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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Sechste Homilie von der Buße, in der sechsten Woche der heil. Fastenzeit.

1.

Wie angenehm sind uns die Wellen dieses geistigen Meeres, angenehmer noch, als die des wirklichen! Denn jene (des wirklichen Meeres) werden von den ungestümen Winden, diese von der Begierde, (das göttliche Wort) zu hören, erregt. Jene, wenn sie sich erheben, versetzen den Steuermann in gewaltige Angst; diese, wenn sie sich zeigen, machen dem Redner viel Muth; denn jene sind Zeichen eines tobenden Meeres, diese aber Zeichen einer fröhlichen Seele; jene, an Felsen sich brechend, geben einen dumpfen Laut, diese, durch das Wort der Lehre gebrochen, geben einen lieblichen Ton. Ebenso fällt auch der Hauch des Zephyrs auf die Saaten; ihre Häupter wallen, von ihm gebeugt und wieder aufgerichtet, auf und nieder und ahmen das Wogen des natürlichen Meeres nach. Aber der Anblick der geistigen Wellen ist angenehmer, als selbst der dieser wogenden Saaten; denn nicht das Wehen eines Zephyrs, sondern die Gnade des heil. Geistes erregt und entzündet euere Seelen und jenes Feuer, von dem Christus einst sagte: „Ich bin gekommen, auf die Erde ein Feuer zu senden, und was will ich anders, als daß es angezündet werde?“1 Ich sehe, daß dieses Feuer in eueren Herzen sich findet und brennt. Weil uns also die Furcht Christi so viele Lampen angezündet hat, wohlan, so wollen wir das Öl der Lehre hineintröpfeln lassen, damit uns das Licht um so nachhaltiger leuchte. Übrigens wird die Fastenzeit bald ihr Ende erreichen; denn da wir in die Mitte des Kampfplatzes gekommen sind, so eilen [S. 424] wir vollends zum Ende. Denn wie der, welcher zu laufen beginnt, die Mitte zu erreichen bestrebt ist, so sucht der, welcher dieselbe erreicht hat, an das Ziel zu gelangen. Die Fastenzeit geht also zu Ende, und das Schiff erblickt von ferne den Hafen; doch es handelt sich nicht darum, in den Hafen zu kommen, sondern daß wir nicht mit einem unbefrachteten Schiffe einlaufen. Ich ersuche und bitte euch flehentlich alle, daß Jeder in seinem Gewissen diesen geistigen Handel des Fastens bedenke: findet einer, daß er schon grossen Gewinn gemacht hat, so trachte er noch mehr zu gewinnen; hat er aber noch Nichts gesammelt, so verwende er die übrige Zeit zu diesem Geschäfte. Solange der Markt dauert, wollen wir uns bemühen, viel zu gewinnen, daß wir nicht mit leeren Händen davon gehen, die Beschwerde des Fastens zwar tragen, den Lohn dafür aber verlieren. Denn man kann die Beschwerde des Fastens ertragen und die Frucht desselben verlieren. Wie das? Wenn wir uns nämlich der Speisen, nicht aber der Sünden enthalten; wenn wir zwar kein Fleisch essen, aber die Häuser der Armen verspeisen; wenn wir uns zwar nicht im Weine berauschen, aber von schändlichen Listen taumeln; wenn wir zwar den ganzen Tag nüchtern bleiben, aber denselben bei unzüchtigen Schauspielen zubringen. Siehe, das heißt die Mühe des Fastens haben, aber keinen Gewinn daraus ziehen, wenn wir zu den Schauspielen des Lasters hinlaufen. Ich sage das nicht wider euch; denn ich weiß, daß ihr frei von diesem Vorwurfe seid; allein so pflegen es Jene zu machen, die Schmerzen empfinden, daß sie in Abwesenheit derer, welche daran Ursache sind, an den gegenwärtigen Personen ihren Zorn auslassen. Was nützt das Fasten denjenigen, welche die Schauplätze der Bosheit besuchen, die öffentliche Schule der Unzucht und den gemeinschaftlichen Tummelplatz der Frechheit betreten und auf den Sitzen der Pest sich niederlassen? Denn man sündigt in der That nicht, wenn man das Theater einen Sitz der Pest, einen Tummelplatz der Ausschweifung und jeglicher Schlechtigkeit nennt, jenen schändlichen Ort, der voll von lauter Seuchen ist, jenen babylonischen Feuerofen! Denn [S. 425] der Satan schleudert die Stadt in’s Theater, wie in einen Feuerofen und zündet ihn von unten aus an, indem er, nicht wie dort jener Barbar, Reisig unterlegt, noch Naphta,2 noch Werg, noch Pech, sondern mit Dingen, die weit gefährlicher sind, mit geilen Blicken, schändlichen Worten, weichlichem Tanz und Gesängen voll Schande und Bosheit. Jenen Ofen nun zündeten barbarische Hände an, diesen aber entzünden Gedanken, die thörichter sind als jene Barbaren. Dieser Ofen ist schlimmer als jener, weil das Feuer schädlicher ist; denn es zerstört nicht den natürlichen Leib, sondern das Heil der Seele, und das Schlimmste ist, daß die Gebrannten Dieß gar nicht bemerken; denn empfänden sie es, so würden sie nicht dabei in ein schallendes Gelächter ausbrechen. Das ist aber das größte Übel, wenn ein Kranker nicht einmal weiß, daß er krank ist, und wenn einer elendiglich und jämmerlich verbrennt und die Feuersbrunst dennoch nicht merkt. Was nützt denn das Fasten, wenn du zwar dem Körper die gewöhnliche Nahrung entziehst, der Seele aber eine schädliche reichst? Wenn du den Tag gemächlich dort durchbringst und siehst, wie die Natur geschändet und verführt wird, wenn du unzüchtige Weiber und jene begaffest, welche die Ehebrüche und Laster eines jeglichen Hauses aufsammeln und auf der Bühne darstellen? Denn man kann dort Buhlereien und Unzucht sehen und Lästerungen hören, damit das Gift sowohl durch die Augen als auch durch die Ohren in die Seele eindringt. Die Schauspieler äffen die Noth anderer Leute nach, daher auch ihr Name mit Schande bedeckt ist. Was nützt nun das Fasten, wenn die Seele eine solche Nahrung erhält? Mit welchen Augen wirst du nach einem solchen Schauspiel dein Weib ansehen? Mit welchen Augen deinen Sohn anblicken? Mit welchen deinen Knecht, deinen Freund? Du mußt unverschämt sein, wenn du erzählen willst, was dort geschah, oder schweigen und erröthen. Von hier aber ziehst du nicht also fort, sondern du [S. 426] kannst zu Hause Alles, was du gehört, ganz dreist wieder erzählen, die prophetischen Aussprüche, die apostolischen Lehren, die göttlichen Gesetze; du kannst ihnen einen ganzen Tisch von Tugend vorsetzen und machst so deine Frau mit dergleichen Erzählungen keuscher, deinen Sohn verständiger, deinen Knecht williger, deinen Freund besser gesinnt und wird selbst den Feind überreden, seinen Haß fahren zu lassen.

1: Luk. 12, 49.
2: Νάφθα ist eine Art leicht entzündlichen Bergöls.

 

 

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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger