind, warum sagst du: Mache! Wie sind das Götter, die man machen kann? So bekämpft die blinde Bosheit sich selber und zerstöret sich selbst. Ein Kalb wurde gemacht, und das undankbare Israel schreit: „Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Lande Ägypten geführt.“6 Das sind die Götter. Israel sieht nur ein Kalb, nur ein gemachtes Götzenbild; warum also: „Dieß sind die Götter?“ Um zu zeigen, daß es nicht bloß Das, was es sieht, anbete, sondern auch noch prahle mit der Vielgötterei; es äussert so seine Gesinnung und beurtheilt nicht, was es sieht. Kehren wir aber wieder zu unserm Gegenstande zurück. Was Israel, umgeben von solchen Wundern, geleitet durch ein solches Gesetz gehört und von sich gewiesen hatte, das verkündete Rahab in der Klause der Unzucht.7 Denn sie sagt zu den Kundschaftern: „Wir wissen, wie Großes euer Gott den Ägyptiern gethan hat.“8 Der Jude spricht: „Das sind deine Götter, die dich aus Ägypten geführt haben;“ und die Hure schreibt die Rettung Gott, nicht den Göttern zu: „Wir wissen, wie Großes euer Gott den Ägyptiern in der [S. 455] Wüste gethan; wir hörten es, und es schmolz unser Herz, und es ist keine Kraft mehr in uns. Wir wissen, wie Großes euer Gott gethan hat.“ Siehst du, wie sie das Wort des Gesetzgebers durch den Glauben aufnimmt? „Und ich weiß, daß euer Gott oben im Himmel und unten auf der Erde ist; und ausser ihm gibt’s keinen Gott.“ Rahab ist ein Bild der Kirche und zwar derjenigen, die sich einst beim Abfall der Engel befleckte, jetzt aber die Kundschafter Christi aufnimmt, die von Jesus, dem wahren Erlöser, nicht von Jesus, dem Sohne des Nave, gesandten Apostel: „Ich weiß,“ heißt es, „daß euer Gott oben im Himmel und unten auf der Erde ist; und ausser ihm gibt’s keinen Gott.“9 Diese Lehre überkamen die Juden, und sie befolgten sie nicht; diese Lehre hörte die Kirche, und achtete darauf. Rahab, das Vorbild der Kirche, verdient daher jegliches Lob. Deßhalb hält sie auch der heilige Paulus, nachdem er den Werth ihres Glaubens erfaßt, nicht für verwerflich wegen ihres frühern Standes, sondern für tadellos wegen der göttlichen Umwandlung und zählt sie allen Heiligen bei, und nachdem er gesagt: „Durch den Glauben hat Abel sein Opfer gebracht: durch den Glauben hat Abraham10 Dieß und Jenes gethan; durch den Glauben hat Noe die Arche gebaut, durch den Glauben Moses diese und jene Werke vollführt;“ und nachdem er viele andere Heilige aufgezählt hat, fügt er schließlich noch bei: „Durch den Glauben ging Rahab, die Hure nicht zu Grunde mit den Ungläubigen, weil sie die Kundschafter aufnahm und sie auf einem andern Wege entließ.“11 Und siehe, mit welcher Klugheit sie in ihrer edlen Gesinnung Maaß zu halten verstand. Denn als vom Könige Boten gesandt wurden, welche die Kundschafter suchten, stellen sie die Frage an sie: „Sind Männer zu dir eingetreten?“12 Sie gibt ihnen eine bejahende Antwort. Sie stellt die Wahrheit voran und geht so zur Täuschung über. Denn nie wird man eine [S. 456] Lüge schlechterdings glauben, wenn man nicht vorerst die Wahrheit zu zeigen bemüht ist. Deßhalb sagen Diejenigen, welche auf eine überzeugende Weise zu lügen gedenken, zuerst die Wahrheit und Das, was Allen einleuchtet, und dann bringen sie das Falsche und Zweideutige. „Sind Kundschafter zu dir eingetreten?“ Sie antwortet: Ja. Denn hätte sie anfänglich eine verneinende Antwort gegeben, so hätte sie die Boten zum Nachforschen gereizt. Sie aber sagt: „Es sind (Männer) eingetreten und auf diesem Wege hinausgegangen, verfolget sie, und ihr werdet sie erwischen.“ O herrliche Lüge! O vortreffliche List, die das Göttliche nicht verräth und die Menschenfreundlichkeit wahrt! Wenn also die Buße jene Raha würdig gemacht, das Heil zu erlangen, und wenn sie der Mund selbst der Heiligen preist, indem Jesus, Nave’s Sohn, in der Wüste ausruft: „Die Hure Rabab soll leben,“ und indem Paulus spricht: „Durch den Glauben ist Rahab, die Hure, mit den Ungläubigen nicht zu Grunde gegangen“ — um wie viel mehr werden wir, wenn wir Buße wirken, Rettung erlangen? Jetzt ist die Bußzeit; denn wir müßten uns sehr fürchten vor unsern künftigen Sünden, wenn nicht die Buße der Strafe zuvorkommt. „Lasset uns frühzeitig mit unserm Bekenntniß vor sein Angesicht kommen!“13 Löschen wir den Scheiterhaufen der Sünden, nicht durch vieles Wasser, sondern durch einige Thränchen. Groß ist das Feuer der Sünde, und doch wird es durch wenige Thränen gelöscht; denn die Thräne löschet den Sündenbrand und verscheucht den Gestank der Missethat. Dieß bezeugt David, wenn er spricht und beweist, wieviel die Thränen vermögen: „Denn ich werde,“ sagt er, „jede Nacht mein Bett waschen und mit meinen Thränen mein Lager benetzen.“14 Hätte er dadurch die Fülle der Thränen an den Tag legen wollen, so genügte es ja wohl zu sagen: „Ich werde mit meinen Thränen mein Lager benetzen;“ warum setzt er denn: „Ich werde waschen“ voraus? [S. 457] Um zu zeigen, daß die Thränen ein Bad und ein Reinigungsmittel der Sünden seien.

1: Exod. 20, 14.
2: Jos. 6, 17.
3: Matth. 21, 31.
4: Deut. 6, 4; Exod. 20, 4; Deut. 4, 39.
5: Exod. 32, 1.
6: Exod. 32, 4.
7: „ἀποκεκλεισμένη ἐν τῷ πορνείῳ.“
8: Jos. 2, 9.
9: Jos. 2, 11.
10: Hebr. 11, 4.
11: Ebend. 11, 31.
12: Jos. 2, 3. 4.
13: Ps. 94, 2.
14: Ps. 6, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger