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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Siebente Homilie über die Buße und über die Reue, sowie, daß Gott sich beeilt, unser Heil zu befördern, und zögert, uns zu bestrafen. Dazu eine auffallende Geschichte über die Rahab.

1.

Der heilige Apostel Paulus bedient sich zwar immer einer göttlichen und himmlischen Sprache und ordnet mit tiefem Verständniß das evangelische Wort; er redet aber nicht einfach nach eigener Erkenntniß, sondern predigt seine Lehre als Gewalthaber des Herrn. Dieser Wissenschaft bedient er sich aber hauptsächlich dann, wann er sein Wort an die Sünder richtet, um ihnen Buße zu predigen. Diesen Gegenstand nun will ich euch allen in Erinnerung bringen. Ihr habt gehört, — um das Einzelne, was bereits gesagt worden ist, zu berühren, — wie jener wackere und bewunderungswürdige Mann zu den Korinthern sprach und sagte: „Damit ich etwa nicht, wenn ich komme, über Viele trauern müsse, die vorher gesündigt und nicht Buße gethan.“1 Dieser Mann war zwar von Natur aus ein gewaltiger Lehrer, [S. 442] aber von Gott zu seiuem Diener erwählt; deßhalb bedient er sich gleichsam einer himmlischen Sprache und redet wie vom Himmel herab: so droht er den Sündern, so verkündet er den Büßern Sühnung. Wenn ich aber Das sage, so schreibe ich diese Gewalt nicht der Sprache des Paulus zu, sondern beziehe Alles auf die göttliche Gnade, worüber er selber spricht: „Verlangt ihr einen Beweis über den in mir redenden Christus?“2 Den Sündern nun bietet er ein wohlthätig wirkendes Mittel und die Buße zu ihrem Heile. Es trifft aber heute mit der apostolischen Lesung auch das evangelische Ansehen des Erlösers zusammen, welches reichlichen Nachlaß der Sünden gewährt. Denn als der Erlöser den Gichtbrüchigen heilte, sprach er, wie ihr eben gehört, habt: „Sohn! Deine vielen Sünden sind dir vergeben.“3 Die Vergebung der Sünden aber ist die Ouelle des Heiles und der Lohn für die Buße; denn die Buße ist ein Mittel, welches die Sünde hinwegnimmt; sie ist eine Gabe des Himmels, eine bewunderungswürdige Kraft, und übertrifft an Gnade die Befolgung der Gebote. Deßhalb weist sie keinen Hurer von sich, verscheucht keinen Ehebrecher, verschmäht keinen Säufer, verachtet keinen Götzendiener, vertreibt keinen Schmäher, verfolgt keinen Gotteslästerer, keinen Prahler, sondern Alle wandelt sie um; denn die Buße ist ein Schmelztiegel der Sünde. Vorerst müssen wir aber die Absicht Gottes kennen lernen, jedoch nicht so, daß wir diese Untersuchung durch unser eigenes Denken beginnen, sondern die Wahrheit aus den Zeugnissen der heiligen Schrift selbst erweisen. Wenn Gott gegen die Sünder langmüthig ist, so hat er dabei als huldvoller Retter einen doppelten Zweck: er gewährt den Büßern selbst das ewige Heil und spart dieselbe Wohlthat auch für ihre Nachkommen auf, welche den Pfad der Tugend wandeln wollen. Um es noch einmal zu sagen: Gott ist langmüthig, damit sowohl der Sünder sich bessere, als auch, um dessen Nachkommen den Weg des Heiles [S. 443] nicht zu versperren. Denn obgleich der Sünder selbst unbußfertig dahinlebt, so verschont Gott nicht selten die Wurzel, um die Früchte zu schützen: oft aber wandelt er auch die Wurzel selbst um, wie ich vorher gesagt habe. Ist aber diese gänzlich dem Verderben verfallen, so verschiebt Gott heilsam die Strafe und wartet, damit sie als Büßer selig werden. Höre, wie das geschieht. Tharra, Abrahams Vater, war ein Götzendiener. Aber nicht Dieser erlitt die Strafe des Frevels und zwar mit Recht: denn hätte Gott die Wurzel vernichtet, woraus hätte eine solche Frucht des Glaubens zu sprießen vermocht? Wer war schlechter, als Esau? Siehe da einen Beweis einer andern Milde. Gab es wohl eine unverschämtere Bosheit? War er nicht ein Hurer und Verächter des Heiligen, wie der Apostel sagt?4 War er nicht ein Mutter- und Vatermörder? War er nicht ein Brudermörder, wenigstens der Gesinnung nach? War er nicht von Gott gehaßt, wie die Schrift bezeugt, indem sie sagt: „Jakob liebei ch. Esau aber hasse ich.“5 Ist also Jemand ein Hurer, ein Brudermörder, ein Verächter des Heiligen, ein Gegenstand des Hasses, warum wird er nicht vertilgt? Warum nicht ausgerottet? Warum empfängt er nicht gleich die verdiente Strafe? Warum? Wahrlich, es ist schön auch den Grund anzugeben. Wäre er vertilgt worden, so wäre die Welt der herrlichsten Frucht der Gerechtigkeit verlustig geworden. Höre nun, welcher Frucht. „Esau zeugte Raguel. Raguel Zara, Zara Job.“6 Siehst du, welch große Blume der Geduld vertilgt worden wäre, hätte Gott vorgreifend die Strafe von der Wurzel geheischt?

1: II. Kor. 12, 21.
2: II. Kor. 13, 3.
3: Mark. 2, 5.
4: Hebr. 12, 16.
5: Röm. 9, 13.
6: Gen. 36.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger