Titel newsletter aktuell suche Titel werke start
Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Sechste Homilie von der Buße, in der sechsten Woche der heil. Fastenzeit.

3.

„Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat in seinem Herzen die Ehe schon gebrochen.“ Diese einfachen Worte, die ich angeführt habe, reichen hin, die ganze Fäulniß dieser Krankheit zu tilgen. Aber vergebt mir; wir reinigen Wunden; wer aber Wunden reiniget, muß auch bittere Heilmittel gebrauchen. Je mehr ihr die Worte ertraget, desto mehr wird das Gift entfernt. Denn gleichwie die Natur des Feuers, je mehr es die Natur des Goldes durchdringt, dieses desto mehr von den Schlacken befreit, so ist es auch mit der Furcht vor unsern Worten: je mehr sie sich in euere Gesinnung einprägt, desto mehr wird sie alle Sünde der Unkeuschheit tilgen. Läutern wir also dieselbe, durch dieses Feuer der (göttlichen) Lehre, damit wir nicht gezwungen werden, sie dort läutern zu lassen im Feuer der Hölle. Denn einer Seele, welche geläutert von hinnen scheidet, wird jenes Feuer Nichts schaden; eine Seele aber, die von hier mit ihren Sünden abscheidet, wird jenes Feuer ergreifen; „denn,“ heißt es, „wie eines Jeden Wert beschaffen sei [S. 430] wird das Feuer bewähren.“1 Jetzt wollen wir uns selbst prüfen ohne Schmerzen, damit wir dann nicht geprüft werden mit Schmerzen. „Aber was du auch sagen magst,“ sprichst du, „das Gesetz ist doch schwer.“ Was willst du damit? Trägt uns Gott Unmögliches auf? Nein, sage ich. Verstumme und klage den Herrn nicht an; denn das rechtfertigt dich doch nicht, sondern du fügst zur frühern Sünde eine noch schwerere bei. Daß aber viele Sünder ihre Schuld dem Herrn beizumessen gewohnt sind, das höre nun. Es kam der Knecht, dem fünf Talente anvertraut waren und brachte fünf andere; es kam auch Der, dem zwei Talente anvertraut waren, und brachte zwei andere; es kam Der, welchem Ein Talent anvertraut war, und weil er kein anderes hervorbringen konnte, so brachte er statt des Talents eine Klage. Wie spricht er? „Ich wußte, daß du ein harter Mann bist.“2 Welche Verwegenheit des Knechtes! Es ist nicht genug, daß er gesündigt hat, er macht dem Herrn auch noch Vorwürfe: „Du erntest, wo du nicht gesäet hast, und sammelst, wo du nicht ausgestreut hast.“3 So ist’s auch im gewöhnlichen Leben; Alle, die nichts Gutes thun, vermehren ihre Sünde, indem sie den Herrn anklagen. Klage also den Herrn nicht an; er befiehlt nichts Unmögliches. Willst du erfahren, daß er nichts Unmögliches fordert? Viele thun mehr, als die Gebote verlangen; wären sie aber unmöglich, so könnten sie dieselben aus eigenem Antriebe nicht übertreffen. Er hat die Jungfrauschaft nicht geboten und doch halten sie Viele; er hat die Armuth nicht geboten, und doch werfen Viele das Ihrige weg, um durch die Werke zu zeigen, daß die Gebote gar leicht, zu beobachten sind; denn sie hätten dieselben, wenn sie nicht leicht wären, wohl nicht übertroffen. Er hat die Jungfrauschaft nicht geboten; denn wer sie befiehlt, stellt auch den unter den Zwang des Gesetzes, der sie nicht beobachten will; wer aber dazu rathet, der macht den Zuhörer zum Herrn seines eigenen Willens. Deßhalb spricht auch [S. 431] Paulus: „Von den Jungfrauen habe ich kein Gebot des Herrn, ich gebe aber einen Rath.“4 Siehst du, daß es nicht ein Gebot, sondern ein Rath ist? Siehst du, daß es kein Befehl, sondern eine Ermunterung ist? Das ist aber ein großer Unterschied: das Eine muß man thun, beim Andern ist’s freier Wille. „Ich befehle nicht,“ sagt er, „damit ich keine Last auflege; ich ermahne und rathe, um zu gewinnen.“ So auch Christus. Er sagte nicht: „Bewahret Alle die Jungfräulichkeit.“ Denn hätte er Allen befohlen jungfräulich zu bleiben und diese Anordnung zu einem Gesetze erhoben, so würde der, der es befolgt, nicht einer so großen Ehre genießen wie jetzt, und der Übertreter der größten Strafe sich aussetzen. Siehst du, wie uns der Gesetzgeber schont? Wie er für unsere Wohlfahrt besorgt ist? Denn konnte er nicht auch dieses Gebot geben und sagen: „Die Jungfrauen bleiben, sollen belohnt, die nicht Jungfrauen bleiben, sollen bestraft werden?“ Allein er hätte so der Natur eine Last aufgebürdet; er schont aber unsere Natur. Er hat die Jungfräulichkeit vom Kampfplatze ausgeschlossen, hat sie über die (gewöhnlichen) Kämpfe erhoben, damit sowohl Diejenigen, die sie dennoch bewahren, ihre persönliche Großherzigkeit zu zeigen vermögen, und die sie nicht bewahren, dennoch sich der Gnade des Herrn erfreuen.

So hat er auch bezüglich der Armuth kein Gebot aufgestellt; er hat nicht schlechthin gesagt: „Verkaufe, was du besitzest,“ sondern: „Wenn du willst vollkommen sein, gehe bin, verkaufe, was du besitzest.“5 Es sei deiner Willkür anheimgestellt; sei Herr deiner Entschließung. Ich zwinge Niemanden; ich beschwere Niemanden; allein ich kröne Den, der meinen Rath annimmt, bestrafe aber Den nicht, der ihn verschmäht. Denn was man aus Pflicht und Schuldigkeit thut, das erhält keine so große Belohnung; was aber aus freiem Willen und eigenem Entschluß geschieht, das erhält einen glänzenden Lohn. Ich führe dafür den Paulus als [S. 432] Zeugen an: „Wenn ich das Evangelium predige,“ sagt er, „so darf ich mich dessen nicht rühmen.“ Warum? Denn es liegt mir ob, es zu verkünden; wehe aber mir, wenn ich es nicht verkünde.“6 Du siehst, daß Der, welcher die Gebote befolgt, keinen großen Lohn erntet; denn es ist seine Pflicht; wer sie aber nicht beobachtet, der unterliegt der rächenden Strafe; „denn wehe mir,“ sagt er, „wenn ich das Evangelium nicht verkünde.“ Was man aber freiwillig thut, damit verhält es sich anders. Was sagt der Apostel davon? „Was ist also mein Lohn? Daß ich das Evangelium Gottes ohne Kosten verkünde, damit ich nicht meine Gewalt mißbrauche.“ Dort war es Gebot; deßhalb empfing er keine große Belohnung; dieses aber stand in seinem freien Willen, und deßhalb erhielt er einen reichlichen Lohn.

1: I. Kor. 3, 13.
2: Matth. 25, 24.
3: Luk. 19, 21.
4: I. Kor. 7, 25.
5: Matth. 19, 21.
6: I. Kor. 9, 16.

 

 

Informationen
Quellenangabe
Inhaltsverzeichnis
Einleitung: Homilien über die Buße
Bilder Vorlage

Navigation
. Erste Homilie von ...
. Zweite Homilie von ...
. Dritte Homilie. Von ...
. Vierte Homilie über ...
. Fünfte Homilie. Über ...
. Sechste Homilie von ...
. . Inhalt.
. . 1.
. . 2.
. . 3.
. . 4.
. . 5.
. Siebente Homilie über ...
. Achte Homilie über ...
. Neunte Homilie über ...

Titel Top Back Next
 
Kontakt: Griechische Patristik und orientalische Sprachen - Miséricorde - Av. Europe 20 - CH-1700 Fribourg
Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger