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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Sechste Homilie von der Buße, in der sechsten Woche der heil. Fastenzeit.

4.

Dieß alles sage ich nicht vergebens, sondern wegen des göttlichen Gesetzes, um zu zeigen, daß es nicht schwer, daß es nicht mühsam, daß es nicht anstrengend, nicht unmöglich sei. Wohlan denn, wir wollen dieses aus den Worten Christi selbst zeigen. „Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen.“1 Christus wußte selbst wohl, daß Viele dieses Gebot der Härte beschuldigen würden; deßwegen stellt er es nicht so einfach und nackt und auf sich allein beschränkt hin, sondern erinnert auch an das alte Gesetz, um durch die Vergleichung sowohl die Leichtigkeit, als auch die Menschenfreundlichkeit desselben zu zeigen. Vernehmet, wie er Dieß zeigt. Er sagt nämlich nicht einfach: „Wer ein Weib anblickt, ihrer zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen“ (seid hier nur recht aufmerksam), sondern er erinnert zuerst an das alte Gesetz und spricht: „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht ehebrechen; ich aber sage euch: Jeder, der ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen.“2 Siehst [S. 433] du die zwei Gesetze, das alte und das neue, das, welches Moses gab, und Das, welches er einführte? Oder aber besser gesagt: Auch jenes hat er gegeben; denn er hat durch Moses geredet. Wodurch ist aber klar, daß er auch dieses gegeben hat? Nicht aus Johannes, auch nicht aus dem Zeugnisse der Apostel; denn ich habe jetzt mit den Juden zu streiten; sondern aus den Propheten, denen sie zu glauben scheinen; aus diesem will ich zeigen, daß das alte wie das neue Gesetz Einen Gesetzgeber habe. Was sagt nun Jeremias? „Ich werde mit euch einen neuen Bund machen.“3 Siehst du, daß der neue Bund im alten erwähnt ist? Siehst du, daß sein Name schon seit so vielen Jahren darin glänzt? „Ich werde einen neuen Bund mit euch machen.“ Aber woher ist denn klar, daß er auch das alte Gesetz gegeben hat? Nachdem er gesagt: „Ich werde einen neuen Bund mit euch machen,“ fügt er hinzu: „Nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit eueren Vätern gemacht habe.“4 Wohl; aber damit haben wir die Sache noch nicht bewiesen; man muß zuerst Alles, was ein Widerspruch scheint, anführen und deutlich machen, damit unsere Rede durchgängig klar sei, und den Unverschämten kein Vorwand mehr übrig bleibe. „Ich werde mit euch einen neuen Bund machen, nicht wie den, den ich mit eueren Vätern schloß.“ Er hatte einen Bund mit Noe geschlossen, als die Sündfluth kam, um uns die Furcht zu benehmen, es möchte uns, wenn wir beim Gedanken an die Sündfluth einen immerwährenden Regen erblicken, auch der allgemeine Untergang nahen. Deßwegen sagt er: „Ich werde einen Bund schließen mit dir und allem Fleische.“5 Darauf machte er einen Bund mit Abraham wegen der Beschneidung; er schloß auch einen Bund mit Moses, den Alle kennen. Jeremias sagt: „Ich werde einen neuen Bund mit euch machen, nicht wie der Bund gewesen, den ich mit eueren Vätern geschlossen habe.“ Sage mir, mit welchen Vätern? Denn Noe war Vater, und Abraham war Vater; mit welchen Vätern also? [S. 434] Denn durch die ungenaue Bezeichnung der Person kann Verwirrung entstehen. Hier merket nun auf. „Nicht wie der Bund gewesen, den ich mit eueren Vätern schloß.“ Damit man also weder den Bund mit Noe, noch den Bund mit Abraham darunter, verstehe, so bezeichnet er die Zeit des Bundes; denn nachdem er gesagt: „Ich werde einen Bund mit euch schließen, nicht wie der gewesen, den ich mit eueren Vätern schloß,“ so setzt er auch die Zeit hinzu: „An dem Tage, da ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten führte.“ Siehst du, wie sehr die Angabe der Zeit die Sache klar macht? Nun kann selbst ein Jude nicht mehr widersprechen: gedenke der Zeit, da das Gesetz gegeben wurde; „An dem Tage, da ich sie bei der Hand nahm.“ Warum gibt er aber, auch die Art und Weise des Auszuges an? „Da ich sie bei der Hand nahm, aus Ägypten zu führen.“ Um seine väterliche Liebe zu zeigen; nicht als Knechte führte er sie heraus, sondern wie einen Sohn, den der Vater bei der Hand nimmt, und so befreite er sie; er befahl ihnen nicht, wie Sklaven ihm auf dem Fuße zu folgen, sondern nahm sie gleich edlen und freigebornen Söhnen bei der Hand und führte sie heraus. Siehst du, daß zwei Bündnisse sind und nur ein Gesetzgeber? Nachdem wir also die Widersprüche gelöst, will ich dir Dieß auch aus dem neuen Bunde beweisen, damit du die Übereinstimmung beider erkennest. Hast du die Prophezeiung in Worten gesehen? Lerne sie nun auch in Bildern kennen. Weil nun Dieß wieder undeutlich ist, was eine vorbildliche, und was eine wörtliche Prophezeiung sei, so will ich auch das in Kürze erklären. Die Prophezeiung im Bilde ist Die, welche durch Thatsachen, die andere ist eine Prophezeiung, welche durch Worte geschieht. Die Einsichtsvolleren hat er nämlich durch Worte belehrt, die minder Verständigen durch den Anblick von Thatsachen ermuntert. Denn es sollte etwas ganz Ausserordentliches geschehen: Gott sollte unser Fleisch annehmen, die Erde sollte ein Himmel werden, unsere Natur die Würde der Engel erklimmen, und unsere Hoffnung und Erwartung von der Verheissung der künftigen Güter übertroffen werden. Damit [S. 435] nun eine so neue und unerwartete Begebenheit sowohl die, die sie sehen, als die, die sie hören, wenn sie plötzlich eintritt, nicht betäube, so hat er sie durch Thatsachen und Worte vorgebildet, um so unser Ohr und unser Gesicht daran zu ge- wöhnen und für das Künftige vorzubereiten. Das ist es, was ich sagen wollte: was nämlich eine vorbildliche, und was eine wörtliche Weissagung sei: jene geschieht durch Thatsachen, diese durch Worte. Soll ich dir eine vorbildliche und wörtliche Weissagung nennen, die eine Sache betrifft? „Wie ein Schaf ist er zum Tode geführt worden, und wie ein Lamm lautlos ist vor dem, der es scheert.“6 Das ist eine Weissagung durch Worte. Denn als Abraham den Isaak auf den Altar gelegt hatte, sah er einen Widder mit den Hörnern in einem Gebüsche verwickelt und opferte ihn wirklich, um uns im Bilde das heilsame Leiden voraus zu verkünden.

1: Matth. 5, 28.
2: Exod. 20, 14; Matth. 5, 28.
3: Jer. 31, 31.
4: Jer. 31, 32.
5: Gen. 9, 9.
6: Isai. 53, 7.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger