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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Siebente Homilie über die Buße und über die Reue, sowie, daß Gott sich beeilt, unser Heil zu befördern, und zögert, uns zu bestrafen. Dazu eine auffallende Geschichte über die Rahab.

4.

Es ist aber unsere Pflicht, wenn wir von den Sünden gereiniget sind, dieselben vor Augen zu haben. Denn obgleich Gott in seiner Barmherzigkeit dir die Sünde ver-gibt, so behalte doch du sie zur Sicherstellung deiner eigenen Seele vor Augen; denn die Erinnerung an die vorausgegangenen Fehler hält von künftigen ab, und wer über die frühern bittere Reue empfindet, wird für die Zukunft behutsamer sein. Deßhalb spricht David: „Und meine Sünde ist vor mir alle Zeit,“1 damit er so die frühern vor Augen habe und nicht mehr in künftige falle. Daß aber Gott von uns diese Beschaffenheit fordert, darüber höre sein eigenes Wort: „Ich bin es, der deine Sünden auslöscht, und ich werde nicht mehr daran denken; du aber denke daran, und wir werden dann rechten, spricht der Herr. Bekenne du zuerst deine Sünden, damit du gerechtfertigt werdest.“2 Gott wartet nicht auf die Zeit der Buße: Du bekennst deine Sünde, und du bist gerechtfertigt; du thust Buße, und du erlangst Barmherzigkeit. Nicht die Zeit entsündigt, sondern der Wandel des Büßers tilget die Sünde. Es kann sein, daß Jemand lange Zeit wachsam gewesen und doch das Heil nicht erlange, und daß Jemand, der in kurzer Frist eine aufrichtige Beicht abgelegt hat, die Sünde austilge. Samuel verschwendete eine lange Zeit, indem er für Saul Fürbitte einlegte, und hat viele Nächte durchwacht, um den Sünder zu retten. Gott aber achtete nicht auf die Zeit [S. 451] (denn die Buße des Frevlers entsprach nicht der Fürbitte des Propheten) und sprach zu seinem Propheten: „Wie lange noch trauerst du über Saul, und ich habe ihn verworfen?“3 Jenes: „Wie lange noch“ zeigt die Zeit an und die Ausdauer des Fürsprechers; und Gott wies die Zeit des fürsprechenden Propheten zurück: denn die Buße des Königs stand nicht in Einklang mit der Vermittelung des Gerechten. Dem Könige David aber, welcher vom hl. Propheten Nathan den Vorwurf ob der Sünde hinnahm und gleich nach der Drohung wahre Besserung zeigte und sprach: „Ich habe vor dem Herrn gesündigt,“4 hat ein einziges Wort, das er als Büßer in einem Augenblick sprach, vollkommene Sühnung gebracht; denn seinem Worte folgte sofort die Änderung seiner Gesinnung. Daher sprach Nathan zu ihm: „Und der Herr hat deine Sünde verziehen.“5 Siehe da, wie Gott zögert zu strafen und eilet zu retten. Und betrachte zuvörderst, wie der barmherzige Gott nach langer Zeit diese Zurechtweisung gab; David hatte gesündigt, das Weib ging schwanger, und es erfolgte keine Rüge auf diese Sünde. Aber nachdem das Kind der Sünde das Licht des Tages erblickt, wird der Arzt der Sünde gesendet. Warum hat er aber den Sünder nicht gleich zurechtgewiesen? Weil er wußte, daß das Herz der Sünder beim Beginne der Frevel verblendet ist, daß ihre Ohren, die sich in die Tiefe der Sünde versenkten, verstopft sind. Er verschiebt also die Anwendung des Mittels, so lange die Leidenschaft wallt, und nach so langer Zeit kömmt die Zurechtweisung, und in demselben Augenblicke Buß’ und Verzeihung. „Und der Herr hat deine Sünde verziehen.“ Welch’ heilsames Vorgehen des drohenden Herrn! Siehst du, daß er schnell ist zu retten? So macht er es auch in andern Dingen; er zögert niederzureissen, beeilt sich aber, Hilfe zu leisten. Ich gebe ein Beispiel davon. Wir Menschen brauchen zu unsern Bauten einen gewaltigen Zeitraum, ja lange Zeit, um ein Haus herzustellen: das Bauen derart [S. 452] lang, die Zerstörung geht schnell. Bei Gott aber findet das Gegentheil Statt: Wenn er baut, so baut er schnell; wenn er zerstört, zerstört er langsam. Gott ist schnell im Aufbauen, langsam im Zerstören; Beides geziemt sich für Gott; denn jenes ist ein Beweis seiner Macht, dieß ein Beweis seiner Güte: durch seine unendliche Macht ist er schnell, durch die Fülle seiner Güte ist er langsam. Die thatsächliche Erfahrung ist der Beweis für diese Behauptung. In sechs Tagen hat Gott den Himmel und die Erde erschaffen, die mächtigen Berge, die Ebenen, die Thäler, die Schluchten, die Wälder, die Quellen, die Flüsse, das Paradies, die ganze bunte sichtbare Natur, dieses große und geräumige Meer, die Inseln, die Küsten- und Binnenländer, diese ganze sichtbare Welt und die Pracht auf derselben hat Gott in sechs Tagen gemacht; und die lebenden Wesen darauf, die vernünftigen und vernunftlosen, und die ganze sichtbare Herrlichkeit machte Gott in sechs Tagen! Als nun dieser schnelle Baumeister mit sich selber zu Rath’ ging, wie er eine Stadt zerstören könnte, so zeigte er sich zaudernd ob seiner Güte. Er will Jericho zu Grunde richten und spricht zu Israel: „Umgehet die Stadt sieben Tage und am siebten Tage wird die Mauer fallen.“6 Die ganze Welt bauest du in sechs Tagen, und eine Stadt zerstörst du in sieben Tagen? Was lähmt deine Macht? Warum richtest du sie nicht plötzlich zu Grunde? Ruft nicht von dir der Prophet aus mit den Worten: „Wenn du den Himmel öffnest, so wird der Schrecken von dir Berge erfassen, und sie werden schmelzen wie Wachs vor dem Antlitz des Feuers.“7 Spricht nicht David, der die Werke deiner Macht schildert: „Wir werden uns nicht fürchten, wenn auch die Erde erbebte, und die Berge versetzt würden mitten in’s Meer.“8 Berge kannst du versetzen und sie in’s Meer werfen, und eine widerspenstige Stadt willst du nicht zerstören, sondern bestimmst sieben Tage sie zu vernichten? Warum? Es fehlt nicht die Macht, sondern die [S. 453] Barmherzigkeit zeigt ihre Langmuth. „Ich gewähre sieben Tage, wie Ninive drei: vielleicht gehorcht sie der Bußpredigt und wird gerettet.“ Und wer predigt ihnen die Buße? Die Feinde umlagern die Stadt; der Feldherr umschließet die Mauern; ringsum Furcht, ringsum Schrecken; welchen Weg zur Buße öffnest du ihnen? Denn hast du einen Propheten gesendet? Hast du einen Herold geschickt? War Jemand, der ihnen einen nützlichen Rath gab? „Ja,“ heißt es, „sie hatten einen Lehrer der Buße mitten unter sich, jene bewunderungswürdige Rahab, die ich durch die Buße gerettet.“ Sie war aus derselben Masse gebildet; weil sie aber nicht dieselben Gesinnungen hegte, nahm sie nicht Theil an der Sünde, eben weil sie nicht ungläubig war.

1: Ps. 50, 5.
2: Isai. 43, 25. 26.
3: I. Kön. 1, 16.
4: II. Kön. 12, 13.
5: Ebend.
6: Jos. 6, 3. 5.
7: Isai. 64, 1. 2.
8: Ps. 45, 3.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger