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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Sechste Homilie von der Buße, in der sechsten Woche der heil. Fastenzeit.

5.

Willst du also, daß ich dir meinem Versprechen gemäß diese beiden Testamente in Thatsachen zeige? Sowie du das Lamm im Worte gesehen, so lerne es nun auch in der That kennen. „Sagt mir, die ihr unter dem Gesetze sein wollet.“1 Schön sagt er: „Die ihr wollet;“ denn sie waren es nicht. Denn wären sie unter dem Gesetze gewesen, so wären sie nicht unter dem Gesetze gestanden. Es mag diese Rede räthselhaft klingen. Das Gesetz wies nämlich die Aufmerksamen auf Christus hin: Wer den Meister verunehrt, verläugnet auch den Zuchtmeister. Deßhalb spricht er: „Sagt mir, die ihr unter dem Gesetze sein wollet, habt ihr das Gesetz nicht gehört, daß Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Magd, den andern von der Freien: welche Worte einen bildlichen Sinn haben?“2 Siehst du eine Prophezeiung durch eine Thatsache? Denn daß Abraham Weiber hatte, ist nicht ein Wort, sondern eine Thatsache. Ich habe dir an der Magd und der Freien durch Worte gezeigt, daß nur ein Gesetzgeber beider Testamente sei; lerne nun das- [S. 436] selbe auch durch die Vorbilder. Abraham hatte zwei Weiber; diese aber bedeuten zwei Testamente und einen Gesetzgeber. Gleichwie dort ein Schaf in Worten ein Schaf in Wirklichkeit war (denn es ist volle Übereinstimmung in Worten und Sachen), so sind auch hier zwei Testamente. Jeremias hat sie durch Worte geweissagt, Abraham bildete sie thatsächlich vor durch die zwei Weiber. Denn wie dort ein Mann und zwei Weiber sind, so ist hier nur ein Gesetz, aber zwei Testamente. Doch kehren wir zu dem zurück, was ich früher gesagt und weßwegen ich Das alles vorgebracht habe; denn wir dürfen nicht von unserm Gegenstand abschweifen. „Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen.“3 So ist es; aber — und das ist der Grund, warum wir Das alles berührten — aber warum erinnert er sie an das alte Gesetz? Denn er sagt zu ihnen: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht ehebrechen.“ Er wußte, daß das Gebot schwer sei, nicht seiner eignen Natur nach, sondern wegen der Trägheit derer, die es hören. Denn manches Leichte an sich wird schwer durch unsere Trägheit; wie andererseits das Schwere leicht und ganz angenehm wird durch unsern Eifer. Denn die Schwierigkeit liegt nicht in der Natur der Dinge, sondern in dem Willen Derer, die damit umgehen. Daß Dieses wahr sei, erhellet aus Folgendem. Der Honig ist von Natur aus süß und sehr angenehm, allein den Kranken erscheint er bitter und unangenehm, jedoch nicht vermöge seiner eignen Natur, sondern wegen der Krankheit der Leute. So ist es auch mit dem Gesetz; scheint es beschwerlich zu sein, so kömmt das nicht von seiner eignen Natur, sondern von unserer Trägheit. Es ist nicht schwer zu beweisen, daß es leicht zu beobachten sei: denn was dasselbe schwer macht, ist etwas Anderes, als er sagte. Denn jetzt spricht er: „Fliehe vor dem Anblick des Weibes, entfliehe der Ausschweifung.“ Das Gegentheil davon wäre schwer gewesen, [S. 437] wenn er gesagt hätte: „Schaue nach den Frauen, beobachte vorwitzig fremde Schönheiten und beherrsche dennoch deine Begierde.“ Das wäre schwer gewesen; denn zu sagen: meide den Ofen, gehe vom Feuer weg, nähere dich der Flamme nicht, damit du nicht verletzt werdest, das ist sehr leicht; denn dieses Gebot ist natürlich. „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht ehebrechen.“4 Warum erinnert er uns also an’s alte Gesetz, da er ein neues einführen will? Damit du aus der Vergleichung erkennst, daß dieses mit jenem nicht im Widerspruch steht. Denn wenn man eine Vergleichung anstellt, so wird die Beurtheilung leichter. Denn weil Einige den Einwurf gemacht haben würden, daß er Dieses sagte, um das Gegentheil vom andern Gesetz zu gebieten, so sagte er: Siehe, ich stelle beide Gebote zusammen; prüfe sie und lerne ihre Übereinstimmung. Er that dieses nicht bloß deßwegen, sondern auch um zu zeigen, daß das Gebot auch leicht sei und recht zeitgemäß eingeführt wurde. Deßwegen sagt er: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen.“ So lange Zeit habt ihr euch im alten Gesetze geübt. Er macht es wie ein Lehrer, der einen trägen Knaben, welcher stets bei den ersten Lehren stehen bleiben will, zu den höhern Kenntnissen zu führen gedenkt und sagt: „Bedenke doch, wie lange Zeit du dich schon bei diesem Gegenstand aufgehalten hast!“ So erinnert auch Christus (die Juden), daß sie schon lange das alte Gesetz gehalten und sich in demselben geübt haben, und daß es nun Zeit sei, ein höheres anzunehmen; darum führt er das den Vätern gegebene Gebot an mit den Worten: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen.“ Das wurde zu den Alten gesagt. „Ich aber sage euch.“ Hätte er das zu den Alten gesagt, so könntest du mit Recht dich beklagen, weil damals euere5 Natur noch unvollkommener war. Als [S. 438] sie aber wuchs und vollkommener wurde, so kam auch die Zeit für vollkommenere Gesetze. Deßhalb spricht er, da er das Gesetz geben will, damit Niemand beim Anblick der höhern Weisheit sich träge zurückziehe: „Wenn euere Gerechtigkeit nicht vollkommner ist, als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“6 Du verlangst von mir eine größere Anstrengung? Warum? Habe ich nicht mit jenen dieselbe Natur? Bin ich nicht Mensch, wie sie? Damit sie nicht sagen: Warum legt er uns diese Beschwerden auf? Warum setzt er uns einem härtern Kampf aus? Deßwegen kömmt er dem Einwurf zuvor und redet vom Himmelreiche. Ich gebe größere Belohnungen, sagt er. Wenn er von Mühsalen spricht, wenn er von Kämpfen redet, wenn er das Gesetz erweitert, so erinnert er auch an den Kampfpreis. „Denn ich gebe euch nicht Palästina,“ sagt er, „nicht das Land, das von Milch und Honig fließt, sondern ich biete euch den Himmel selbst an.“ Aber wir ernten nicht nur einen größern Lohn bei Erfüllung der Pflichten, sondern ziehen uns auch eine größere Züchtigung zu bei Unterlassung derselben. Diejenigen, welche vor dem Gesetze gesündiget haben, erdulden eine leichtere Strafe, als Jene, welche im Gesetze gesündiget haben: „Denn welche ohne Gesetz gesündiget haben, werden auch ohne Gesetz zu Grunde gehen,“7 d. h. das Gesetz wird sie nicht anklagen; „jedoch,“ heißt es, „will ich nach der Natur selbst unter den Gedanken, die sich einander verklagen und entschuldigen, das Urtheil fällen.“8 Ebenso werden Diejenigen, welche im Gesetze fehlen und unter der Gnade Sünden begehen, härtern Strafen verfallen. Paulus selbst zeigt diesen Unterschied so mit den Worten: „Wenn Jemand das Gesetz Mosis übertritt, der muß sterben sonder Erbarmen auf zwei oder drei Zeugen hin. Wie viel härtere Strafen, glaubt ihr, wird Der verdienen, der den Sohn Gottes mit Füßen tritt und das Blut des Testamentes, durch das er geheiliget ist, unrein erachtet und [S. 439] den Geist der Gnade schändet?“9 Siehst du, daß unter der Gnade die Strafe härter, aber auch der Kampfpreis ein größerer ist? Weil ich euch aber an die heiligen, schrecklichen und geistlichen Geheimnisse (des Altares) erinnert habe, bitte und beschwöre ich euch und flehe euch recht inständig an, jegliche Sünde abzulegen und so euch diesem furchtbaren Tische zu nahen. „Befleissiget euch des Friedens mit Jedermann,“ heißt es, „und der Heiligung, ohne welche Niemand Gott sehen wird.“10 Wer aber nicht würdig ist, den Herrn zu sehen, verdient auch keine Gemeinschaft am Leibe des Herrn. Deßwegen spricht Paulus: „Jeder prüfe sich selbst und dann esse er von diesem Brode und trinke von diesem Kelche.“11 Er hat die Wunde nicht aufgedeckt, nicht vor aller Welt Klage geführt, keine Zeugen deiner Verbrechen gestellt. In dir selbst, in deinem Gewissen, wo Niemand ausser dem allsehenden Gott ist, halte Gericht und erforsche deine Fehler, durchgehe das ganze Leben und rufe die Sünden dir in’s Bewußtsein: bessere, was du Böses gethan, und nahe dich so mit reinem Gewissen dem heiligen Tische und mache dich theilhaftig des heiligen Opfers. Das wollen wir im Herzen behalten und uns erinnern an Das, was wir von der Wollust gesagt haben, und welche Strafe Jenen bevorsteht, die ohne Umstände und unzüchtig Frauengesichter begaffen. Noch mehr als die Furcht vor der Hölle wollen wir die Furcht und Liebe Gottes vor Augen haben, uns selbst durch und durch reinigen und so den heiligen Geheimnissen nahen, auf daß sie uns nicht zum Gerichte und zur Verdammung gereichen, sondern auf daß wir sie zum Heile und zur Gesundheit der Seele und als beständiges Unterpfand dieses Heiles empfangen in Christo Jesu unserm Herrn, dem Ehre und Herrschaft gebührt von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. [S. 440]

1: Gal. 4, 21.
2: Ebend. V. 22, 23.
3: Matth. 5, 28.
4: Matth. 5, 28.
5: φύσις ὑμῶν, Montfaucon hat in der lateinischen Uebersetzung: nostra natura.
6: Matth. 5, 20.
7: Röm. 2, 12.
8: Ebend. V. 15.
9: Hebr. 10, 28. 29.
10: Ebend. 12, 14.
11: I. Kor. 11, 18.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger