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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Siebente Homilie über die Buße und über die Reue, sowie, daß Gott sich beeilt, unser Heil zu befördern, und zögert, uns zu bestrafen. Dazu eine auffallende Geschichte über die Rahab.

3.

Betrachte auch eine andere Merkwürdigkeit. Da die Sünden gleichsam als Schulden verzeichnet werden, so schenkt Gott den Sündern, wenn sie Buße thun, auch das Kapital, von den Gerechten aber fordert er sogar die Zinsen. Es trat Einer zu ihm, der viele Talente schuldete und gleichsam durch Reue und inständiges Flehen den Urtheilsspruch milderte: „Herr! Habe Geduld mit mir, und ich werde Alles bezahlen.“1 Der gütige Herr wartete nicht, bis er zahlen konnte, sondern ließ das Bekenntniß an Zahlungs Statt gelten. Er schenkte dem Schuldner von zehntausend Talenten das Ganze, ja das Kapital selbst. Von den Gerechten aber sagt er, daß er auch die Zinsen fordern werde: „Warum habt ihr mein Geld nicht bei den Wechslern angelegt, damit ich dasselbe, wenn ich wieder käme, mit Zinsen zurückfordern könnte?“2 Das sage ich, nicht als wenn Gott gegen die Gerechten feindselig wäre; denn Gott liebt Niemanden mehr, als den Gerechten; sondern er tröstet, wie ich oben gesagt, den Sünder, um ihn aufzuwecken; er schreckt aber auch den Gerechten, um ihn zu stärken. Den Sündern, seinen stolzen Feinden, verzeiht er die vielen Vergehen; den Gerechten aber fordert er auch über Geringfügiges strenge Rechenschaft ab, indem er will, daß ihnen Nichts mangle zur äussersten Vollkommenheit. Denn was der Reiche in der Welt ist, das ist der Gerechte vor Gott, und was in der Welt der Arme ist, das ist der Sünder vor Gott: es gibt keinen ärmern Bettler, als den Sünder, und keinen reichern Mann, als den Gerechten. Deßhalb sagt Paulus von Jenen, die in der Frömmigkeit und in der Fülle der Tugend verharren: „Ich danke Gott, daß ihr in Allem durch ihn reich geworden seid in aller Lehre und in aller Erkenntniß.“3 Von den [S. 448] Gottlosen aber spricht der heilige Jeremias: „Vielleicht sind es Arme, weßhalb sie das Wort Gottes nicht zu hören vermochten.“4 Siehst du, wie er Diejenigen Arme nennt, die sich von der Tugend getrennt haben? Er erbarmt sich also der Sünder, als wären sie arm; von den Gerechten aber fordert er Rechenschaft, als wären sie reich; gegen Jene zeigt er sich gnädig ob ihrer Armuth, von diesen aber fordert er ob des Reichthums der Tugend mit großer Strenge Verantwortung. Was er aber bezüglich der Gerechten und Sünder vornimmt, das thut er auch hinsichtlich der Reichen und Armen, und wie er den Sünder durch Milde erweckt, den Gerechten aber durch die Strafe erschreckt, so befolgt er diese Ordnung auch in weltlichen Dingen. Sieht er Machthaber, die in Würden erglänzen, Könige, Fürsten und Alle, die sich durch Reichthum hervorthun, so redet er furchtbar zu ihnen und versetzt so die Mächtigen in einen heilsamen Schrecken. „Und nun, ihr Könige, werdet verständig, laßt euch belehren, ihr alle, die ihr die Erde richtet. Dienet dem Herrn mit Furcht und frohlocket ihm mit Zittern;“ weil er „der König der Könige und der Herr der Herrscher ist.“5 Wo herrschende Macht ist, dort offenbart er seine furchtbare eigene Macht; wo sich aber demüthige Erniederung findet, dort kömmt er mit seiner Gnade zu Hilfe. Denn Gott ist dieser große König der Könige und der Herr der Herrscher. Dieser nämliche nun steigt hinwieder von seinem Throne herab und erscheint in der heiligen Schrift als „Vater der Waisen und Richter der Wittwen,“6 der König der Könige, der Herr der Herrscher. Siehst du die überschwengliche Fülle der Gnade? Siehst du die heilsame Furcht für Tugend und Macht? Denn wo er sich selbst genügende Mächthaber sieht, dort bedient er sich der heilsamen Furcht; wo er aber schmählich unterdrückte Waisen und Arme, schwache und geplagte Wittwen erblickt, dort zeigt er seine tröstende Milde. „Ich [S. 449] bin der Vater der Waisen.“ Zweierlei thut er; er zeigt seine Milde und züchtigt die Magd. Er nennt sich selbst einen Vater der Waisen, um den Elenden Trost zu gewähren und die Mächtigen zu schrecken, damit sie Wittwen und Waisen nicht zu belästigen wagen. Da raubt der Tod einem den Vater, dort einer den Mann; was das Naturgesetz hingerafft hat, das ersetzt die himmlische Milde. Die nämliche Gnade gab der Wittwe den Richter, dem Verwaisten als Vater den König der Heiligen. Deßhalb heißt es: O Frevler, wenn du eine Wittwe übermüthig behandelst, so reizest du den Sachwalter der Wittwen; wenn du gegen Verwaiste ungerecht bist, so vergehst du dich an Kindern Gottes. „Ich bin der Vater der Waisen und der Richter der Wittwen.“ Siehst du, wie heilsam er die Tugendmittel bereitet, indem er die Einen erschreckt, der Andern sich aber erbarmt? Er ist da nicht mit sich selber in Zwiespalt, sondern richtet sich nur nach dem Erkenntnißvermögen der Menschen. Gebrauchen wir also, ihr Brüder, die Buße als ein Mittel zu unserem Heile; oder besser gesagt: Greifen wir nach der Buße, die uns von Gott kommt, um uns selig zu machen; denn nicht wir bringen Diese ihm dar, sondern er spendet sie uns. Siehst du seine Strenge im Gesetze? Siebst du seine Milde in der Gnade? Wenn ich aber die Strenge im Gesetze anführe, so tadle ich diese Einrichtung nicht, sondern ich preise nur die Milde in der evangelischen Gnade, weil das Gesetz die Sünder unerbittlich bestrafte, die Gnade aber die Strafe gar langmüthig aufschiebt, um die Besserung herbeizuführen. Greifen wir also zur Buße, ihr Brüder, dem Mittel selig zu werden; nehmen wir die Arznei, die unsere Sünden austilgt. Das ist aber keine Buße, die man bloß mit Worten anpreist; die Buße muß sich durch Werke bewähren; das ist Buße, was die Makel der Sünde aus dem Herzen selber auslöscht. Denn es heißt: „Waschet euch, ihr sollet rein sein; entfernt die Bosheit aus euern Herzen vor meinen Augen.“7 [S. 450] Was bedeutet denn der Überfluß in dieser Rede? Denn genügte es nicht zusagen: „Entfernet die Bosheit aus euern Herzen,“ um das Ganze zu bezeichnen? Warum setzt er denn bei: „Vor meinen Augen?“ Weil die Augen der Menschen anders sehen, als das Auge Gottes sieht. Denn „der Mensch schaut auf das Gesicht (das Äussere), Gott sieht aber in’s Herz.“8 „Verfälschet,“ heißt es, „die Buße nicht durch den Schein, sondern zeiget die Früchte der Buße vor meinen Augen, die das Verborgene durchforschen.“

1: Matth. 18, 26.
2: Luk. 19, 23.
3: I. Kor. 1, 4. 5.
4: Jer. 5, 4.
5: Ps. 2, 10. I. Tim. 6, 15.
6: Ps. 67, 6.
7: Isai. 1, 16.
8: I. Kön. 16, 7.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger