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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Fünfte Homilie. Über die Muße, den Propheten Jonas und die drei Knaben im Feuerofen. Gehalten zum Eingang in die heil. Fastenzeit.

5.

Erschrecken wir also nicht vor dem Fasten, das uns von so vielen Übeln befreit. Denn nicht ohne Grund ermahne ich euch dazu; sondern weil ich sehe, daß gegenwärtig Viele darin nachlässig sind und davor zurückschaudern, als ob sie einer wilden Furie übergeben werden sollten, dagegen der Trunkenheit und Schwelgerei sich ergeben und sich zu Grunde richten. Deßwegen ermahne ich euch, euch nicht der Vortheile, die das Fasten gewährt, durch Völlerei und Unmäßigkeit zu berauben. Denn wenn magenschwache Leute, falls sie bittere Arznei nehmen sollen, mit Speise sich überfüllen und so das Heilmittel nehmen, so schmecken sie zwar das Bittere der Arznei, aber ohne Nutzen, weil die Speisen die Wirkung der Arznei gegen die verdorbenen Säfte erschweren. Daher verordnen die Ärzte, sich, ohne vorher gegessen zu haben, niederzulegen, damit die ganze Kraft der Arznei gleich Anfangs gegen die schädlichen Säfte zu wirken [S. 420] vermöge. So ist es auch mit dem Fasten: Wenn du dich heute voll trinkest und morgen dagegen das Heilmittel nimmst, so ist dieses vergeblich und unnütz. Wohl hast du die Anstrengung, ziehst aber keinen Nutzen daraus, weil du die ganze Kraft der Arznei gegen das Übel, das du dir eben zugezogen, verbrauchst. Bereitest du ihr aber einen erleichterten Leib, und nimmst du das Heilmittel mit nüchterner Seele, so wirst du dich von vielen alten Gebrechen reinigen können. Wir wollen also nicht von der Trunkenheit zum Fasten eilen und uns nicht vom Fasten wieder zur Trunkenheit kehren, damit es uns nicht ergehe wie einem, der einen kranken Körper hat und aufzustehen versucht, aber durch einen Fußtritt leicht wieder zur Erde fällt. Dasselbe geschieht auch bezüglich unserer Seele, wenn wir am beiderseitigen Ende der Fasten, sowohl beim Beginne derselben, als am Schlusse, die in uns vorgegangene Reinigung durch die Wolke der Trunkenheit verdunkeln. Denn wie Diejenigen, welche mit wilden Thieren kämpfen wollen, die wichtigsten Glieder mit mancherlei Waffen und Rüstung bedecken und den Kampf gegen dieselben beginnen, so machen es auch jetzt viele Menschen. Gleich als hätten sie mit dem Fasten, wie mit einem wilden Thiere zu kämpfen, waffnen sie sich mit Berauschung, füllen sich bis zum Bersten und verfinstern ihren Verstand und erwarten in solch’ ungebührlichem Zustande den heitern und ruhigen Anblick der Fasten. Wenn ich dich fragen würde: „Warum gehst du heute in’s Bad?“ so wirst du antworten: „Damit ich mit gereinigtem Körper das Fasten beginne.“ Wenn ich aber die Frage stellte: „Warum berauschest du dich?“ So wirst du erwidern: „Weil ich bald fasten muß.“ Ist es also nicht thöricht, diese so herrliche Festzeit1 mit reinem Leibe, aber mit unreiner und berauschter Seele zu beginnen? Wir hätten noch mehr zu sagen als das, allein den Verständigen genügt das zur Besserung. Ich [S. 421] muß also meine Rede beschließen; denn mich verlangt noch, die Stimme des Vaters zu hören. Denn wir blasen gleich Hirtenknaben auf schmächtigem Rohr unter einer Eiche oder einem Ahorn sitzend im Schatten dieser heiligen Versammlung; dieser aber ermuntert, gleich einem ganz ausgezeichneten Meister, der eine goldene Zither spielt, durch die Harmonie seiner Töne die ganze Versammlung. Ebenso schafft uns derselbe, nicht durch harmonische Töne, sondern durch die Übereinstimmung seiner Worte und Werke, den größten Nutzen. Solche Lehrer fordert auch Christus2: „Denn,“ sagt er, „wer thut und lehrt, wird groß genannt werden im Himmelreiche.“ So ist unser Vater; deßhalb ist er auch groß im Himmelreiche. Möchten doch auch wir durch sein und aller Bischöfe Gebet des Himmelreichs würdig erachtet werden durch die Gnade und Liebe unseres Herrn Jesu Christi, dem mit dem Vater und dem heiligen Geist Ehre sei jetzt und alle Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen. [S. 422]

1: Im Texte steht: ἑορτήν; Morel setzte dafür: ἀρετήν, also: die Ausübung dieser so herrlichen Tugend.
2: Matth. 5, 19.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger