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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Sechste Homilie von der Buße, in der sechsten Woche der heil. Fastenzeit.

2.

Siehst du, wie die Lehren, welche du hier vernimmst, nach allen Seiten Nutzen gewähren, was du aber dort hörst, nach allen Richtungen unbrauchbar sei? Sage mir: Was nützt denn das Fasten, wenn du dem Leibe nach zwar enthaltsam bist, mit den Augen aber die Ehe brichst? Denn Ehebruch ist nicht nur eine Verbindung oder Vermischung des Fleisches, sondern auch ein geiler Blick. Was nützt es dir, wenn du von dieser Stätte an jenen Ort gehst? Ich bessere, jener verdirbt; ich gebe Arznei wider die Krankheit, jener ruft die Krankheit hervor; ich lösche das Feuer der Natur, jener zündet die Flamme der Sinnlichkeit an. Was nützt es, sag’ es mir? „Der Eine baut, der Andere reißt nieder; was haben sie für einen weitern Nutzen davon als Anstrengung?“1 Wir wollen also nicht hier und dort, sondern nur hier verweilen, damit es hier nicht vergebens und fruchtlos, nicht unnütz und zu unserm Verderben geschehe. „Einer baut, der Andere reißt nieder; was haben sie für einen weitern Nutzen davon als Anstrengung?“ Ja selbst, wenn Viele bauten, und nur Einer zerstörte, so bliebe dieser doch Sieger über die Vielen, denn es ist leichter zerstören als bauen. Es ist in der That eine große Schande, daß Jünglinge und Greise mit solcher Begierde dahin laufen. Jedoch wollte Gott, es reichte das Übel nur bis zur Schande! Ist diese doch für einen freien Mann nicht zu ertragen, und Verachtung und Schmach für einen vernünftigen Menschen die empfindlichste Strafe. Allein die Strafe besteht nicht bloß in der Schande, sondern es lastet darauf eine gewaltige [S. 427] Rache und Buße. Denn es ist nothwendig, daß Alle, welche jene Sitze einnehmen, theilnehmen an der Sünde des Ehebruchs, nicht weil sie sich mit den dort befindlichen Weibern vermischen, sondern weil sie dieselben mit unzüchtigen Augen anschauen. Daß aber diese nothwendig die Ehe brechen, dafür will ich, damit ihr darauf achtet, nicht mein Wort einsetzen, sondern euch die göttliche Satzung vortragen, die man doch keineswegs gering achten darf. Was sagt nun die göttliche Satzung? „Ihr habt gehört, daß zu den Alten gesagt wurde: Du sollst nicht ehebrechen; ich aber sage euch: Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, der hat die Ehe im Herzen schon gebrochen.“2 Siehst du den vollendeten Ehebruch? Siehst du die begangene Sünde? Und was das Schlimmste ist, der in diesem Ehebruch ergriffene Sünder ist nicht bei Menschen, sondern beim göttlichen Richterstuhle des Verbrechens schuldig, und hier sind ewige Strafen; „denn Jeder, der ein Weib ansieht, hat die Ehe in seinem Herzen schon gebrochen.“ Gott reißt nicht bloß die Krankheit, sondern auch die Wurzel der Krankheit heraus. Denn die Wurzel des Ehebruches ist die unreine Begierde; deßhalb bestraft er nicht nur den Ehebruch, sondern auch die Begierde, die Mutter des Ehebruchs. So machen es auch die Ärzte; sie bleiben nicht bei den Krankheiten stehen, sondern machen sich auch an die Ursachen selbst. Wenn sie kranke Augen sehen, so suchen sie die schlechten Säfte vom Haupte und den Schläfen zu entfernen. So macht es auch Christus. Der Ehebruch ist eine gefährliche Augenkrankheit; er ist eine Augenkrankheit, nicht bloß des Leibes, sondern mehr noch der Seele; deßhalb verstopft er den Zufluß der Schamlosigkeit durch die Furcht vor dem Gesetze; deßhalb straft er nicht nur den Ehebruch, sondern auch die Begierde: „Der hat die Ehe schon in seinem Herzen gebrochen.“ Wenn aber das Herz verdorben ist, was bleibt noch Gutes am Körper? Denn gleichwie wir bei Pflanzen und Holz, wenn wir sehen, daß [S. 428] das Herzblatt weggefressen ist, das Übrige wegwerfen: so taugt auch beim Menschen, ist sein Herz zu Grunde gerichtet, die übrige Gesundheit des Leibes Nichts mehr. Ist der Fuhrmann umgekommen, zerquetscht, herabgeworfen, so laufen die Pferde vergeblich. Das Gesetz ist freilich beschwerlich und fordert viel Anstrengung, bietet aber auch eine große Belohnung; denn was große Mühe kostet, hat auch Anspruch auf reiche Vergeltung, Du aber sieh’ nicht auf die Arbeit, sondern denk’ an den Lohn; denn so geschieht es ja auch bei den gewöhnlichen Geschäften. Denn wenn du bei den guten Werken auf die Anstrengung siehst, so ist sie hart und beschwerlich; schaust du aber auf die Belohnung, so ist die Ausführung leicht und überaus angenehm. So ist es auch mit dem Steuermann: sieht er nur auf die Wogen, so wird er nie sein Schiff aus dem Hafen entfernen; weil er aber mehr auf den Gewinn schaut als auf die Wellen, so wagt er sich auf die unermeßliche See. So auch der Krieger: sähe er bloß auf Wunden und Mord, so würde er nie den Panzer anziehen; wenn er aber eher an Sieg und Triumph als an die Wunden denkt, so eilt er, wie auf eine liebliche Wiese, zum Kampf. Denn was von Natur beschwerlich erscheint, wird leicht, wenn wir nicht der Mühen gedenken, sondern den Lohn derselben betrachten. Willst du wissen, wie das von Natur Beschwerliche leicht wird, so höre die Worte des Paulus: „Die Trübsal, die schnell vorübergehend und leicht ist, wirkt in uns eine überschwengliche und ewige Herrlichkeit.“3 Dieser Ausspruch ist ein Räthsel. Wie kann Etwas eine Trübsal und leicht, oder leicht und eine Trübsal sein? Denn das widerspricht sich. Allein Paulus löset das Räthsel, indem er im Zusatze zeigt, wie die Trübsal leicht wird. Wie? „Wenn wir nicht auf das Sichtbare sehen.“ Gott hat die Krone versprochen und den Kampf dadurch erleichtert; er hat den Kampfpreis gezeigt und damit einen Trost für unsern Schweiß. Siehst du also ein [S. 429] Weib mit reizendem Antlitz, in glänzender Kleidung; siehst du, daß die Begierde dich kitzelt; siehst du, daß deine Seele sich nach ihrem Anblicke sehnt: so blicke auf zur Krone, die oben dir winkt, damit du einem solchen Anblick entrinnest. Hast du eine Mitmagd gesehen? Denke an den Herrn, und du wirst die Krankbeit gründlich vertreiben. Denn wenn Knaben, die ihrem Lehrer folgen, sich nicht herumtreiben, nicht müssig herumstehen, nicht vom Studium ablassen; so wird dir Dieß um so viel weniger begegnen, wenn du auf Christus, der die Gedanken kennt, schaust. „Wer ein Weib ansieht, um ihrer zu begehren, hat in seinem Herzen die Ehe schon gebrochen.“ Freudig und öfter lese ich die Worte des (göttlichen) Gesetzes. O daß ich doch und zwar den ganzerr Tag euch damit unterhalten könnte, oder besser gesagt, nicht sowohl euch, als Die, welche in Sünden dahinleben; aber dennoch auch euch, denn auch ihr würdet kräftiger werden, die aber krank sind, würden desto eher die Gesundheit erlangen.

1: Eccli. 34, 28.
2: Exod. 20, 14. Matth. 5, 27. 28.
3: II. Kor. 4, 17.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger