Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Siebente Homilie über die Buße und über die Reue, sowie, daß Gott sich beeilt, unser Heil zu befördern, und zögert, uns zu bestrafen. Dazu eine auffallende Geschichte über die Rahab.

2.

Mache nun diese Betrachtung bei allen Ereignissen. Darum ist Gott langmüthig gegen die Ägyptier, die da unerträgliche Gotteslästerungen ausstoßen: wegen der jetzt in Ägypten blühenden Kirchen, wegen der Klöster und wegen Derjenigen, die ein englisches Leben führen. Denn wie die Lehrer des öffentlichen Rechtes behaupten, und die römischen [S. 444] Gesetze gebieten, darf eine Schwangere, wenn sie ein todeswürdiges Verbrechen begangen, nicht eher, als sie geboren, umgebracht werden. Und das ist ganz in der Ordnung; denn die wackern Gesetzgeber hielten es nicht für gerecht, daß die Unschuld mit der Schuldigen sterbe. Wenn aber die menschlichen Gesetze Diejenigen schonen, die nichts Böses gethan, wird Gott nicht um so mehr die Wurzel bewahren, indem er für die Früchte der Buße die Wohlthat aufspart? Nimm übrigens die Wohlthat der Buße auch bei den Sündern selbst an; denn auch bei ihnen gilt der nämliche Grund dieser Gnadenerweisung. Denn wäre die Strafe der Besserung vorausgegangen, so hätte die Welt gänzlich vertilgt werden und zu Grunde gehen müssen. Hätte Gott sich beeilt Strafe zu üben, so hätte die Kirche keinen Paulus erhalten, keinen solch gewaltigen Mann, überkommen. Deßhalb ertrug Gott den Lästerer, um ihn uns dann als Büßer zu zeigen. Die Langmuth Gottes machte aus dem Verfolger einen Herold; die Langmuth Gottes wandelte den Wolf in einen Hirten um; die Langmuth Gottes machte aus dem Zöllner einen Evangelisten; die Langmuth Gottes hat sich unser Aller erbarmt. Alle umgewandelt, Alle bekehrt. Wenn du siehst, daß der frühere Säufer nun faste; wenn du siehst, daß der ehemalige Gotteslästerer nun von göttlichen Dingen rede; wenn du siehst, daß Der, welcher vorher den Mund durch schändliche Lieder beschmutzte, nun seine Seele durch heilige Hymnen reinige: so bewundere die Langmuth des Herrn, preise die Buße und aus dieser Umwandlung nimm Anlaß zu sagen: „Diese Umwandlung ist ein Werk der Rechten des Allerhöchsten.“1 Gott ist zwar gegen Jedermann gütig, besonders aber zeigt er seine Langmuth gegen die Sünder. Und willst du einen fremdartig klingenden Ausspruch vernehmen, — fremdartig für die gewöhnliche Welt, aber wahr für den frommen Sinn — so hör’ ihn! Überall erscheint Gott streng gegen die Gerechten, milde aber gegen [S. 445] die Sünder und schnell Gnade zu üben. Den Sünder, der gefallen ist, richtet er auf und spricht zu ihm: „Steht Der, welcher fällt, nicht wieder auf? Oder kehrt Der, welcher sich abwendet, nicht wieder um?“2 Und: „Warum hat sich die unverständige Tochter Juda in schmählicher Abkehr weggewendet?“3 Und wieder: „Bekehret euch zu mir, und ich werde mich zu euch bekehren.“4 Und an einer andern Stelle bekräftigt er aus übermäßiger Güte durch einen Eidschwur, daß die Buße zur Seligkeit führe. „So wahr ich lebe, ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe.“5 Zum Gerechten aber spricht er: „Wenn ein Mensch die ganze Gerechtigkeit und die ganze Wahrheit übt, aber umkehrt und sündigt, so werde ich mich nicht an seine Gerechtigkeit erinnern, sondern er wird in seiner Sünde sterben.“6 O welche Strenge gegen den Gerechten, welch reiches Erbarmen gegen den Sünder! So handelt er zwar verschieden und ungleich, ohne sich selber zu ändern; er vertheilt nur auf eine nützliche Weise die Schätze seiner Gnade. Vernimm, wie das geschieht. Würde Gott den Sünder und Den, der in seinen Sünden verharret, erschrecken, so triebe er ihn zur Verzweiflung und zum Aufgeben der Hoffnung; würde er aber den Gerechten beloben, so würde er den Tugendhelden zum Hochmuth verleiten und bewirken, daß der Gelobte in seinem Eifer erkalte. Deßhalb hat er mit dem Sünder Erbarmen, erschreckt aber den Gerechten; denn „furchtbar ist er gegen Alle, die in seinem Umkreise sind,“7 und „milde ist der Herr gegen Alle.“8 „Furchtbar,“ heißt es, „ist er gegen Alle, die in seinem Umkreise sind.“ Und wer können Diese wohl sein, als die Heiligen? „Denn Gott,“ spricht David, „welcher im Rathe der Heiligen verherrlicht wird, ist groß und furchtbar gegen Alle, die in seinem Umkreise sind.“9 Sieht er einen Gefallenen, so reicht er ihm [S. 446] die Hand der Versöhnung; sieht er einen, der steht, so flößt er ihm Furcht ein; und das ist ein Akt der Gerechtigkeit und eines gerechten Urtheils. Denn den Gerechten stärkt er durch die Furcht, den Sünder aber weckt er durch die Barmherzigkeit auf. Willst du wissen, daß seine Güte zeitgemäß und seine Strenge für uns nützlich und angemessen sei? Gib fleissig Acht, damit dir die Wichtigkeit dieser Betrachtung nicht entgehe. Jenes sündige Weib, das sich der ganzen Sündhaftigkeit und Gesetzübertretung schuldig bekannte, das so viele Sünden begangen, an so vielen Freveln betheiliget war, dürstete nach der heilsamen Reue und schlich sich hin zum Gastmahl der Heiligen. Ich nenne es aber ein Gastmahl der Heiligen, weil der Heilige der Heiligen anwesend war. Denn10 als der Heiland im Hause des Pharisäers Simon zu Tische saß, trat jenes sündige Weib ein, berührte die Füße des Heilandes, wusch dieselben mit ihren Thränen und trocknete sie mit den Haaren. Und der Heiland richtete Jene, die durch so viele Sünden von ihm getrennt war, huldvoll auf mit den Worten: „Ihre Sünden sind ihr vergeben.“11 Denn es ist nicht meine Absicht, die ganze Geschichte jetzt zu erzählen; ich will nur ein Zeugniß anführen. Betrachte nun die überschwengliche Milde: „Deßwegen sage ich dir: Es werden ihr die vielen Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat.“12 Die Verzeihung so vieler Sünden also hat das sündige Weib mit sich genommen. Maria aber, die Schwester des Moses, wurde, weil sie ein wenig gemurrt hatte, mit dem Aussatze bestraft.13 Zu den Sündern spricht er: „Wären euere Sünden roth wie Scharlach, so werde ich sie weiß machen wie Schnee.“14 Er verwandelt die Finsterniß in Licht, wenn der Sünder durch die Buße sich ändert, und löst die zahllosen Sünden durch das Wort seiner Gnade. Zu dem aber, der in der Gerechtigkeit wandelt, spricht er: „Wer zu seinem Bruder sagt: Du Narr, der ist des höllischen [S. 447] Feuers schuldig.“15 Für ein Wort also hat er eine solche Strenge bestimmt, und bei zahllosen Sünden übt er eine solche Großmuth!

1: Ps. 76, 11.
2: Jer. 8, 4.
3: Ebendas. V. 5.
4: Zach. 1, 3.
5: Ezech. 33, 11.
6: Ebendas. 18, 24.
7: Ps. 88, 8.
8: Ps. 144, 9.
9: Ps. 88, 8.
10: Matth. 26, 6.
11: Luk. 7, 47.
12: Ebendas.
13: Num. 12, 10.
14: Isai. 1, 18.
15: Matth. 5, 22.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Homilien über die Buße
Bilder Vorlage

Navigation
. Erste Homilie von ...
. Zweite Homilie von ...
. Dritte Homilie. Von ...
. Vierte Homilie über ...
. Fünfte Homilie. Über ...
. Sechste Homilie von ...
. Siebente Homilie über ...
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. . 6.
. . 7.
. Achte Homilie über ...
. Neunte Homilie über ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger