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Chrysostomus († 407) - Homilien über die Buße (De paenitentia homiliae)
Fünfte Homilie. Über die Muße, den Propheten Jonas und die drei Knaben im Feuerofen. Gehalten zum Eingang in die heil. Fastenzeit.

4.

Du hast den Propheten auf seiner Flucht gesehen; höre ihn nun auch aus dem Bauche des Fisches sein Bekenntniß ablegen. Dort erschien er in menschlicher Schwachheit; hier aber zeigte er sich als Prophet. Das Meer nahm ihn also auf und verschloß ihn in den Bauch des Wallfisches, wie in ein Gefängniß, um den Flüchtling unversehrt für den Herrn aufzubewahren. Weder die furchtbaren Wogen erstickten ihn, noch tödtete ihn im Bauche der Wallfisch, der grimmiger war als das Meer, sondern bewahrte ihn auf und führte ihn zur Stadt. Sowohl das Meer als der Wallfisch gehorchten gegen ihre Natur, damit der Prophet durch Alles Gehorsam lerne. Er kömmt also in die Stadt, verkündet den Ausspruch des Herrn, wie einen königlichen Befehl, der eine Bestrafung enthält, ruft laut und spricht: „Noch drei Tage, und Ninive wird zerstört werden.“1 Die Einwohner hörten das und glaubten es und schlugen es nicht nur nicht in den Wind, sondern eilten Alle sogleich zum Fasten, Männer, Weiber, Sklaven, Herren, Fürsten, Unterthanen, Knaben, Greise, ja selbst die unvernünftigen Thiere schloßen sie nicht aus von dieser Verbindlichkeit: überall Sack und Asche, überall Thränen und Seufzer; denn der König selbst stieg von seinem Throne, legte das Diadem ab, legte sich auf den Bußsack, bestreute sich mit Asche und befreite so die Stadt aus der Gefahr. Es war ein ganz neues Schauspiel, daß der Purpur mit dem Sacke vertauscht wurde. Denn was der Purpur nicht vermochte, das vermochte der Sack; was die Krone nicht bewirkte, das brachte die Asche zu Stande. Siehst du, daß ich nicht umsonst sagte, [S. 418] man habe sich nicht vor dem Fasten, wohl aber vor Betrunkenheit und Völlerei zu hüten; denn die Trunkenheit und Völlerei hat die feste Stadt erschüttert und bis zum Falle gebracht; das Fasten aber richtete sie auf, da sie schon wankte und den Einsturz drohte. Mit diesem ging Daniel in die Löwengrube und kam heraus, als wäre er unter zahmen Schafen gewesen. Denn obgleich sie vor Wuth brannten, und Blutdurst aus ihren Augen blitzte, so rührten sie doch die vorgeworfene Beute nicht an, ungeachtet die Natur sie dazu reizte (denn nichts ist grausamer, als diese Thiere), und obgleich der Hunger (denn seit sieben Tagen hatten sie keine Nahrung Nahrung erhalten), wie ein Henker von innen sie drängte und ihnen zurief, die Eingeweide des Propheten zu zerreissen,2 so hatten sie doch Ehrfurcht vor dieser Speise. Mit diesem Fasten kamen auch die drei Knaben in den Feuerofen zu Babylon, blieben lange Zeit im Feuer und kamen heraus mit Leibern, die schimmernder waren, als das Feuer. Wenn also jenes Feuer ein wirkliches Feuer war, warum doch äußerte es nicht seine Kraft? Wenn jene Körper wirkliche Körper waren, warum traf sie nicht dasselbe Schicksal, wie andere Körper? Wie! Frage das Fasten, und es wird Antwort geben und dein Räthsel lösen. Denn es war wirklich ein Räthsel; denn die Natur der Leiber kämpfte gegen die Natur des Feuers, und der Sieg stand auf auf Seite der Leiber. Hast du den merkwürdigen Kampf betrachtet? den noch merkwürdigeren Sieg bewundert? Bewundere das Fasten und nimm es auf mit ausgestreckten Armen. Denn, wenn dasselbe im Feuerofen hilft, in der Löwengrube bewahrt, die Teufel vertreibt, den Ausspruch Gottes aufhebt, den Sturm der Leidenschaften besänftigt, uns zur Freiheit zurückführt [S. 419] und in unsern Gedanken große Ruhe bewirkt: wie sollte es nicht die größte Thorheit sein, dasselbe zu fliehen und zu fürchten, da es so viele Güter darbietet? „Es schwächt aber,“ heißt es, „und entkräftet unsern Körper.“ Aber je mehr der äussere Mensch an uns schwindet, desto mehr wird der innere von Tag zu Tag erneuert;3 ja im Gegentheil, willst du die Sache genau untersuchen, so wirst du finden, daß es die Mutter der Gesundheit sei. Und schenkst du meinen Worten nicht Glauben, so frage die Ärzte darüber; diese werden es dir besser erklären, sie, welche die Enthaltsamkeit eine Mutter der Gesundheit nennen und sagen, daß die Schmerzen an den Füßen und am Haupte und Schlag und Schwindsucht und Wassersucht und Entzündungen und Geschwulst und die Anfälle tausend anderer Krankheiten vom Wohlleben und der Schwelgerei herkommen, wie aus einer ganz verdorbenen Quelle schlechtes Wasser, und sowohl der Gesundheit des Leibes als dem Heile der Seele Schaden zufügen.

1: Jon. 3, 4.
2: Wir ziehen die Lesart: λαγόνων ἀπτεσθαι (Savil. Et unus Reg. Morel.) der andern: λαγόνων μὴ ἅπτεσθαι vor. Nach der letzteren würde es heissen: Sie hatten Ehrfurcht vor dieser Speise, als ob ein Henker von innen sie drängte und ihnen zuriefe, die Eingeweide des Propheten nicht zu zerreissen.
3: II. Kor. 4, 16.

 

 

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Einleitung: Homilien über die Buße
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Letzte Änderung am 4. April 2008.
Gregor Emmenegger